Agrarfrost erwartet mehr Vertragskartoffeln

Kontroversen über Risikoverteilung

Auf dem 2. Norddeutschen Kartoffeltag am 09. November im niedersächsischen Wildeshausen wurde von Fachleuten über den „Zukunftsmarkt Veredelungskartoffeln“ diskutiert. Herr Bruer von der am Ort ansässigen Firma Agrarfrost, die der Stöver Gruppe angehört, stellte die derzeitige Marktsituation aus Sicht seines Unternehmens dar. Dabei kommt er zum Schluss, dass zukünftig noch mehr frühe Vertragsabschlüsse zustande kommen. Der freie Markt werde hingegen an Bedeutung verlieren. Er räumte allerdings ein, dass für die kommende Saison noch keine Abschlüsse vorliegen.

Die Verarbeiter werden mit vielfältigen Angeboten auf die Kartoffelerzeuger zugehen. Für frühzeitige Abschlüsse sollen zukünftig die besten Preise gezahlt werden. Da durch verbesserte Technik die Lagerware immer länger reicht, werden Frühkartoffeln an Bedeutung verlieren. Außerdem soll mit Zu- oder Abschlägen ein stärkerer Anreiz für die Qualitätsproduktion gegeben werden. Er bezifferte den aktuellen Aufpreis auf frühere Vertragspreise mit rund 500 bis 600 €/ha. Das sei der Betrag, der durch die Energie/Lebensmittel-Konkurrenz auf dem Acker entstanden sei. Analog zum gestiegenen Getreidepreis benötigt der Kartoffelproduzent 1,5 €/dt mehr, so Bruer.

Dieser Trend sei auch in den Nachbarländern zu beobachten. Der Preisaufschlag beziffere sich im Allgemeinen um 10 bis 15 %, sodass Kontraktpreise für die Ernte 2008 irgendwo zwischen 10 und 12 €/dt lägen. Wegen der turbulenten Getreidepreisentwicklungen herrschten sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen vor. So sei auch erklärbar, dass noch keine Vertragsabschlüsse für die kommende Saison zustande gekommen seien. Dennoch erwarte die Stöver-Gruppe zukünftig mehr und insbesondere frühzeitige Abschlüsse mit der Landwirtschaft. Das erhöhe die Planungssicherheit, die der Konzern ebenso benötige, wie der Landwirt, der sein maßgebliches Einkommen aus der Kartoffelproduktion verdienen will.

Die Problematik der Preisfindung machte der Geschäftsführer der Industriekartoffel-Erzeugergemeinschaft Osteheide eG (IKEGO) Herr Gerhard Müller zu seinem Thema. Die Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft hätten sich seit 2005 maßgeblich geändert. Es gibt Alternativen im Ackerbau, die in vielen Fällen auch dazu führen können, den Kartoffelanbau einzustellen. Diejenigen, die dabei bleiben wollen, seien aber an einer engen Bindung zu ihrem Abnehmer interessiert. Deshalb gab er ebenfalls die Prognose ab, dass der Anbau von Vertragskartoffeln zukünftig eine große Bedeutung haben werde. Da die Preisgestaltung stets ein Streitthema war und in zunehmend volatilen Märkten wohl auch weiterhin sein wird, plädierte er für die Einbeziehung der Warenterminbörse, deren Notierungen eine Orientierung für die Auszahlungspreise geben sollten. So können beide Parteien ihren individuellen Preis fixieren und bei Übergabe der Ware gleichzeitig die Glattstellung der Terminmarktpositionen ver-einbaren (Der EFP-Vertrag). Über den Nutzen der Terminbörse wurde kontrovers diskutiert. Es gab entschiedene Gegner, da der Landwirt als Verkäufer einer Terminpreisposition in die Liquiditätsfalle tappen könne. Zudem seinen die Qualitätsrisiken bei einem Produkt wie Kartoffeln besonders hoch, sodass eine Vertragserfüllung bis zum Schluss das Risiko des Landwirts wäre.

Aber genau dieses Risiko will z.B. Agrarfrost dem Landwirt mit einem frühzeitigen Lieferversprechen abringen und ihn damit in die Mengen- und Qualitätsspekulation treiben. Wäre der Landwirt wirklich der Idealpartner, so müsste in den Festpreisen neben den Produktionskosten noch ein Aufschlag für Qualitätsrisiken oder zumindest eine stärke Marktorientierung enthalten sein. Das war bisher nicht der Fall und ist trotz der nachgebesserten Preisen auch nicht anders, denn mit 1,5 €/dt mehr können kaum die erhöhten Betriebsmittelkosten kompensiert werden, die gestiegen Pachten wurden bisher nicht berücksichtigt.

Mein Fazit: Die Verarbeiter haben in Zukunft ein erhöhtes Rohwaren-Beschaffungsrisiko. Mit festen Vertragspreisen nahe den Produktionskosten wurde dieses Risiko stets und zum großen Teil auf den Landwirt übertragen. Dieser trug also nicht nur das Mengen- sondern auch das Qualitätsrisiko. Zurzeit findet in der Landwirtschaft ein Umdenkungsprozess statt, bei deren Abwägung sich viele Landwirte gegen die Kartoffelproduktion entscheiden werden. Die Verarbeiter stehen zukünftig also vor der Wahl, die Festpreisgebote so weit zu erhöhen, dass die Risiken besser ausgewogen sind, oder je nach Marktlage flexible, von der Börse abgeleitete Preise zu zahlen. Ob beiden Parteien dabei EFP-Verträge abschließen, oder ob nur eine Partei die Börse nutzt, spielt dabei zunächst einmal keine Rolle.

Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH

Geschrieben von HANSA Terminhandel am
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