Kartoffeln: 96% Durchwuchs bei belgischer Bintje
Augustwetter muss Erträge sichern
In einer gestern Nachmittag veröffentlichten ersten Auswertung von Proberodungen stellte die belgische Fiwap fest, dass bei der Sorte Bintje in 30 von 31 Proben Durchwuchs festgestellt wurden. Im Durchschnitt aller Stauden waren bereits 5 bis 6 neue Knollen erneut ausgetrieben. Es wird ein Ertrag von 23 to/ha ermittelt, soviel wie ebenfalls nach 97 Wachstumstagen in 2006, wovon 3 to/ha über 50 mm aufweisen. 2006 waren bereits 6 to/ha über 50 mm. Aufgrund der bisher schwierigen Witterungsverhältnisse ist die Belaubung weniger vital, was darauf schließen lässt, dass das Potenzial für eine Ertragssteigerung geringer ist als in anderen Jahren.
Gegenüber dem 3-Jahresmittel weist die erste Fiwap Proberodung 63 % weniger Ertrag aus – ein ernüchterndes Ergebnis sowohl für Landwirte als auch für Verarbeiter. Die Hoffnung ist nun, dass der August wechselhaftes Wetter beschert und die Natur die vorhandenen Potenziale bestmöglich ausschöpft. Die Versorgungslage ist nämlich bereits jetzt angespannt. Alterntige Kartoffeln sollen nun komplett verbraucht sein und seit heute verarbeitet auch die niederländische Industrie in vollem Umfang Frühkartoffeln.
Die erhöhte Nachfrage kann aber kaum von den Frühkartoffelerzeugern erfüllt werden und so stieg die Belgapom-Notierung gestern bereits auf 20 €/dt an. Vor zwei Wochen waren einige Landwirte noch bereit, für 14 €/dt abzugeben. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören war, sind bereits für die kommende Woche große Mengen für 24 €/dt ab belgischer Verladestation gekauft worden. Im Gegensatz zu 2006 ist das prompte Angebot nämlich knapp und zwingt die Käufer in den Wettbewerb um den verfügbaren Rohstoff.
Auch in den Niederlanden bringen die ersten Proberodungen ernüchternde Ergebnisse. Zwar liegen mir noch keine systematisch ausgewerteten Rodungen vor, die ersten Berichte der Analysten klingen aber ähnlich wie aus Belgien. Besonders Besorgnis erregend ist für viele der zum Teil sehr hohe Knollenansatz. Dieser in Kombination mit Durchwuchs lässt erwarten, dass es eine Fülle von zu kleinen Kalibern geben wird. Übergrößen könnten dagegen knapp werden. Daneben dürften glasige Knollen, Puppenbildung, Hohlherzigkeit, Kindelbildung und andere Qualitätsmängel die verfügbare Menge stark reduzieren.
Leidtragende sind in erster Linie Vertragslandwirte, die zu festen Preisen feste Mengen verkauft haben. Sie müssen zu Preisen um die 10 €/dt ihre Flächen räumen und tragen das Mengen- und Qualitätsrisiko alleine. Verärgerung kommt auf, wenn dann noch nicht einmal fristgerecht abgerufen wird. Um bei den Frühkartoffeln einen maximalen Zuwachs zu ermöglichen, hatten viele Fabriken so lange wie möglich Kartoffeln aus der Vorjahresernte verarbeitet und die Frühkartoffelvertragsbauern immer wieder vertröstet. Es entstand ein Vermarktungsrückstand, der zusammen mit etwas wüchsigerem Wetter vorübergehend den Eindruck hinterließ, dass alles gar nicht so schlimm kommt, wie befürchtet.
In der zurückliegenden Woche verloren die Börsenkurse deshalb bis zu 17 %, konnten sich gestern aber nach der Veröffentlichung der belgischen Proberodungsergebnisse wieder fangen. Der starke Preisrückgang am Montag und Dienstag verursachte zudem Margindruck bei den Haltern von Long Positionen und diese drückten durch das Abstoßen ihrer Positionen die April-11 Notierung an der Eurex zeitweilig auf 20 €.
An den kommenden Tagen dürfte die Verunsicherung der Marktbeteiligten sich weiterhin in sehr volatilen Terminmarktkursen ausdrücken. Immer dringendere Anfragen aus dem Ausland treiben die Kassakurse genauso wie der große Rohstoffhunger der Kartoffeln verarbeitenden Industrie. Am Kassamarkt ist also die Sommerflaute bereits durchschritten. In Jahren mit einer ausreichenden Rohstoffversorgung konnten die Fabriken schon mal mit drei €/dt einkaufen. Die zurzeit außerordentlich knappe Versorgungslage ließ den Kurs gerade mal auf 14 €/dt fallen, nun kostet der Verarbeitungsrohstoff schon wieder mindestens 20 €/dt.
Um die Haupternte in Westeuropa in einigermaßen bedarfsgerechte Mengen und Qualitäten wachsen zu lassen, bedarf es noch viel Glück. Der August muss milde Temperaturen und regelmäßige Niederschläge bringen, wenn nicht, wird die Versorgungslage für die gesamte Vermarktungsperiode äußerst problematisch.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH