Kartoffeln: Franzosen suchen Ventil für ihre Lagerware
In den nächsten Wochen viel Angebot
Der LEH in Deutschland kauft in dieser Saison bevorzugt Kartoffeln aus der Region. Die Maßnahmen des Fachhandels zur Qualitätssicherung und -verbesserung haben dazu beigetragen, dass in erster Linie deutsche Kartoffeln in den Frischeabteilungen unserer Supermärkte zu finden sind. Französische Anbieter können an ihre Exporterfolge der Vorjahre nicht anknüpfen und hatten bisher das Nachsehen. Sie drängen stattdessen nun mit Billigofferten auf den polnischen Markt.
In Polen bezahlten die Einkäufer in der zurückliegenden Woche 14 €/dt franko Packstation für Speisesorten mit der Farbskala 7,5 bis 8 aus Frankreich; die Knollen kosten trotz höher Frachtaufwendungen weniger als deutsche Packer dafür anlegen müssten. In der bisherigen Saison sperrten sich die deutschen Einkäufer und Disponenten gegen französische Herkünfte und antworteten damit auf die frühere elitäre Hochpreisstrategie. Nachdem die Optik längst nicht mehr das hielt, was man sich versprach und die Rückstandsbelastungen durch Keimhemmmittel als bedenklich angesehen werden, kauft man lieber wieder in der Heimat. Selbst der Discounter Lidl orderte in dieser Woche weiterhin deutsche Kartoffeln, obwohl man in den Vorjahren Ende Februar längst auf französische Herkünfte ausgewichen war.
Als Alternative kommen nun festkochende Sorten aus Ägypten hinzu. In diesen Tagen werden die Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland mit einer Erstausstattung versorgt. Frachtfrei Packstation kosten die Sorten Innova, Princess oder Nicola 52 €/dt. Die Importeure glauben, hierzulande in diesem Jahr mit 120.000 Tonnen aus dem Land am Nil 20 % mehr absetzen zu können. Man setzt auf Qualität, da man auch mit einer entsprechend großen Menge aus Israel rechnen muss. Die Qualität von dort ist der Maßstab, den auch Ägypten erreichen will. Um ständig lieferfähig zu sein, wird man wieder in einigen Hafenplätzen Vorräte anlegen. Diese Ware muss aber bereits früh geerntet und sofort auf 5°C heruntergekühlt werden. Man hat leidvolle Erfahrungen damit, dass später geerntete Knollen dem Risiko von Hitzeschäden und Wurmfraß ausgesetzt sind.
Aufgrund der Weltwirtschaftskrise und den daraus folgenden Währungsturbulenzen muss damit gerechnet werden, dass Länder wie Russland und Großbritannien - beide haben einen großen Bedarf an Frühkartoffeln - deutlich weniger importieren werden. Da die Ernten im Süden, den bisherigen Informationen zufolge, groß sind, dürfte das Frühkartoffelangebot in der EU schon bald die Nachfrage übersteigen. Die Nervosität der französischen Anbieter, die im selben Zeitraum auf den Markt drängen, ist wohl schon darin begründet, dass die Zeit knapp wird, in der sich der aufgestaute Angebotsdruck abbauen kann.
Glücklicherweise waren die Pflanzbedingungen in Spanien bislang nicht optimal, in diesen Tagen kommt nun aber alles gut in die Erde, sodass die Tage bis zur Ernte zu laufen beginnen. Auch die deutschen Frühkartoffelregionen sind zwei bis drei Wochen später dran. Da das Festschaligkeitsgebot auch in diesem Jahr wieder gilt, wird man mit der eigenen Ernte ohnehin erst viel später beginnen, sodass für die Vermarktung der Importkartoffeln ein paar zusätzliche Tage zur Verfügung stehen.
Für die Einkäufer zeichnet sich in den nächsten Wochen offensichtlich kein Engpass ab. Ganz im Gegenteil: man wird beim Rohstoff stets aus dem Vollen schöpfen können. Das gilt in gleicher Form auch für die Kartoffeln verarbeitende Industrie. Die Produktläger sind gut gefüllt. Der Produktabsatz ist zwar befriedigend, weil europäische Produkte gegenüber denen aus Amerika wettbewerbsfähig sind, dagegen gibt es zurzeit kein weiteres Wachstum auf dem Inlandsmarkt. Für eine stetige Nachfrage hat man in der Regel den Rohstoff bereits zu festen Preisen geordert und hat darüber hinaus sich auch den Zugriff auf die Übermengen der Vertragslieferanten gesichert. Ein wirklicher Bedarf nach zusätzlichem Rohstoff zeichnet sich also auch hier nicht ab.
Das fürchten besonders die Lagerhalter in Belgien und Holland, wo jüngsten Erhebungen zufolge noch mindestens die gleichen Mengen wie vor Jahresfrist lagern sollen. Wenn der Export z.B. nach Russland in den nächsten Wochen nicht ein Ventil für größere Mengen bietet, könnten die Erzeugerpreise für Veredelungskartoffeln sogar noch weiter unter Druck geraten. Die Belgapom-Notierung vom gestrigen Freitag sank erneut um 50 Cent auf nun Acht Euro je 100 kg. In Frankreich konnte sich der Preis für die 35 mm Sortierung auf 8,2 €/dt halten.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH