Kartoffeln: Jetzt geht’s an die Lagerware - Markt definiert sich neu
Qualitäts- und Preisdisziplin vonnöten
Nach einer sehr ruhigen Phase erwarten die Versandhändler von Speisekartoffeln demnächst eine stetige Nachfrage für beste Partien. Der Bedarf an Frittenrohstoff kann kaum noch gesteigert werden, denn die Kartoffelverarbeiter fahren ihre Werke am Rande der Kapazitätsgrenzen.
Dennoch bauen sich in den Tiefkühlregalen der Kartoffelverarbeiter kaum Lagerbestände auf, der Absatzboom von Kartoffelfertigprodukten hält unvermindert an. Und dies, obwohl die Verarbeitungskapazitäten in den letzten Jahren stets ausgebaut wurden. Der Rohstoffeinsatz nahm alleine in Belgien in 2006/07 (2,3 Mio. Tonnen) gegenüber dem Vorjahr 2005/06 (2,03 Mio. Tonnen) um 13 % zu. Aber auch in den anderen bedeutenden europäischen Kartoffelproduzierenden Ländern gab es ähnliche Entwicklungen. Unsere Kartoffelprodukte sind am Weltmarkt gefragt.
Den deutschen Fabriken kommt in diesen Tagen zugute, dass einige Lagerhalter auf Absatz drängen. Es gibt nämlich Haltbarkeitsprobleme bei der Sorte Agria, die auf schweren Böden einen hohen Anteil hohlherziger Knollen aufweist. Um Verluste zu vermeiden, werden die gefährdeten Partien bevorzugt aufgenommen. Ohne dieses unplanmäßige Angebot müssten noch mehr vertragsfreie Knollen abgerufen werden. Die stetige Nachfrage aus dem In- und Ausland sorgte ohnehin schon für ausgeglichene Marktverhältnisse mit leicht steigenden Notierungen. Am kommenden Montag wird zudem die erste Notierung aus Rotterdam erwartet, die stets eine „strategische Komponente“ beinhaltet. Exporteure hoffen, dass diese Leitnotierung, angesichts der im Grunde genommen positiven Marktaussichten, nicht zu sehr vorprescht, damit die bereits konkreten Exportmöglichkeiten nicht konterkariert werden.
Bei den Speisesorten gab es zuletzt eine nervige Hängepartie beim überregionalen Absatz. Die maßgeblichen Versandhändler in Niedersachsen bleiben aber standhaft bei den mit 12 €/dt vorgegebenen Erzeugerpreisen, da sie sicher sind, dass nach dem Ende der Herbstferien nun bald eine stetige Nachfrage des LEH und ausländischer Käufer erfolgen wird. Spätestens dann werden die Bauern sogar einen Aufschlag für die trockene aus Langzeitlägern aufbereitete Ware verlangen und auch bekommen. Ohne diesen Aufschlag lohnt sich die Investition in eine qualifizierte Lagerhaltung nicht mehr und all die hehren Aussagen, darüber, dass Qualität sich lohnen soll, entpuppen sich als leere Floskeln.
Die in den letzten Jahren umgesetzten Qualitätsverbesserungen verschaffen der deutschen Kartoffelwirtschaft zurzeit einen Wettbewerbsvorteil, den man nun durch kurzfristiges Profitdenken nicht unterlaufen darf: Deutschen Kartoffeln sind nämlich im östlichen europäischen Ausland gefragt. Man trifft die Erwartungen der Käufer, weil das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Unterdessen gibt es auch hierzulande Anfragen aus Nordafrika. Zurzeit disponiert man nach Algerien Saatkartoffeln und erreicht dabei für bevorzugte Sorten rekordverdächtige Preise; ähnlich wie im Vorjahr. Darüber hinaus spricht man auch über Lieferungen von Konsumkartoffeln, die aber wohl erst zu Beginn des kommenden Jahres zum Zuge kommen. Aktuell sind insbesondere bayerische Händler dabei, die Aufträge aus Süd- und Osteuropa zu bedienen.
Aufgrund des großen Preisgefälles kommt es darüber hinaus zu einer regen und star steigenden Handelaktivität zwischen dem Festland Europas und der britischen Insel. Laut dem PotatoCall vom 01.11.07 liefern Frankreich und sogar Spanien Speisesorten und Holland und Belgien beliefern die dortigen Fabriken mit den Sorten Agria, Bintje und Victoria. Die Preise liegen frachtfrei 10 bis 15 Pfund/Tonne unter den Notierungen britischer Produktion. Belgiens Frittenrohstoff ist außerdem auch in Frankreich gefragt. McCain Frankreich zahlt immerhin 10 €/dt für 35 mm+ feldsortierte Bintje ab belgischer Verladestation.
Bei einer Nachfragebelebung dürfte aber die Abgabebereitschaft aus der Landwirtschaft erhalten bleiben – und das ist auch gut so! Bis auf Großbritannien (-3%) melden nämlich alle Erzeugergemeinschaften Mitteleuropas auf einer Tagung der NEPG (Northwest European Potato Growers) am 24.10.07 höhere Erträge: Belgien mit einem Mengenplus von 20%, die Niederlande mit + 14%, Frankreich mit + 5% und Deutschland mit + 14%. Um bis zum Ende der Saison stetige Lageraufschläge zu erhalten, muss West- und Mitteleuropa zunächst eine kritische Menge exportieren. Die Zeichen dafür stehen zwar gut aber nur mit Qualitäts- und Preisdisziplin wird es uns auch gelingen.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH