Kartoffeln: Belg: Aus einer großen Ernte jetzt nur noch kleine Vorräte
Eigenversorgung der Russen nur noch 15 %
Die Bestandsaufnahme der belgischen Kartoffelvorräte durch die Fiwap/PCA bremst den Preisverfall. Aus der großen belgische Kartoffelernte von 3,6 Mio. Tonnen standen zu Mitte April nur noch 700.000 Tonnen zur Verfügung. Das ist im Vergleich zu früheren Jahren und selbst in absoluten Zahlen ein extrem kleiner Bestand. Nur im Frühjahr 2007 war der Vorrat zum Stichtag kleiner. Seither ist die belgische Produktionskapazität aber stetig ausgeweitet worden. Da die Industrie in diesem Jahr allerdings von einer sehr frühen Versorgung aus der neuen Ernte ausgeht, ist das Interesse an den ca. 360.000 Tonnen noch unverkauftem Rohstoff noch gering.
Die frühzeitigen Pflanzungen wirken sich zumindest spychologisch negativ auf den Markt-preis aus. Außerdem ist knapp die Hälfte der belgischen Kartoffelbestände bereits im Besitz der der verarbeitenden Industrie. Sofern diese noch bei den Bauern lagern, wollen sie so schnell wie möglich abliefern. Schließlich waren fast alle Kartoffeln schlechter lagerfähig, als in den meisten früheren Jahren und das Risiko des Verderbs bleibt bis zur Übergabe bei den Produzenten.
Die noch verfügbare freie Menge könnte aber zumindest zum Teil auch nach Russland gehen. Hierfür muss sich aber erst einmal ein Exporteur finden, der die nötige Voraussetzung dafür hat. Denn die Einfuhrgenehmigungen werden nach immer strengeren Kriterien erteilt. Aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich dürfen nur noch gewaschene Kartoffeln geliefert werden. Neben dem hohen Aufwand, der damit zusammenhängt, ist die Anzahl der Dienstleister selbst ein begrenzender Faktor. Entsprechend stolz sind die Forderungen derer, die den russischen Markt bedienen können.
Die Russen kontrollieren aber auch ihre Frühkartoffellieferanten aus dem Süden streng. So waren vom phytosanitärischen Dienst Lieferungen aus Ägypten, Indien und Saudi Arabien aus verschiedenen Gründen zurückgewiesen worden. Deshalb liefert Ägypten vorerst nur noch aus den für die EU eingerichteten Pest-Free-Areas nach Russland, was in direkter Konkurrenz zu dem deutschen Speisekartoffelmarkt steht. Aufgrund der beschrieben Schwierigkeiten befürchten Beobachter mittlerweile sogar wieder Engpässe in der russischen Versorgung zumal mit 15 % Eigenversorgung kaum noch heimische Kartoffeln angeboten werden. Die Nachfrage von dort wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben.
Bei den verschiedenen Umfragen beantworteten die Bauern auch die Frage nach dem Anbauumfang. Diese fällt in den Ländern der EU sehr unterschiedlich aus. Die belgischen Bauern haben die Frühkartoffelfläche um 2,2 % ausgeweitet, Die Sorte Première nimmt stolze 46 % der Frühkartoffelläche ein. Der Anbau für Lagerkartoffeln soll sogar um 5 % steigen. Damit setzt sich der Trend der Vorjahre zu mehr heimischem Anbau fort. Immerhin stieg der Rohstoffbedarf belgischer Fabriken von 2008 2,7 Mio. Tonnen im Jahre 2010 auf 3,25 Mio. Tonnen. Der Bintje Anbau wird erneut abnehmen, wovon insbesondere die Sorte Fontane profitiert.
Die französische Agreste berichtet hinge-gen von einer Anbaueinschränkung bei Kartoffeln um 8,8 %. Der Getreide- und Rapsanbau sei ebenso attraktiv – war die meistlautende Begründung. Auffällig ist, dass der Anbau für die Stärkeindustrie nach mehrjährigem Rückgang nun sogar wieder leicht zunimmt. Aus Großbritannien, Holland, Polen und Deutschland liegen noch keine systematisch erhobenen Zahlen vor. Aber die Amerikaner in den USA und Kanada haben ihren Kartoffelanbau wieder ausgeweitet, nachdem die Industrie wieder mehr Verträge anbot. Die Lagerbestände waren dort auf ein langjähriges Tief gefallen und der Konsum von Kartoffelprodukten steigt zurzeit wieder.
An der Börse in Frankfurt reduziert sich der Kontraktbestand des April-11-Futures auf Veredelungskartoffeln stetig, während sich die beiden Laufzeiten auf Juni-11 und April-12 successive aufbauen. Der April-11-Future orientiert sich zwei Wochen vor dem letzten Handelstag mittlerweile sehr eng am Index, der sich trotz einer nicht mehr ganz so negativen Marktstimmung noch nicht stabilisieren konnte. Am Donnerstag fiel er um 1,6 auf 18,5 €/dt und wird allem Anschein nach auch in der kommenden Woche wieder fallen, da sich der französische SNM-Preis und die Belgapom-Notierung gestern erneut um gut einen Euro reduzierten. Dabei deutete sich unter Woche an, dass die qualitätskritischen Partien am belgischen Markt nun zügig geräumt würden. Offensichtlich ist das noch nicht erledigt.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH