Kartoffeln: Käufer halten sich zurück
Die Preissicherung an der Börse floriert
Mit einem deutlichen Preissignal wollen sich die Versender in Belgien und Frankreich aus ihrer festgefahrenen Situation befreien. Durch die Veröffentlichung von Bestandserhebungen verschiedener Erzeugernahen Organisationen wurde in der letzten Woche offensichtlich, was die Versender längst wussten: die Vorräte in West- und Mitteleuropa waren Mitte November deutlich größer als im Vorjahr. Seit Wochen steht der Markt für freien Frittenrohstoff still; die Verarbeiter haben zuletzt nur bei Vertragslandwirten abgerufen. Mit einer Preisrücknahme für freien Verarbeitungsrohstoff von bis zu einem Euro pro 100 kg soll dieser zermürbende Stillstand beendet werden. Die Käufer warten allerdings noch ab, bis sich das Preisniveau wieder stabilisiert.
Die Versender beklagen insbesondere das Ausbleiben der Auslandsnachfrage. So meldete der niederländische Kartoffelverband NAO für den Oktober eine Exportmenge von nur 17.000 Tonnen gegenüber 45.000 Tonnen im Vergleichsmonat 2008. Der größten Abnehmer Belgien und Großbritannien versorgen sich vorerst aus den großen eigenen Beständen, das gleiche gilt für Südeuropa. Ein höherer Bedarf in Osteuropa wird meist aus Deutschland bedient, wo die Versender in der Preisgestaltung recht flexibel sind und auch kürzere Transportwege kalkuliert werden können.
Insofern sind die Rahmenbedingungen hierzulande längst nicht so dramatisch, wie bei unseren westlichen Nachbarn. Dennoch: bei den milden Temperaturen fangen viele Kartoffelpartien schon frühzeitig an auszukeimen und so drängen auch deutsche Landwirte trotz unbefriedigender Erlöse mit ihrer Lagerware auf den Markt. Das am Dienstag vom Landesamt für Statistik in Niedersachsen bekannt gegebene endgültige Ernteergebnis stellt fest, dass zumindest die Speisekartoffelernte mit 1.463.338 Tonnen um 9,9 % kleiner ausfällt, als im Vorjahr (-144.939 Tonnen). Dagegen sind mit 3.673.778 Tonnen gegenüber 2008 (+370.451 Tonnen) 10,1 % mehr Industriekartoffeln registriert worden. Wenn die Statistik hier keine Abgrenzungsfehler gemacht hat, können zumindest noch die Speisekartoffelbauern auf stabile Marktverhältnisse hoffen. Niedersachsen produziert immerhin 46 % aller deutschen Kartoffeln und ist insofern repräsentativ für ganz Deutschland.
Frittenrohstoff ist dagegen reichlich verfügbar und die Fabriken schöpfen ununterbrochen aus dem Vollen. Die Notierungskommissionen in Westeuropa hatten in den ersten Notierungsrunden den legitimen Versuch unternommen, ein Preisniveau zu etablieren, das kostendeckend wäre. Die Einkäufer der Fabriken haben zwar diese Preise mit festgelegt und damit stabile Forderungen für die Fertigprodukte begründet, tatsächlich versorgte man sich aber bis zuletzt meist mit viel preiswerteren Offerten direkt aus der Ernte oder aus Notleidenden Lagerpartien. Der deutsche Preis für Verarbeitungsrohstoff – von der AMI erhoben - markierte im zurückliegenden Monat die Unterkante im Reigen der vier großen Kartoffeln verarbeitenden Nationen. Wegen höherer Forderungen kamen holländische Lieferanten am deutschen Kassamarkt noch gar nicht zum Zuge.
Wenn die Rotterdamer Notierungskommission am kommenden Montag zusammentritt, wird man nicht umhin kommen, dem Beispiel Belgiens und Frankreichs zu folgen und die Notierungen deutlich zu senken. Schließlich muss der Absatz nun bald angekurbelt werden. Die Nachbarn notierten den Frittenrohstoff gestern bereits bis zu einem Euro schwächer. Der Eurex-Index für Veredelungskartoffeln dürfte deshalb bereits am kommenden Donnerstag unter die Sieben-Euro-Marke sinken.
Da die Fabriken stets mit Vertragsware gut versorgt sind und die Käufer im nahen und fernen Ausland auch keine akuten Versorgungsengpässe haben, wird der Preisrutsch nach Einschätzung von Beobachtern bei den Käufern zunächst einmal eine abwartende Haltung hervorrufen. Wer weiß schon, ob der Preis wirklich schon unten ist?
Gegenteilige Markteinschätzungen haben gestern an der Frankfurter Terminbörse Eurex zu einem wahren Umsatzboom geführt. Bei einem Tagesumsatz von mehr als 500 Kontrakten sank der April-2010-Kurs um 70 Cents auf 9,2 Euro. Das sind cirka 2,5 € mehr als der zu erwartende Index am kommenden Donnerstag und wird von vielen Lagerhaltern zur Versicherung gegen weiteren Kursverluste genutzt.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH