Kartoffeln: Kartoffelernte in Herefordshire ist der blanke Horror

Briten schreiben 2,6 % der Kartoffelflächen ab - Demographie beschleunigt Wandel in der Landwirtschaft

Starke Regengüsse, die im Juli über Großbritannien niedergingen und in einigen Regionen zu tagelangen Überflutungen führten, zeigt bis heute seine Wirkung. Die Kartoffelernte in den betroffenen Gebieten ist für Mensch und Material eine Zumutung. Man rodet in einem Tempo von 15 bis 20 % der normalen Zeit und die Netto-Erträge bleiben unter zehn Tonnen/Hektar. Faule, ergrünte und aufgeplatzte Knollen erfordern einen intensiven Sortieraufwand, die Ware ist dennoch kaum für das Abpacken geeignet. Für viele Bauern ist das definitiv das letzte Jahr im Kartoffelanbau, berichtet Peter Cooper, Autor des Potato call.

Die betroffenen Regionen produzieren fast ausschließlich Speisekartoffeln. Die hohen Absortierungen werden die netto verfügbare Menge klein halten. Da nützt es auch wenig, wenn die Statistiker ausrechnen, dass die errechneten Verluste von 2,6 % bezogen auf die Gesamternte Großbritanniens mit einer um 3 % ausgeweiteten Anbaufläche kompensiert werden könnten. Speisekartoffelimporte aus Schottland sind wohl im weiteren Marktverlauf dringend nötig. Der große Preisabstand zwischen Speise- und Veredelungskartoffeln dürfte sich wohl über einen langen Zeitraum halten, mutmaßen britische Analysten.

Die Versorgung mit Verarbeitungsrohstoff ist dagegen wesentlich besser. Die Verarbeiter können während der Ernte auf ein großes Angebot aus der Landwirtschaft zurückgreifen, weil viele Partien mit zweifelhaften Qualitäten erst gar nicht ins Langzeitlager gelangen sollen. Landwirte nutzen die derzeitigen passablen Wetterumstände und kommen insgesamt sehr zügig mit der Haupternte voran. Da auch in den Vorjahren gute Erträge zu hohen Preisen zu vermarkten waren, erwarten Europäische Marktanalysten während der Ernte eine gute Vermarktungsdisziplin und dadurch keinen Preisrückgang mehr. Dennoch dürften bis zum Jahresende immer wieder kritische Partien aus den Langzeitlägern vorzeitig an den Markt geraten und damit eine Preisspekulation verhindern.

Ein stetiges Angebot ohne Druck wünschen sich auch alle anderen großen Kartoffelnationen. In Deutschland sehen die Erfassungshändler das größte Preisrisiko in dem Verhalten der Bauern begründet. Die Erträge reichen hierzulande nämlich von „Minus 20 %“ im Vergleich zur Vorjahresernte bis „rekordverdächtig“. Auch wenn die deutsche Gesamternte um 10 % über der des Vorjahres läge, meinen die Kaufleute durch gute Exportchancen von frischer Ware oder Produkten alles absetzen zu können, was gesund vom Acker kommt.

Da selbst der Kartoffelmarkt den Atem des Weltmarktes spürt, spielen die regionalen Einflüsse im weiteren Verlauf meist nur noch eine untergeordnete Rolle. So wurden bereits in diesem Jahr alle Getreidebauern der Welt zu Profiteuren der Globalisierung. Eine US-Rekordgetreideernte lässt sich wegen knappen Weltvorräten zu Rekordpreisen vermarkten. Nun kann man Frischkartoffeln nicht in alle Welt schicken, die Frachtpreise würden den Nutzen schnell aufheben. Aber der Radius für Europäische Kartoffelvermarkter wird immer größer. Sollten Lebensmittel weltweit wirklich knapp werden, werden sie zu strategischen Gütern. Viele Länder der Welt rechnen den Wert der Lebensmittel bereits heute in Geld pro Kalorie. Schließlich sind die großen Schwellenländer Russland, China, Indien und die arabischen Staaten allesamt Bevölkerungsreich. Außerdem haben Russland und die arabischen Staaten durch den üppig fließenden Petrodollar eine hohe Liquidität in ihrem Wirtschaftssystem.

Im Gegensatz dazu überaltert die EU und insbesondere der Berufsstand Landwirtschaft. Das dürfte den Trend zu arbeitsextensiven Feldfrüchten nochmals verschärfen. Der Kartoffelanbau und deren Vermarktung sind im Gegensatz zur Getreide- oder Energienpflanzenproduktion viel zu stressig. So berichtete kürzlich ein sehr erfolgreicher Kartoffelbauer in Niedersachsen, dass er seine Anbaufläche im kommenden Jahr um 10 % einschränken werde. Sein Einkommen werde nun auch maßgeblich aus der Getreideproduktion gesichert und damit bleibe mehr Zeit für die Familie. Der Demographiewandel in der EU und der Arbeitskräftemangel bei weniger attraktiven Jobs in der Landwirtschaft werden in den nächsten Jahren den Strukturwandel stark mitbestimmen.

Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH

Geschrieben von HANSA Terminhandel am
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