Kartoffeln: Hohe Erwartungen
Durch kaltes Wetter lückenhafter Feldbestand
Die Kommentare, in denen ein rasches Ende des alterntigen Kartoffelangebots prognostiziert wird, häufen sich. Dennoch gibt es bislang nur geringfügig festere Notierungen. Gestern senkte die Belgapom sogar ihre Preise, was von Experten aber als taktischen Spielzug gewertet wird. Vermutlich soll dadurch unter den Lagerhaltern eine Verunsicherung erzeugt werden, sodass die noch verfügbaren freien Mengen endlich angeboten werden.
Auf den Eurex-Index wird dies wohl keinen Einfluss nehmen, denn die Formel nach denen die beiden belgischen Kassanotierungen gewertet und zusammengefasst werden, sorgte bereits in den vorhergehenden Wochen dafür, dass der Belgapompreis unberücksichtigt blieb, da die Fiwap/PCA-Notierung sowohl den niedrigsten als auch den höchsten Preis auswies. Ob dieses Bangemachen zumindest die Bauern verunsichert, steht noch in den Sternen.
Derartige taktische Spielchen haben auch Mitte April stattgefunden und unter den Börsenteilnehmern für Verunsicherung mit stark schwankenden Börsenkursen gesorgt. Für viele Kassamarktbeteiligte ist die Juni-Notierung der Eurex von großer Bedeutung, auch wenn keine Terminkontrakte gehalten werden. In vielen Vorverträgen wurde nämlich der Börsenindex am Fälligkeitstermin als Referenzpreis vereinbart. Es ist also zu erwarten, dass das Gerangel um einen „fairen Preis“ in den nächsten Tagen zunehmen wird. Die Autorität des Veredelungskartoffelindex für den Kassamarkt hat also deutlich zugenommen und die beiden letzten Indizes auf Kartoffeln der alten Saison genießen eine hohe Aufmerksamkeit.
Gestern bewegte sich der Juni-Future mit 9,9 € schon auf das Niveau des Index von 9,7 € zu. Nicht auszuschließen ist aber, dass die Gebote im Kassamarkt bald deutlich höher auskommen als zuletzt. Einkäufer deutscher Fabriken zahlen für Junilieferungen bereits bis zu zwei Euro mehr als bisher. Feiertagsbedingt war es in dieser Woche allerdings so ruhig, dass das freie Angebot erstmalig seit Wochen überhing und das Halten der Preise erzwang. Wenn die Fabriken in der kommenden Woche alle wieder auf Hochtouren arbeiten, wird der eine oder andere aber seine neu vereinbarten Verträge zügig abrufen. Es wurde von vielen Seiten berichtet, dass die Abrufe der Vertragskartoffeln stets vor der vereinbarten Endlaufzeit erfolgten. Ein Zeichen dafür, dass die Fabriken eine hervorragende Saison hinter sich gebracht haben. Eine große Ernte wurde flott verarbeitet und es gibt kaum ausreichend Produktvorräte.
Bei dem anhaltend kalten Wetter kommt der Nachschub aus der neuen Ernte mindesten um 14 Tage später und so manch eine Fabrik muss die entstehende Angebotslücke noch mit Kartoffeln der alten Ernte schließen. Auch ein lückenhafter Auflauf der Feldbestände nährt die Sorgen. Bezeichnend für die besondere Lage ist, dass die Preisnotierungen an der unteren Kante anziehen. Auch wenn alle Einkäufer stets bessere Qualitäten fordern, so kaufen sie dennoch zuerst die qualitativ grenzwertigen Partien, weil diese halt billiger sind. In den kommenden Tagen scheiden sich aber auch hier die Geister; die Schälverluste fallen nämlich bei der Kalkulation immer stärker ins Gewicht. Aus diesem Grund sichert man sich nun möglichst lange im Voraus die noch passablen Partien und muss dafür tiefer in die Tasche greifen.
Einige Beobachter erwarten sogar noch eine regelrechte Hausse, die sich dann auch auf die neue Ernte auswirken dürfte. Der April-2011-Future verzeichnet so bereits jetzt einen erfreulich guten Kontraktbestand und auch die Umsätze waren zuletzt ganz passabel. Gestern notierte diese Fälligkeit mit 14,6 € seinen höchsten Stand und die Umsätze deuten darf hin, dass nicht nur Spekulanten am Werk sind. Viele Einkäufer von Fabriken haben die Terminbörse als wichtigen Bestandteil ihres Risikomanagements entdeckt. Wenn man für den erfreulichen Nachfrageboom europäischer Kartoffelprodukte noch nicht genügend Rohstoffe eingekauft hat, so ist es unerlässlich, frühzeitig Preissicherung zu betreiben, um Aufträge annehmen zu können, ohne in die Spekulation zu geraten.
Fachleute wetten bereits jetzt darauf, dass die Börsenkurse für Veredelungskartoffeln sich 2010/11 ähnlich wie in der Saison 2005/06 entwickeln könnten. Damals wurden zeitweilig 20 € an der Börse erreicht und während der gesamten Saison waren die Preise extrem volatil. Heute, wo am Börsenplatz Frankfurt gehandelt wird, der über eine weltweite Vernetzung verfügt, können die Anleger aller Finanzinstitute leichter in Kartoffelfutures investieren, als noch damals in Hannover. Der saisonal unüblich hohe Kontraktbestand könnte ein erstes Zeichen dafür sein, dass dieser Prozess schon in Gang ist.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH