Kartoffeln: Lebensmittelindustrie bangt um Rohstoffversorgung
Derivatehandel soll besser reguliert werden – Flächenkonkurrenz treibt Pachtpreise
Angesichts steigender Lebensmittelpreise flammt die Diskussion über die Konkurrenz um Agrarflächen wieder auf. Nestlé Verwaltungsratschef Peter Barbeck sieht unter anderem drohenden Wassermangel und schwindende Agrarflächen durch eine steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen als Ursache. Er verwahrt sich im gleichen Atemzug gegen die Aussage, Spekulanten trieben die Rohstoffpreise in die Höhe. Die Brüsseler Kommission überarbeitet derzeit eine Richtlinie zur Regulierung des Terminhandels mit Agrarprodukten.
Der Auftrag dazu kommt vom EU-Parlament. Auch die G-20-Regierungschefs hatten sich im vergangenen Jahr darauf verständigt, den Derivatehandel besser zu regulieren. EU-Binnenmarktkommissar Michael Barnier will in Kürze seinen ersten Entwurf dazu vorlegen. Darin will er sicherstellen, dass die eigentlich beabsichtigte Absicherung gegen Preis- und Kursschwankungen auch in Zukunft möglich sei.
Parallel dazu ist nicht erst in diesen Tagen eine hitzige Diskussion über die Energiepolitik der Bundesregierung entbrannt. Angela Merkel macht dieses Thema zur Chefsache und der Bundesumweltminister Norbert Röttgen will auf absehbare Zeit eine 100%ige Versorgung mit erneuerbarer Energie. Im Gegensatz dazu fordert die Wirtschaft in einem Energiepolitischen Appell die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken, weil die Kosten der ambitionierten Energiepolitik der Bundesregierung die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft in Frage stellt. Die Zeche wird aber auch der Verbraucher zahlen. Steigende Lebensmittelpreise und höhere Energiekosten werden über kurz oder lang den Unmut der Bürger hervorrufen.
Gerade die Lebensmittelindustrie befürchtet durch Flächenkonkurrenz verursachte hohe Pachtpreise, teure Energiekosten und volatile Rohstoffpreise auf hohem Niveau. Durch die Vorreiterrolle Deutschlands in Sachen Nachwachsender Rohstoffe ergibt sich ein Wettbewerbsnachteil zu unseren unmittelbaren Nachbarn Holland und Belgien. So fordert eine Gruppe der größten deutschen Kartoffelverarbeiter (Wernsing, Schne-Frost, die EmslandGroup und Agrarfrost), die immerhin einen Rohstoffbedarf von drei Mio. Tonnen auf sich vereinigen, die Abschaffung des NawaRo-Bonus für den Bau von Biogasanlagen und damit den „Volkwirtschaftlichen Unsinn“ zu beenden.
Konsequenterweise betreiben die Verarbeiter schon heute eine Einkaufspolitik der Rohstoffschonung. Vor dem Hintergrund eines abermals eingeschränkten Kartoffelanbaus, der großen Hitze und Trockenheit im Frühsommer im europäischen Kartoffelgürtel sowie der daraus entstandenen Durchwuchs-Problematik bei den Sorten Agria, Bintje und Marquise ist bereits in der laufenden Vermarktungssaison mit Versorgungsengpäs-sen zu rechnen. Zum Ende der Frühkartoffelsaison liegen die Preise für freie Premiere immerhin noch bei 15 €/dt. Das sind zwar 2,5 €/dt weniger, als in der Vorwoche aber im Vergleich zu Normaljahren ist das immer noch ein sehr hohes Preisniveau.
Man konzentriert sich zurzeit auf die Abnahme von Vertragskartoffeln. Wegen der hohen Preise für freie Ware, aber auch wegen der zum Teil jetzt schon bedenklichen Qualitäten ist das verfügbare Angebot zurzeit höher als die Nachfrage. Die Kassapreise stehen deshalb vorerst unter Druck und dürften wohl zunächst auch weiter fallen. Auf den Flächen findet man mittlerweile viele Knollen mit sehr unterschiedlichen Stärkegehalten vor – eine Folge vom Zwiewuchs. Vor der Einlagerung muss dieses Problem beseitigt sein, sonst gibt es nachhaltige Haltbarkeitsprobleme, so die Befürchtungen der Fachleute. Ob deshalb die Terminmarktkurse weiter fallen, ist noch offen und hängt wohl eher von den Erkenntnissen aus der Ertragsanalyse ab.
Bei den fortlaufenden Proberodungen wurden zuletzt wöchentliche Ertragszuwächse zwischen drei und sechs Tonnen pro Hektar festgestellt, das sind eher unterdurchschnittliche Werte im Vergleich zu den Vorjahren. Auch das mag mit dem Phänomen des Durchwuchs zusammenhängen. Die Energie geht ins Kraut, so die Vermutung einiger Landwirte.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH