Kartoffeln: Belgiens Frittenbuden überschwemmen den Weltmarkt
Flocken- und Granulatfabriken melden gute Auslastung
Belgien spielt seine Standortvorteile immer besser aus und wird zum gefürchteten Big Player am Weltfrittenmarkt. Hohe Hektarerträge und extrem preiswerter Rohstoff verbunden mit der modernsten Verarbeitungs- und Sortiertechnik sorgten schon in den zurückliegenden Jahren für ein enormes Wachstum der dortigen Kartoffeln verarbeitenden Industrie. Von 2004 bis 2008 wuchs der Rohstoffeinsatz von 2,0 Mio. Tonnen auf nun 2,75 Mio. Tonnen (+ 37,5 %). In diesem Jahr bringen selbst die schwierigen Rohstoffqualitäten den Verarbeitern weitere Vorteile: mit modernstem Hightech können sie selbst aus zweitklassigen Kartoffeln erstklassige Produkte produzieren.
Um die Abhängigkeit vom Import zu reduzieren, wurde allein in diesem Jahr die Anbaufläche um 17 % ausgeweitet. Belgiens eigene Kartoffelernte ist in diesem Jahr 3,3 Mio. Tonnen groß. Als sich im Sommer hohe Erträge abzeichneten, begannen die Fabriken frühzeitig mit dem Verkauf ihrer Produkte. Sie eroberten immer mehr Marktabteile in allen Teilen der Welt. Nicht nur in Europa, sogar in den USA und sogar in Argentinien beklagt die Konkurrenz eine aggressive Verkaufstrategie Belgiens.
Dabei sind an vielen Stellen der Welt die Probleme hausgemacht. Vor zwei Jahren wurden von den Erzeugergemeinschaften hohe Getreidepreise und die damit verbundene Flächenkonkurrenz als Argument genutzt, langjährige Festpreisverträge auf einem für Landwirte kostendeckendem Preisniveau abzuschließen. So erhalten die Kartoffelbauern in den USA bis heute für einen Großteil ihrer vorab verkauften Produktion umgerechnet 10 €/dt. Die belgische Industrie bezahlte dagegen in den letzten Monaten kaum mehr als die Hälfte. Als Folge der Konkurrenz aber auch der Wirtschaftskrise verkauft eine der größten Fabriken in den USA, die Fa. Cavendish, immer weniger Kartoffelfertigprodukte. Vor vierzehn Tagen kündigte die Geschäftsführung Kurzarbeit an und droht einige Standort zu schließen. In dieser Woche beklagte auch McCain, Argentinien die schärfer werden Konkurrenz europäischer Fabriken.
Aufgrund ihrer leidigen Erfahrungen mit Festpreisverträgen überprüfen immer mehr Kartoffelprodukthersteller ihre Einkaufspolitik. Einerseits möchte man sich verbindlich den Zugriff auf den Rohstoff sichern, andererseits kauft man mit dieser Sicherheit in fünf von sechs Jahren zu teuer ein. Als gute Lösung für die Fabriken haben sich die so genannten Mitlieferverträge herausgestellt. Im Kleingedruckten der Festpreisvereinbarungen sichert sich der Käufer die Option auf den Zugriff der gesamten Kartoffelproduktion eines landwirtschaftlichen Betriebes (Andienungspflicht). Zieht die Fabrik diese Option, erhält der Landwirt Tagespreise. Ob sich dieses Vertragsmodell durchsetzt, bleibt abzuwarten. Aufgrund zunehmender Preisschwankungen birgt es noch eine Menge Sprengstoff. Ein EFP-Vertrag auf Basis der Eurex-Börsenpreise könnte eine Lösung darstellen.
In diesem Jahr dürften die Belgier keine Not haben, auch nachhaltig an preiswerten Rohstoff heranzukommen, denn der exportorientierte Nachbar Frankreich steckt in einer Absatzkrise. Bereits im letzten Jahr blieben am Ende der Vermarktungssaison große Kartoffelmengen unverkauft und diese mussten zum Teil industriell entsorgt werden. In diesem Jahr spitzt sich die Situation schon viel früher zu. Der größte Kunde Spanien, der bisher stets bis zu 700.000 Tonnen in Frankreich gekauft hatte, hat es mit einer eigenen Kartoffelschwemme zu tun. In Werbekampagnen versucht man die Verbraucher auf den Kauf heimischer einzuschwören. Das geht mit Sicherheit zu Lasten Frankreichs Lieferungen. Darüber hinaus vermelden die französischen Statistikbehörden ei-nen Konsumrückgang bei frischen Kartoffeln um fünf Prozent.
Unter diesen schwierigen Vorzeichen ist es nicht verwunderlich, dass bereits jetzt Europas Flocken- und Granulatindustrie eine extrem gute Auslastung und hohe Produktbestände vermeldet. Auch aus diesen Grundstoffen werden hochwertige Kartoffelprodukte hergestellt, die am Weltmarkt mit Erzeugnissen aus Amerika konkurrieren. Mit dem Einsatz der Genforschung in Konsumkartoffeln will man dort die Wettbewerbsfähigkeit wieder verbessern. Ob das gelingt, ist angesichts vieler kritischer Verbraucher in Asien, abzuwarten. Der Schuss könnte auch nach hinten losgehen.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH