Kartoffeln: Bintje ist „fertig“
Spekulativer Frühkartoffelanbau soll begrenzt werden
Die Zuversicht unter den Marktteilnehmern hat in dieser Woche ihren Tiefstand erreicht. Das Angebot an Frühkartoffel ist immens und bislang fehlten immer noch einige Käufer. Mit dem Produktionsstart in der kommenden Woche von nun wirklich allen Kartoffeln verarbeitenden Werken, können die Erfasser endlich ihre Absatzventile nutzen - wenn auch nur zu Tiefstpreisen. Neben den Flocken- Granulat- und Stärkefabriken werden Stärke-schwache Partien auch im Futtertrog untergebracht. Man ist nun zuversichtlich, dass noch vor Beginn der Haupternte der Mengendruck abgebaut ist, und dass man bereits im Oktober ohne Vorbelastungen und damit hoffentlich zu ganz anderen Preisen die Vermartkungssaison starten kann. Dass mittlerweile auch schon die Sorte Bintje verarbeitet wird, wird als positives Zeichen der Versender gewertet. Damit beugt man bereits jetzt einer späteren Überlastung der Nachfrage vor.
Die viel beachteten fortlaufenden Proberodungen in den niederländischen Poldern haben in der zurückliegenden Woche die Vermutung gestützt, dass das Wachstum der spätreifen Sorten bereits auf der Zielgeraden ist. Die Mengensteigerung von Vorletzter- zur letzten Woche betrug gerade noch 2,5 Tonnen/ha. Im Vorjahr war in der 33. Kalenderwoche noch ein Zuwachs von knapp 8 Tonnen pro Woche verzeichnet worden. Die Optimisten sehen das Potential der Bintje bereits jetzt erschöpft. Man sei mindesten 14 Tage im Voraus, so die weit verbreitete Meinung. Sollte das stimmen, so blieben die Gesamterträge auf den schweren holländischen Böden hinter denen des Vorjahres zurück. Zu diesem Schluss kommt auch die Fiwap mit ihren Proberodungen. Dort wird ebenfalls die Sorte Bintje nach 102 Wachstumstagen auf 38 Tonnen/ha geschätzt, gegenüber 40 Tonnen zum gleichen Zeitraum im Vorjahr.
Diese Erkenntnisse, ob sie sich später bewahrheiten oder nicht, haben einen weiteren Kursverfall an der Terminbörse verhindert. Im Wochenverlauf stieg die April-2010 Notierung für Veredelungskartoffeln bis auf 1,3 €/dt über den bisherigen Tiefstand, der in der Vorwoche bereits zweimal bei 8,6 €/dt lag. Zum Kauf von Terminkontrakten traut sich die verarbeitende Industrie noch nicht so richtig. Man versucht es zuerst im Kassamarkt an billigen Rohstoff mit möglichst späten Lieferterminen heranzukommen. Denn dort ist bei vielen Landwirten die Befürchtung niedriger Preise immer noch sehr präsent. An der Börse hingegen, nimmt das Verkaufsinteresse schon spürbar ab. Ein großer Marktbeteiligter im Westen verkündet aber immerhin schon auf seiner Homepage sein Kaufinteresse. Die Gebote für geeigneten Frittenrohstoff in Börsenspezifikation für April-2010-Lieferung liegen aber immerhin bei acht Euro/dt an den Landwirt. Darin spiegelt sich ein sehr fairer Terminmarktkurs wider, der am Freitag bei 9,6 €/dt lag.
Dass die Haupternte „ganz normal“ ausfallen wird, äußern auch einige deutsche Verarbeiter. Bereits jetzt seinen jede Mengen Bintje und Agria verfügbar. Und sobald die vertragliche Verpflichtung zu den Frühsorten abgearbeitet ist, will man lieber die spätreifen Sorten verarbeiten. Freie Mengen der Sorte Premiere lässt man bewusst liegen, man will den spekulativen Anbau begrenzen, der alljährlich im Juli die Preise in den Keller treibt. Und so wird der eine oder andere Landwirt tatsächlich auf die schmutzigen Gebote eingehen müssen, die in diesen Tagen kursieren: Mit 2 bis 2,25 €/dt – zum Teil noch mit Sortier- und Transportkosten belastet, geht nun einiges in die alternative Verwertung. Der Berg, den wir uns vor uns herschieben, muss so schnell wie möglich weg. Optimistisch stimmt auch, dass selbst die überregionalen Einkäufer in Drittländern schon Interesse bekundet haben, ob bereits Abschlüsse zustande kamen, ist mir nicht bekannt.
Der Mengendruck ist allerdings nur im Kerngebiet der europäischen Kartoffelproduktion zu spüren. (NL, B, F, GB und D) Wenn die Produktion hier die Vorjahresernte nicht erreichen sollte, so besteht tatsächlich Hoffnung, auf eine ausgeglichene Marktversorgung. Nimmt man die bisherigen Einschätzungen der anderen EU-Länder ernst, so sollen dort im Mittel kleinere Erträge zusammenkommen. Das birgt dann auch wieder die Chance, von zumindest gleichen Exportmengen aus dem Kerneuropa, wie im Vorjahr. Man sollte aber den Optimismus (noch) nicht überstrapazieren. Bis die Kassapreise von drei Euro/dt (Belgapom vom 14.08.09) auf knapp 10 Euro/dt (Eurex vom 14.08.09) angestiegen sind, benötigen wir noch eine Menge Disziplin unter den Marktbeteiligten.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH