Kartoffeln: Der Holländische Pflanzkartoffelabsatz boomt
Gute Ernte im Mittelmeerraum erwartet – unser Vermarktungszeitfenster wird enger
Bis zum Jahresende 2009 haben Hollands Pflanzkartoffelerzeuger bereits 318.477 Tonnen Pflanzkartoffeln exportieren können. Gegenüber dem gleichen Stichtag im Vorjahr waren das knapp 50.000 Tonnen mehr. Immerhin 146.252 Tonnen gingen nach Nordafrika. Dort frischt man damit zum einen die Saat fürs nächste Jahr auf oder produziert zum anderen Konsumkartoffeln für den Export.
Die Länder Tunesien und Ägypten haben sogar schon mehr importiert, als im gesamten Vorjahr, bereichtet der AMI am vergangenen Freitag. Die nordafrikanischen Länder haben ein Problem mit der Qualität des selbst produzierten Saatguts. Jahrelanger Nachbau unterstützt den Virusbefall und begrenzt damit die Erträge. Mit der Investition in frisches importiertes Ausgangsmaterial zeigt man aber auch eindeutig, dass man seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten will.
Das Konzept dürfte schon sehr schnell aufgehen, denn auch die Witterung trägt dazu bei, dass bereits in den nächsten Monaten eine außerordentlich gute Ernte heranwächst. Im gesamten südlichen Mittelmeerraum sehen die Kartoffelbestände hervorragend aus. Man hofft, mit der neuen Ernte wohl auch in Europa auf eine gute Nachfrage zu stoßen - die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet. Der sich seit Wochen aufstauende Bedarf in Osteuropa dürfte im März und April seinen Höhepunkt erreichen. Dann ist die eigene Frühkartoffelernte noch nicht so weit und die Qualität der ei-genen Vorräte bedarf nach dem derzeitigen kalten Winter einer erneuten Bewertung. Aber eins ist schon jetzt sicher und gilt sogar auch für die Überschussregionen im Zentrum des europäischen Kartoffelgürtels: Gute Kartoffeln finden ihre Käufer.
Insofern wird das Zeitfenster für einen zügigen Abbau der frei verfügbaren Lagervorräte enger. Bisher haben nämlich die Einkäufer fast ausschließlich auf vertragsgebundene Partien der heimischen Ernte zurückgegriffen. Im Spotmarkt bedient man sich lediglich der besseren Qualitäten meist gelbfleischiger Sorten. Alles andere liegt noch unverkauft bei den Landwirten. Insbesondere treibt die Sorte Asterix den Landwirten die Sorgenfalten ins Gesicht; in Teilen gilt das auch für die Sorte Bintje. Die Fabriken machen einen großen Bogen um sie und so hofft man auch hierfür auf den erlösenden Absatz ins östliche Ausland. Falls Preise genannt werden, so liegen diese noch unter sieben Euro/dt. Einwandfreie Agria werden hingegen gesucht und die Landwirte zieren sich noch, sie zu den gebotenen Preisen von zehn Euro/dt ab Station abzugeben.
Dieser außerordentlich große Preisunterschied ist auch in den verschiedenen Notierungskommissionen zu beobachten. Während Rotterdam die Exportnotierungen und die gelbfleischigen Sorten an der Oberkante mit 11,25 €/dt bewertet, notieren die beiden belgischen Kommissionen ihren Rohstoff nur mit 7,35 €/dt. Dort ist die Industrie auch immer noch bereit, den Landwirten das Material in der Qualität abzunehmen, in der es zur Verfügung steht. Halt eben nur zu niedrigeren Preisen. Schon wegen der extremen Wettbewerbssituation auf dem Markt für Fertigprodukte handelt man hier nicht ganz uneigennützig. Wenn der Schälaufwand größer wird, zieht man den Lieferanten eben etwas mehr ab. Und weil er keine Absatzalternative hat, ist er sogar noch dankbar dafür, dass er seine Vorräte räumen kann.
Dieser pragmatische Ansatz kann dort aber nur funktionieren, weil man viel weniger vertragliche Bindungen hat. Landwirte und Verarbeiter bilden so eine Schicksalsgemeinschaft, die die Unwägbarkeiten des Wetters gemeinsam durchleiden müssen. In Holland und vielfach auch bei uns möchte man den Rohstoff gerne mehr standardisieren, was aber je nach Wetterlage nur selten gelingt. Über Preisanreize in immer komplizierteren Formeln möchte man mit den Landwirten „gerecht“ abrechnen. Ob das eine erfolgreichere Strategie ist, weiß ich nicht. Ich erkenne aber, dass Belgiens Verarbeiter mit ihrer schnörkellosen, unkomplizierten Herangehensweise in den letzten Jahren enorm erfolgreich waren.
Für die nächste Ernte wollen einige Verarbeiter allerdings nicht mehr die bisherigen Vertragspreise zahlen. Zumindest weißfleischige Sorten sollen bis zu einem Euro/dt billiger werden. Angesichts der vielen Qualitäts- und Absatzprobleme in diesem Jahr, erwarten Fachleute einen erneuten Rückgang bei der Anbaufläche. Selbst die hohen und durchaus kostendeckenden Börsenpreise von mehr als 13 €/dt auf April 2011 an der Terminbörse Eurex in Frankfurt, lockt nur wenige, den Anbau auszuweiten. Der Frust über die Vermarktungsschwierigkeiten und den vielfach obligatorischen Abzügen belastet die Stimmung zwi-schen Bauern und Einkäufern.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH