Kartoffeln: Agrarmärkte in Aufruhr

Bauern fordern marktgerechte Preise und mehr Dienstleistungsangebote

Der Preis für Brotweizen ist seit Mitte Mai um mehr als 40 % gestiegen, von damals 155 €/Tonne auf jetzt 220 €/Tonne. Der Weltmarkt ist unterversorgt während Europas Getreideproduktion wegen extremer Wetterlagen Ertragsverluste erleidet.

Mastschweine erzielen trotz kräftig gestiegener Produktion seit drei Monaten 12 % mehr Geld. Der Weltmarkt ist hungrig und Tierseuchen in China und Brasilien eröffnen Europa beste Exportchancen. Weil die Rohölpreise ins unermessliche steigen, boomt auch die Erzeugung der Bioenergie, wo Deutschland sich anschickt als Weltmarktführer in Technik und Produktion zu etablieren. Raps notierte Mitte Mai noch 260 €/Tonne ex Ernte, heute zahlt man bereits 307 €/Tonne, satte 18 % mehr. Auf all diese Ereignisse reagieren die Bauern sehr flexibel: So wurde der Silomaisanbau für die stark wachsende Produktion von Biogas in Niedersachsen in diesem Jahr um 11,5 % ausgeweitet; dafür benötigt man 34.424 ha mehr Fläche. Wegen dem stark gestiegen Bedarf wird die EU-Kommission die Flächenstilllegung für das Erntejahr 2008 von 10 % auf „0“ absenken.

Unter diesen Umständen fragt man sich, ob die europäische Kartoffelindustrie von diesem Megatrend unberührt bleibt. Es zeichnet sich in diesem Jahr eine gut Bedarfsdeckende Kartoffel-ernte in Mitteleuropa ab. Das hatte in früheren Jahren stets zur Folge, dass die Preise während der Hauptvermarktungszeit oft unter den Produktions-kosten lagen. Zurzeit bieten große Handelshäuser den Landwirten Festpreisverträge zur Lieferung April 2008 zu 10 €/dt an. Unterstellt man, dass die Kartoffeln gesund eingelagert werden und die Knollen ohne Verluste bis April gelagert werden können, so bleibt dem Bauern nur ein überschau-barer Gewinn. Ob und wie viele derartige Verträge gezeichnet werden, ist nicht bekannt und es wird wohl vorerst auch das Geheimnis der Kaufleute bleiben. Angesichts der verbesserten Einnahmen in anderen Produktionssparten werden die Land-wirte in diesem Jahr aber wohl kaum aus finanzieller Not diese Vorverträge für Kartoffeln zeichnen. Sollte sich aber die Ernte nicht bei der verarbeitenden Industrie unterbringen lassen, so wird der Preis früher oder später unter Druck geraten, wo-mit sich dann weitere Absatzkanäle wie die Stärkeindustrie, den Biogasanlagen oder gar dem Futter-trog eröffnen.

Mit der Höhe des Gewinns bzw. eines Verlustes, steht und fällt dann allerdings auch die Anbauentscheidung des Landwirtes für das nächste Jahr. Ein Beispiel dafür bietet der Braugerstenmarkt. Aufgrund des Wettbewerbsdrucks konnten die Mälzer im letzten Jahr den Landwirten die Produktionskosten nicht bezahlen. Die Folge war eine Anbaueinschränkung von 19,3 %. Die heimische Industrie ist mittlerweile unterversorgt und beklagt nun zu hohe Rohstoffpreise.

Bei Speisekartoffeln stellt man zudem mit Schrecken fest, dass bereits jetzt ungefähr ein Drittel aller über den LEH abgesetzten Knollen teuer importiert werden. Will man diesen Trend umdrehen, muss sich der Kartoffelanbau für den Bauern hierzulande nachhaltig lohnen, um die nötigen Investitionen für eine sichere Mengen- und Qualitätsproduktion zu erwirtschaften. Mehr noch: dem Bauern muss ein Anreiz für die Qualitätsproduktion gegeben werden, sind sich die vorausschauenden Kartoffelkaufleute bewusst. Sie haben damit begonnen, bereits bei den Idealpartnern unter den Landwirten für eine stabile Produktions-menge zu werben und so verbündet sich der Erfassungshandel mit dem Produzenten gegenüber den Großkunden und dem LEH. Dort trifft man so-gar auf Verständnis für kostendeckende Preise. Lebensmittel als Lockartikel zu Dumpingpreisen wird es selbst bei den Discountern nur noch selten geben. Stattdessen will man sichere Lebensmittel aus heimischer Produktion in bester Qualität.

Das Risiko einer verpatzen Produktion zum Beispiel durch Krankheiten ist bei Kartoffeln, ähnlich wie beim Gemüseanbau, außerordentlich hoch. Die Erzeugung von Getreide oder Mais ist daran gemessen eher simpel und arbeitssparend und auch die Vermarktung dieser Produkte ist ungleich einfacher. Der Kartoffelbauer verlangt auch für diese Risiken eine finanzielle Anerkennung. Außerdem bietet der Getreide-Erfassungshandel eine Vielzahl von Servicedienstleistungen, wie der Preisbindung an Börsennotierungen, die dem Kartoffelbauern bislang verwehrt waren. Vielleicht kommt nun auch in dieser Sicht Bewegung ins Spiel. Für die Flächennutzung bekommt der Land-wirt in der kommenden Woche eine weitere Entscheidungshilfe. Die RMX in Hannover legt am kommenden Donnerstag die Weizenterminkontrakte der Ernte 2008 auf. Ende August gibt es dann den Kontrakt auf Veredelungskartoffeln für April 2009.

Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH

Geschrieben von HANSA Terminhandel am
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