Kartoffeln: EZG fordern mehr Kulanz
Bisher kaum Qualitätskartoffeln ausgelagert
Zuerst die gute Nachricht: die deutschen Verarbeiter rufen etwas mehr freie Ware bei den Landwirten ab. Die schlechte Nachricht ist, dass sie die Kartoffeln vielfach nur noch mit einer „0-Bonitierung“ übergehen. Wenn bisher meist fünf bzw. acht Prozent Mängel in den angelieferten Kartoffellieferungen toleriert wurden, so bedürfen Partien mit beispielsweise 15 Prozent Rodebeschädigungen mehr Schälaufwand. Das soll der Abzug aller Mängel kompensieren. Die Erzeugergemeinschaften (EZG) fordern nun, die üblichen Toleranzgrenzen beizubehalten.
Nach den ersten Abrechnungen ist die Verstimmung unter Lieferanten groß. Gestern erklärte ein Makler, dass die Bauern „dicht machen“. Bei sechs-Euro-Preisen, für in der Fabrik angelieferte Kartoffeln etwa für die Sorte Agria und 15 % Abzügen mit einem Frachtaufwand von einem Euro, verbleib dem Bauern nur noch eine Nettoauszahlung von gut vier Euro für 100 kg. Dafür kann man nicht produzieren, empören sich die Verkäufer. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen hatte gestern den 40 mm+ Frittenrohstoff ab Verladestation ebenfalls mit nur vier bis sechs Euro bewertet. Da sich dieser Preis deutlich von den 6,78 €/dt unterscheidet, die die AMI erst am Vortag für den Eurex-Veredelungskartoffelindex feststellte, gab es einige Verwirrung.
Dabei ordnet sich der deutsche Beitrag zum Börsen-Referenzpreis noch an der Unterkante ein. Während Belgien und Frankreich fast genau den Durchschnittspreis melden, liegt der Rotterdamer Anteil am Index mit 8,25 €/dt an der Oberkante. Aufgrund der schwierigen Qualitätssituation erwartet man bereits am Montag von der niederländischen Notierungskommission einen bis zu 50 Cent rückläufigen Preis.
Diese Befürchtungen spiegelten sich bereits gestern in der Kursentwicklung des April-Futures wider. Der Schlusskurs sank auf 10,4 € um weitere 20 Cent auf ein 21-Tage-Tief. In den zurückliegenden Wochen verloren die Lagerhalter ihr Vertrauen auf eine positive Wendung der Marktentwicklung. Wenn in vielen Teilen der EU der Lieferstrom vom Feld in die Fabriken selbst noch Mitte November nicht abreißt und dafür die Auszahlungspreise beispielsweise in Großbritannien bei 3,3 €/dt liegen oder in Belgien nur frachtfrei Fabrik 3,5 €/dt gezahlt werden, ist es ein langer Weg, bis das immer noch recht attraktiver Börsenpreisniveau von über 10 €/dt erreicht ist.
Man hofft nun, da alle maßgeblichen Notierungskommissionen ihre Arbeit aufgenommen habe, auf etwas mehr Disziplin unter den Anbietern. Die ersten Preise werden allerdings vielfach als „politisch“ bezeichnet. Selbst für 7 €/dt fällt es den Verkäufern in den Niederlanden schwer, das Angebot aus den Scheunen der Landwirte unterzubringen. Die Wunschpreise der Rotterdamer Notierungskommission liegen durchschnittlich sogar auf 8,25 €/dt, sie reichen in der Spitze bis 9,5 €/dt.
Ob mit diesen Kursen der dringend nötige Export in Schwung kommt, muss bezweifelt werden. Sollten die ausländischen Kunden, allerdings auch auf die Idee kommen, sich nämlich ebenfalls im Billigsegment die qualitätskritischen Partien einzukaufen, dann bleiben die besten Partien liegen, bis sie vielleicht auch Qualitätsverluste erleiden und dann wiederum für wenig Geld weggegeben werden. Angesichts der schwierigen Qualitätsbedingungen bei gleichzeitig hohen Vorräten, sind die Lagerhalter besser beraten, wenn sie den Preisabstand zwischen Top-Ware und Durchschnittsqualität nicht zu groß werden lassen.
Bisher wurden nämlich kaum Qualitätskartoffeln aus den Dauerlägern mobilisiert und der Zeitraum, in dem diese große Masse sich ihre Käufer sucht, ist überschaubar. Schon jetzt wird im europäischen Kartoffelgürtel vielfach von dem hohen physiologischen Alter der eingelagerten Kartoffeln gesprochen. Man beobachtet nämlich, dass einige Sorten bereits jetzt auskeimen. Spätestens im März müssen deshalb die Flächenlager soweit geräumt sein, dass die betroffenen Partien verwertet sind. Je weiter sich die Winterverladungen noch hinauszögern, desto schwieriger wird es, die Preise anzuheben. Der Startschuss für die Auslagerung muss nun bald fallen.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH