Kartoffeln: Folgen der russischen Dürre nun auch am EU-Markt spürbar
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Die russische Missernte bei Kartoffeln war ein beherrschendes Thema auf der PotatoEurope 2010 in Bockerode. Durch Ertrageinbussen von bis zu 40 % ist ein sehr früher und starker Nachfragesog entstanden, der immer weitere Kreise zieht. In Russland selber stiegen die Kassapreise von acht Rubel das Kilo (20 €/dt) Anfang September auf bis zu 20 Rubel/kg (50 €/dt). Mittlerweile haben sich in der Türkei die Preise verdoppelt. Auf allen großen Kartoffelveranstaltungen in der EU suchen russische Einkäufer möglichst weit im Voraus große Kartoffelmengen. So auch am 08. und 09.09.2010 in Bockerode.
Der Importbedarf Russlands wird auf zwei Mio. Tonnen geschätzt. Eine Menge, die in der EU alleine wohl kaum aufzutreiben ist. Schließlich sind hier die Erträge in allen maßgeblichen Anbaugebieten ebenfalls historisch klein ausgefallen. Zu allem Übel werden die Qualitäten hier wie dort so kritisch beurteilt, dass große Zweifel an der Haltbarkeit vieler Partien geäußert werden. In Russland sind die Lagerbedingungen seit jeher so schwierig, dass ein Großteil der Ernte von vorneherein abgeschrieben werden muss. Der Zukaufbedarf wird dann ausgangs des kommenden Winter seinen Höhepunkt erreichen.
Neben Russland fragen aber auch die Einkäufer anderer Nationen, wie Tschechien, Polen und Rumänien an oder haben bereits mit den Importen aus Deutschland begonnen. Darüber hinaus ist der weltweite Bedarf an Kartoffelprodukten anhaltend gut, sodass die Exportmengen des Vorjahres mühelos zu erreichen wären, wenn wir für unseren eigenen Bedarf genug hätten. Die AMI hatte bereits in der Vorwoche errechnet, dass in der letzten Saison immerhin 5,251 Mio. Tonnen Rohwareäquivalent Deutschland verlassen hat. Das waren immerhin 44 % der damaligen Gesamternte. Würde auch in der nun anlaufenden Exportsaison die gleiche Menge exportiert werden, verblieben nur noch 4,6 Mio. Tonnen für den Eigenbedarf. Dabei wird unterstellt, dass die AMI-Schätzung für Deutschlands Gesamternte von 9,8 Mio. Tonnen stimmt. Das reicht für alle Anfragen bei weitem nicht aus und so müssen die Einkäufer aus dem Osten wohl oder übel noch weitere Transportwege auf sich nehmen, um ihren Rohstoffhunger zu befriedigen.
Da in der EU die kleinste Kartoffelernte ihrer Geschichte eingefahren wird, wird nach dem Ende der Einlagerung allgemein mit hohen Preisen gerechnet. Dennoch ist zurzeit der Kassapreis anhaltend unter Druck, zumindest stimmt das für Speisekartoffeln. Die Herbstaktionen des LEH erlauben im Norden nur Erzeugerpreise von 16 €/dt, zwei Euro weniger als in der letzten Woche. Die Prognosen für den Winter lauten aber 30 €/dt und mehr und so wird der Abgabedruck sich wohl in Grenzen halten und alles, was haltbar erscheint, in den Scheunen der Landwirte verschwinden.
Da wir möglicherweise bereits jetzt den niedrigsten Kassapreis der vor uns liegenden Saison haben, ist die Bereitschaft des Handels, eigene Vorräte anzulegen, ebenfalls hoch. Er will schließlich seine vielfach modernen klimatisierten Läger füllen, um in der kalten Jahreszeit stets über Ware verfügen zu können. Die Herbstaktionen des LEH dürften deshalb nur von kurzer Dauer sein; schon weil die Handelsspannen bei Aktionen weit hinter den Üblichen während der normalen Vermarktungszeit zurück liegen.
Produzenten von Veredelungsrohstoff haben in erster Linie das Problem der Qualitätssicherung. Spätreife Sorten haben in den letzten Wochen längst nicht die erwarteten Zuwächse gebracht und bleiben deutlich hinter den Vorjahresergebnissen zurück. Der seit Anfang August ständig bewölkte Himmel und die Rekordniederschläge brachten Staunässe, Infektionen und verhinderten den Stärkeaufbau in den Knollen. Alles Faktoren, die nicht nur den Landwirten die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Sie haben vielfach Festpreisverträge und müssen aufgrund kleinerer Ernten nahezu alles zu relativ niedrigen Vertragspreisen abgeben. Die Chancen dieser Saison gehen wohl völlig an ihnen vorbei, das Qualitätsrisiko trage sie dennoch. Sorgen haben auch die Verarbeiter, die befürchten müssen, dass der eine oder andere Vertragslandwirt mit den zugesagten Mengen andere Absatzwege am freien Markt sucht.
Um genau diese Problematik besser in den Griff zu bekommen, kommt nun der EFP-Vertrag wieder ins Gerede. Anlässlich der PotaEurope in Bockerode habe ich diese im deutschen Kartoffelhandel bislang leider nur selten angewandte Vertragsvariante erneut ins Gespräch gebracht. Sie finden meinen Aufsatz dazu auf der Homepage http://www.hansa-terminhandel.de unter „Fakten für Profis“. Zumindest in Bockerode hatte es den Anschein, dass hierüber nun eine breite Diskussion in Gang kommt.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH