Kartoffeln: Exporte beflügeln Marktfantasien
Marktbeschickung ist bedarfsgerecht
Wegen der hohen Saatgutpreise im letzten Jahr hatten nordafrikanische Staaten, allen voran Algerien und Marokko, weniger Kartoffeln gepflanzt; zudem sorgte in diesem Sommer extreme Hitze für niedrige Erträge, sodass in den kommenden Monaten von dort ein großer und nachhaltiger Bedarf nach Konsumkartoffeln zu erwarten ist. Das niedrige Preisniveau für belgischen Frittenrohstoff sorgte dafür, dass nun schon zig-tausend Tonnen aus der EU nach Nordafrika geliefert wurden. Trotzdem die Erzeugerpreise zwischenzeitlich schon bis zu 300 % gestiegen sind (von 3,5 auf bis zu 12 €/dt) laufen die Exporte weiterhin auf Hochtouren. Anfängliche Befürchtungen um niedrige Marktpreise in Mitteleuropa weichen einem vorsichtigen Optimismus.
Auch Frankreichs Exporte nach Italien und Spanien begannen um einige Wochen früher als in den Vorjahren. Ähnlich wie in Belgien hatten auch die Franzosen die Frühkartoffelfläche ausgeweitet und die Erträge waren besser als in den Vorjahren. Die frühe Exportnachfrage kommt den exportabhängigen Nationen insofern sehr entgegen. Das Frühkartoffelareal konnte schnell geräumt werden und belastet also nicht mehr die Notierungen der Anschlusssorten. Die Anbaufläche von Lagerkartoffeln wurde gegenüber den Vorjahren stattdessen eingeschränkt; das belegen die Auswertungen der Flächennutzungen in Belgien, Frankreich und Deutschland. Insgesamt gehen die Analysten von einem unveränderten Kartoffelareal in Mitteleuropa aus auf dem eine geringfügig höhere Gesamternte erwartet werden kann.
Da die große Frühkartoffelernte nun bereits verkauft ist, geht man für den weiteren Marktverlauf zumindest von stabilen Marktverhältnissen aus. Die Bauern sind bei der Vermarktung sehr diszipliniert, denn anders als in früheren Jahren, sind die Konten der Ackerbauern gut gefüllt. Die hohen Getreidepreise oder die guten Erlöse für Kartoffeln der letzten Saison sollten die anstehenden Pachtzahlungen längst begleichen können.
Neben Nordafrika und Südeuropa waren die Kartoffelernten auch in anderen Teilen der Welt nur mäßig. China, das Land, das mit 22 % der Weltkartoffelproduktion mit Abstand die größte Kartoffelanbaufläche (4,4 Mio. Hektar*) und die größte Gesamternte (73 Mio. Tonnen*) ausweist, wird in diesem Jahr nur wenig exportieren können oder wollen. Die Lebensmittelexporte in dieses boomende Schwellenland nehmen mit steigendem Wohlstand ohnehin stetig zu. Darüber hinaus kann man aus verschiedenen Marktberichten schließen, dass sich auch die Kartoffelernten auf der Südhalbkugel durch Wettereinflüsse negativ entwickeln. So haben in Südamerika extreme Nachtfröste Schäden angerichtet und auch Australien erwartet aufgrund von Trockenheit eine kleine Ernte. Daraus kann man ableiten, dass europäische und amerikanische Kartoffelprodukte weltweit gut gefragt bleiben.
Frischkartoffeln eignen sich aber nicht für solch weite Transporte. Im näheren Umfeld der großen EU-Kartoffelproduzenten tun sich aber auch genügend Chancen für den überregionalen Absatz auf. Während es bei uns lange Zeit zu nass war, litt oder besser: leiden immer noch Ost- und insbesondere Südeuropa unter extremer Hitze und Trockenheit. Die Länder wie Polen und die Balkanstaaten kaufen schon seit Wochen in Deutschland Kartoffeln ein und halten damit hohe Erzeugerpreise aufrecht.
Die Exporteure hoffen unterdessen, dass die Kartoffelpreise nicht wieder so ausufern, wie im Vorjahr. Durch hohe Notierungen wurde damals so manches Geschäft vereitelt. Die spekulative Verkaufszurückhaltung vieler Landwirte trieb die Kursfantasien an den Börsen und damit auch im Kassamarkt auf über 40 €/dt. Am Ende der Saison kam jedoch die große Ernüchterung, denn das Aufsparen und der wirtschaftliche Umgang mit den teuren Knollen stellten sich als unnötig heraus. Die Ernte reichte länger als alle Marktbeteiligte prognostiziert hatten. Ein dramatischer Preisverfall war die Folge, nun war es aber für viele Exporte zu spät. Das darf in diesem Jahr nicht wieder passieren und deshalb nutzen sowohl Aufkäufer als auch die Disponenten in den Empfängerländern die derzeit gute Abgabebereitschaft der Bauern.
Von den jüngsten Preissteigerungen können längst noch nicht alle Bauern profitieren. Die Notierungen in Belgien und am Niederrhein steigen zwar auch auf nunmehr 7,25 €/dt (Belgapom/24.08.07) an, die genannten 12 (bis sogar 14 €/dt) gelten in Belgien nur für Exportqualitäten der Sorten Berber und Frieslander. Da viele andere Partien von Fäulnis befallen sind, eignen sie sich nicht für den Export, werden aber von den Fabriken zügig gekauft und verarbeitet.
(* Stand: 2005 / Quelle: ZMP)
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH