Kartoffeln: 2010 – Boomjahr für Agrarrohstoffe
Liquide Börsen sichern Produktionsstandorte
Das Jahr 2010 endet mit beeindruckenden Kurssteigerungen bei den Agrarrohstoffen. Binnen Jahresfrist konnten sich die Preise für Rapssaat um 66 %, Zucker um 68 %, Weizen um 71 % und Kartoffeln sogar um 126 % verbessern. Der Ackerbau lohnt sich wieder und Anleger wollen daran teilhaben.
Das starke Engagement der Investoren drückt sich in hohen Kontraktbeständen aus. Lag das Open Interest (O.I.) beim Matif-Weizen noch zum Beginn des Jahres bei rund 122.000 Lots, so waren es gestern knapp 100.000 Lots mehr. Die Mehrmenge entspricht immerhin fünf Mio. Tonnen Weizen. Bei der Rapssaat waren es knapp 30.000 Lots oder 1,5 Mio. Tonnen mehr. Auch bei dem Kartoffelfuture an der Frankfurter Eurex stieg das O.I. um stolze 87 % - von 3.582 auf 6.727 Lots. In absoluter Menge waren gestern also für 168.175 Tonnen Kartoffeln an der Börse Preise abgesichert – eine vergleichbar kleine Menge gemessen am tatsächlichen Aufkommen im europäischen Kassamarkt. Zum Vergleich: In den großen Kartoffelnationen Holland, Deutschland und Belgien wurden jeweils deutlich mehr als 3 Mio. Tonnen Kartoffeln als Verarbeitungsrohstoff eingesetzt.
Dieser Markt dürfte also noch kaum in den Fokus der professionellen Finanzinvestoren gerückt sein und selbst die Kartoffelbranche nutzt die Preisabsicherung nur zu einem geringen Teil. Während es beim Handel mit Weizen oder Raps gar keine Frage mehr ist, dass die Matif-Preise als Referenz für die Bezahlung herangezogen werden, sträuben sich die meisten Kartoffelverarbeiter in Europa immer noch gegen die Fremdbestimmung bei der Preisfindung durch die Börse. Aber genau das könnte ihnen rasch zum Nachteil gelangen. Wenn sie nämlich weiterhin den überwiegenden Teil ihres Rohstoffbedarfs zu Festpreisen einkaufen wollen, die sich in erster Linie an den Produktionskosten orientieren, dürften sich die Landwirte bei der Anbauentscheidung bevorzugt der Produktion zuwenden, die sich am freien Markt orientiert.
Dabei sichert eine Risikominderung an der Börse die Kalkulation der am Kassamarkt agierenden Parteien. Der Verarbeiter kauft sich frühzeitig eine am seinem Bedarf orientierte Menge Terminkontrakte. Die so gesicherten Preise schützen ihn vor Preissteigerungen im Kassamarkt und ermöglichen eine Kalkulation seiner Produktion. Parallel dazu bestellt er bei seinen Lieferanten die entsprechende Menge für spätere Termine und koppelt den Auszahlungspreis vertraglich mit dem Börsenpreis. Damit sind sowohl seine Mengen- als auch Preisrisiken an andere übertragen, denn er kann nun jederzeit auf Ware zurückgreifen, für die er sich die Preise längst gesichert hat. Selbst wenn der Rohstoff knapp und teuer werden sollte, kann er die an der Börse notierten Preise für frei zugekaufte Ware bezahlen, denn die Gewinne an der Börse kompensieren den höheren Auszahlungspreis komplett. Er hat sich also mit seinem Börsenengagement seine Marge und Produktion gesichert und somit seine Risiken, nämlich das der steigenden Preise und die Rohstoffverfügbarkeit an andere Parteien abgegeben. Dabei ist es für alle Beteiligten nur von Vorteil, wenn sich viele Parteien an der Börse engagieren. Auch Spekulanten sind willkommen, denn sie tragen zu einer größeren Liquidität bei und ermöglichen so einen schnelleren Ein- oder Ausstieg aus den Futurekontrakten. Mittlerweile gilt selbst für Kartoffeln, dass Derjenige, der seine Kassamarktrisiken abgeben will, an der Börse immer jemanden findet, der bereitwillig dieses Risiko übernimmt.
Sollten die Kartoffelverarbeiter die Chancen des freien Marktes nicht bei ihrer Vertraggestaltung nutzen, werden sich immer mehr Landwirte bald für eine andere Flächennutzung in attraktiveren Märkten entscheiden. Insofern ist das Angebot der Preissicherung für Veredelungskartoffeln auch ein Beitrag für die Rohstoff- und Standortsicherung in Europa. Wer sich nämlich Rohstoff und Preise am freien Markt sichern kann, besteht im Wettbe-werb mit anderen Agrargütern und anderen Regionen auf der Welt. In Kartoffeln können z.B. die Amerikaner das nicht, denn sie verfügen über keinen eignen Terminkontrakt der auf die Bedürfnisse des dortigen Marktes zugeschnitten ist.
Am letzten Börsentag in 2010 stieg der Kurs für Apil-11 Kartoffeln auf 32,40 €, dem höchsten Schlusskurs des Jahres. Der Index, der den Kassamarkt widerspiegelt, wurde um 1,6 € auf 21,1 € hoch gesetzt. Damit ist der Abstand zum Apriltermin auf stolze 11,3 € angestiegen. Zu Jahresbeginn war die Aprilbasis nur 3,3 €. Derart große Marktfantasien werden mittlerweile von vielen Landwirten zur Verbesserung ihrer Durchschnittspreise genutzt.
Ich wünsche meinen Lesern einen guten Rutsch ins Neue Jahr und ein gutes 2011.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH