Deutsche Einheit - eine andere Perspektive

Sagt Euch der Name Gremliza (Hermann Ludwig) etwas? Herausgeber der linken Zeitschrift "Konkret". Diesen Beitrag hat er vor gut 20 Jahren veröffentlicht, bzgl. Maueröffnung und Perspektive(n) für den realen Sozialismus:

Werte Genossen! Ein Beitrag des Zentralorgans Ihrer Partei ("Neues Deutschland" vom 5. Oktober 1989), der mir den Titel "besonnener BRD-Bürger" verleiht, ermutigt mich, Ihnen eine Anregung, die Zukunft Ihrer Partei und der von ihr regierten DDR betreffend, zu unterbreiten, die Sie an der Richtigkeit des ausgesprochenen Lobs zweifeln lassen könnte.

Auch wer das Geschick und die Anstrengungen nicht unterschätzt, die eine feindliche Umwelt entfaltet, um die Bevölkerung der DDR gegen Sie aufzuwiegeln, könnte nur mit Vorsatz noch übersehen, daß eine sehr große Zahl Ihrer Bürger ein Leben in Verhältnissen erstrebt, wie sie jenseits Ihrer Westgrenze üblich zu sein scheinen. Daß viele der Vorstellungen, die Ihre Bürger sich da machen, illusionär sind, werden sie sich von Ihnen nicht mehr erzählen lassen. Wie beim Wettkampf um die höchste Arbeitsproduktivität bleibt das kapitalistische System auch in der Werbung für die Produkte dem Ihren für immer überlegen; nur jene rigorose Ausbeutung der Arbeitskraft, die Ihnen Ihre Klassiker verbieten, erzeugt den immensen Reichtum, der dem Geschäft der public relations die allverblödende Dynamik verleiht, gegen welche Ihre Propaganda auch dann keine Chance hätte, wenn sie auf die Kraft der Wahrheit vertraute. Erwägungen, die in diese Richtung gehen, sollten Sie also vergessen.

Ähnliches gilt für Vorschläge, denen sich bereits einige Ihrer Genossen angeschlossen haben, die in der DDR geltenden Verhältnisse zu "reformieren", sie als nichtkapitalistische zu bewahren und doch so umzugestalten, daß die Sehnsucht nach jenen anderen verschwindet. Auch dieser Versuch wäre verlorene Liebesmüh'. Ihre Gesellschaftsform ist inmitten einer kapitalistisch beherrschten Welt entstanden, und noch Ihr Gegenentwurf ist von den Gesetzen dieser Herrschaft bestimmt. Sie haben Fehler gemacht, Dummheiten, gewiß, und manche davon ließen sich korrigieren. Wer aber den Grund dafür, daß Sie keine Assoziation der Freien und Gleichen errichtet haben, in Ihrem bösen Willen sucht, ist ein Trottel bzw. Sozialdemokrat. Wie wenig sozialistisch (gemessen an den Kriterien der Herren Marx und Engels) die realsozialistischen Staaten auch waren und sehr zum kleineren Teil noch sind: Sie waren (und sind), im großen Ganzen, so "sozialistisch", wie die Realität der kapitalistischen Weltherrschaft es zuließ; viel mehr und ganz anderes war aus dem Vorgefundenen, zumal unter der aggressiven Belagerung, nicht zu machen - oder doch nur um den Preis von Risiken, die gescheut zu haben Sie sich erst heute vorwerfen können, da es schließlich auch auf die sichere Tour schiefgegangen ist.

Sie könnten natürlich Ihr Heil auch beim Heiland suchen, im Dialog mit der evangelischen Kirche, die zu schließen, als es noch Zeit war, Sie unterlassen haben. (Aber Sie glaubten ja, auf die Pfaffen, die schon zweimal in diesem Jahrhundert die deutschen Waffen gesegnet haben, beim Friedenskampf nicht verzichten zu können, und wollten nicht wahrhaben, daß sie es ein drittes Mal nur deshalb nicht taten, weil es real sozialistische waren.) Sie könnten (und ich fürchte: Sie werden, um die "führende Rolle der Partei" doch irgendwie zu retten) mit dem "Neuen Forum" und der "Sozialdemokratischen Partei" an Walesas "rundem Tisch" so lange deren rosa Quark löffeln, bis der Sozialismus sich real übergibt. (Ein "besserer Sozialismus"? Gewiß. Nach dem Vorbild jenes wunderbaren, den die kommunistische Partei Italiens, das heißgeliebte Vorbild aller "Reformer", verwirklicht hat.)

Was aber, um endlich zum angedrohten Vorschlag zu kommen, wenn Sie die Staatsmacht, anstatt sie langsam aus schweißnassen Händen sich winden zu lassen, noch einmal nutzten, der kapitalistischen Welt und ihren Betbrüdern und -schwestern eine letzte, unvergeßliche Lektion zu erteilen? Eine, die der Biographie älterer deutscher Kommunisten mehr Ehre machte als sogar die Teilnahme an einem Sekt-Empfang auf der Villa Hügel? Was, wenn Sie den Aufwallungen der bekannt guten, jetzt sogar noch besseren deutschen Volksseele hüben und drüben mit der folgenden Erklärung begegneten, die ich Ihnen ohne jede Sorge um mein Urheberrecht überlasse?:

"In Erwägung, daß es falsch war, den Bürgern der DDR zu versprechen, der reale Sozialismus werde eine mit kapitalistischen Verhältnissen vergleichbare Konsumfülle je erreichen; daß wir für den Versuch, das Unmögliche dennoch zu schaffen, viele unserer besten Gedanken und Traditionen verraten und verkauft haben; daß wir damit unsere Feinde nicht besänftigt und unsere Freunde abgestoßen haben; daß wir aber stolz darauf bleiben wollen, uns - wie Hermann Kant sagt - denen weggenommen zu haben, den deutschen Herrenmenschen, die den Hals nie voll kriegen können, und daß wir dafür Sorge tragen müssen, daß die uns nicht wiederbekommen; daß wir wie bisher nicht weitermachen können und so, wie uns vorgeschlagen, nicht wollen - haben Staats- und Parteiführung beschlossen:

Ab 1. Januar 1990 steht es jedem Bürger der DDR frei, seine Staatsbürgerschaft abzulegen und in ein Land seiner Wahl auszuwandern. Zum gleichen Zeitpunkt öffnet die DDR ihre Grenzen für Verfolgte aus allen Teilen der Welt: Tamilen, Kurden, Ghanaer, Palästinenser, Chilenen, Panamesen, Iren, Armenier, demnächst auch ungarische oder lettische Kommunisten - sie und viele mehr sind eingeladen, die Plätze der Auswanderer einzunehmen und, wenn sie möchten, auf Dauer Bürger der DDR zu werden.

Die Nationale Volksarmee wird aufgelöst. Da ohne den Rückhalt, den der Warschauer Vertrag bot, eine militärische Verteidigung unseres Staates gegen die westliche Übermacht nicht möglich wäre, können die der Rüstung und dem Kasernenleben gewidmeten Teile des Sozialprodukts für die Kosten aufgewandt werden, welche die Einübung der neuen Bürger an ihren Arbeitsplätzen verursachen wird.

Die Kräfte der Staatssicherheit, die Volkspolizei, die Betriebskampfgruppen und die Justiz sollen eine neue, der Humanität verpflichtete Aufgabe erhalten: Sie werden dafür sorgen, daß dem auch in der Bevölkerung der DDR, denn es sind Deutsche, virulenten Rassismus keine Chance gegeben wird, daß Rassisten ausgespäht und zu hohen Strafen verurteilt werden. Wir wissen, daß die Bestrafung auch von miesester Gesinnung nur ein Notbehelf ist; zum Schutz unserer neuen Bürger wird uns aber zunächst nichts anderes übrigbleiben, als von diesem Mittel Gebrauch zu machen.

Da viele der neuen DDR-Bürger aus Ländern kommen werden, in denen der Aberglaube noch tiefer sitzt als bei unseren Eingeborenen, wird ihnen die Ausübung ihrer Religion bis auf weiteres gestattet. Verboten aber wird schon jetzt die öffentliche Werbung für alle Aberglaubensgemeinschaften sowie die Abhaltung ihrer Riten außerhalb geschlossener Wohnungen. Geistliche gleich welcher Religion sind von der Einwanderung in die DDR ausgeschlossen; hier bereits tätige werden in ein Land ihres Glaubens ausgewiesen.

Unser Beschluß trägt "dem Fakt" (Walter Ulbricht) Rechnung, daß wir trotz beachtlicher ökonomischer Leistungen unserer Werktätigen, die die DDR auf Rang 10 der größten Industriestaaten gebracht haben, den Wettlauf mit dem kapitalistischen Nachbarn nicht fortsetzen können, weil wir nicht nur ihn, sondern in ihm die letzten Reste der Fähigkeit verlieren werden, eine Gesellschaft jenseits des Menschen und Natur zerstörenden Prinzips der Profitmaximierung planvoll und solidarisch zu gestalten. Wir haben uns deshalb auf unsere Pflicht besonnen, das humanistische Erbe der Aufklärung, der frühen Kommunisten, des Widerstands gegen Faschismus und Rassismus, das unsere Feiertagsreden bereichert hat, ohne Rücksicht auch auf schmerzhafte ökonomische Einbußen anzunehmen."

Wollen Sie, werte Genossen, die deutsche Bourgeoisie noch ein Mal in ein nie gehörtes Wutgeschrei ("Luthers Stadt von Kanaken erobert!") ausbrechen lassen? Wollen Sie einer Welt des Rassenhasses und der Mordsprofite eine Schamwelle übers geldgeile Gesichtchen treiben? Dann bedenken Sie den tolldreisten Vorschlag Ihres "besonnenen BRD-Bürgers". Sie, die von der Bürgerpresse und Ihrem eigenen Pöbel als Tattergreise nicht zuletzt deshalb Verhöhnten, weil Sie die Nazi-Lager leider überlebt haben, sind auch in Ihrer Partei die letzte Generation, auf deren Verständnis Erwägungen der vorgetragenen Art rechnen könnten; die Technokraten, die Ihnen nun zu folgen beginnen, werden dafür taub sein.

Die Risiken, die einzugehen Sie einst versäumt haben, waren geringer; jetzt, da Ihre Chancen geringer geworden sind, ist das Risiko umso größer. Und doch: Wäre selbst ein "Tout est perdu, fors l'honneur" nicht ein besserer Abgang von der Weltbühne als eine vom evangelischen Generaldirektor Stolpe und seiner Frau Bohley bewilligte Rente?

<B>Quelle</B>: <A HREF="http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=a5&quot; target="new">http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=a5</A&gt;

Geschrieben von JRM am
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