Kartoffeln: Krautfäule gerät außer Kontrolle
Fungizide werden eingeteilt – Nur 10 Tonnen Bio-Kartoffeln pro Hektar? – Keine Einigkeit im Rheinland
In diesem Jahr war der Befall durch den Erreger Phytophthora infestans, besser bekannt als Kraut- und Knollenfäule, besonders früh. Bereits am 10.06., also lange vor dem Reihenschluss, wurde in allen maßgeblichen Kartoffelanbauregionen Europas ein flächendeckender Infektionsdruck beobachtet. Als Gründe wurden die warme Witterung und die Infektion durch „Durchwuchskartoffeln“ genannt. Dabei handelt es sich um im Boden verbliebene Kartoffeln der letzten Ernte, die aufgrund des milden Winters nicht verfroren. Sie bilden einen Primärherd. Wissenschaftler beobachten aber auch, dass die Befallsstärke seit 1958 exorbitant zugenommen hat. So sei der Erreger fünfmal aggressiver geworden. Die Zahl der Erregervarianten nimmt ständig zu, die Zeit der Blattinfektionen verkürzte sich um den Faktor 3,5 sich und die Pilzpopulation vermehrt sich nun auch bei niedrigeren und bei höheren Temperaturen.
Seitdem im Jahre 1980 erstmals auch in Europa die geschlechtliche Vermehrung der Krautfäuleerreger beobachtet wurde, sind Dauerformen (Oosporen) entstanden, die im Boden über Jahre überleben können und eine viel größere Variation der Erreger zur Folge haben. Die Bekämpfung der Kraut- und Knollenfäule stellt insofern für die Bauern, aber auch für die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, eine große Herausforderung dar. Die Industrie forscht unermüdlich an neuen Mitteln, um den stets wandelnden Formen des Pilzes Herr zu werden. Die Herstellung solcher Produkte dauert bis zu einem Dreivierteljahr. Innerhalb einer Saison kann dann kaum noch neuen Herausforderungen begegnet werden.
Der Bedarf an Behandlungsmitteln gegen Phytophthora ist in dieser Saison besonders groß. Der außerordentlich frühe Befall und die nicht enden wollenden Niederschläge dieser Tage fordern eine immer enger werdende Spritzfolge. Je nach Sorte und Befallsdruck muss der Bauer schon zweimal in einer Woche spritzen. Der Mitteleinsatz ist eine Wissenschaft für sich. Die Kombination der Mittel aus einer großen Produktpalette wird von Fachleuten individuell und für jeden Standort, Sorte und Verwendungsrichtung ermittelt. Der Handel verfügt allerdings nicht mehr über alle Mittel. Insbesondere die systemischen Mittel gelten vielerorts bereits als ausverkauft, dagegen sollen einfache Kontaktmittel noch verfügbar sein. Dafür benötigt man allerdings trockenes Wetter. Wenn sich aber die Prognosen der nächsten Tage bewahrheiten, so wäscht der Regen die Mittel von den Blättern und die erwünschte Schutzwirkung bleibt aus.
Vorsorglich haben sich im Weser-Ems-Gebiet schon Bauern, die ihre nächste Ernte bereits verkauft haben, bei ihren Abnehmern gemeldet und angekündigt, dass es wohl nichts mit einer großen Ernte wird. Der Landhandel teilt unterdessen die restlich verfügbaren Pflanzenschutzmittel nur noch an treue Kunden ein und der DKHV (Deutscher Kartoffel Handels Verband) hat an den BVA (Bundesverband des Agrarhandels) vorsorglich die Frage nach der Mittelverfügbarkeit gestellt, um eine Umverteilung aus weniger stark betroffen Regionen frühzeitig organisieren zu können. Ein ähnlicher Hilferuf war bereits letzte Woche aus Frankreich zu hören. In Norddeutschland liegt der Verbrauch von Fungiziden im Kartoffelanbau bereits jetzt um 40 % über dem des Vorjahres. Der finanzielle Aufwand der Landwirte beläuft sich hier statt auf 500 €/ha auf nun rund 1000 €/ha.
Am stärksten betroffen sind aber wohl die Biobauern. Sie dürfen keine derartigen Mittel einsetzen. Das Kompetezzentrum Ökolandbau Niedersachsen prognostiziert ein frühzeitiges Ende der Vegetation bei Biokartoffeln, weil keine Blattmasse mehr vorhanden ist. Bei erwarteten Erträgen von gerade mal zehn Tonnen marktfähiger Ware pro Hektar wird der Ökokartoffelanbau auf den meisten Betrieben unwirtschaftlich.
Trotz der aktuell begrenzten Verfügbarkeit von Konsumkartoffeln forderte der Handel im Rheinland am Freitag weitere deutliche Preiszugeständnisse von den Erzeugern auf unter 15 €/dt. Man möchte die Preise für freie Ware auf oder am Besten sogar unter das Vertragspreisniveau drücken, um die Vorzüglichkeit von Vorverträgen zu bestätigen. Die Bauern lehnten diese Forderungen jedoch ab und es kam zu keiner Einigung. In den anderen Erzeugerregionen ist das Einvernehmen zwischen Erzeugern und Handel konfliktfreier. Es kamen Abschlüsse auf einem leicht reduzierten Preisniveau zwischen 19 und 22 €/dt zustande.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH