Kartoffeln: Massive Hagelschäden am deutschen Niederrhein
RMX-Kontraktbestand stagniert bei 2000 Lots
In einer der bedeutendsten deutschen Kartoffelanbauregionen, dem westlichen Niederrhein, genauer gesagt in den Landkreisen Viersen und Krefeld, gab es am gestrigen Freitag innerhalb von 30 Minuten unwetterartige Niederschläge mit bis zu 80 Liter Regen/qm sowie drei bis vier cm großen Hagelkörnern. Betroffene Personen schätzen, dass unter anderem ca. 500 ha Kartoffeln verhagelt sind. Diese Bestände waren kurz vor dem Reihenschluss und werden nun einen komplett neuen Blattapparat aufbauen müssen. Die Schäden werden mit 30 % bis Totalausfall beziffert. Am Montag beginnen die Verhandlungen mit Versicherungen und den Vertragspartnern.
Zuvor waren auch in Teilen Belgiens und Frankreich Hagelschäden in Kartoffeln entstanden. Während die direkt betroffenen Landwirte große Schäden zu beklagen haben, profitieren die Nachbarregionen von moderateren Niederschlägen, die nach wochenlanger Trockenheit dringend benötigt wurden. Bis Mitte Juni kommt man erst einmal mit der Wasserzufuhr hin, aber es hat nicht überall geregnet. Im östlichen Ruhrgebiet und in der Pfalz ist es bis nach wie vor viel zu trocken und in den Frühkartoffelbeständen laufen die Beregnungsanlagen, sofern verfügbar. Auch in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind die Kartoffelbauern mit der künstlichen Wasserversorgung ihrer frühen Knollen ausgelastet. Die Kartoffeln der Haupternte müssen allerdings noch auf die Beregnung warten, denn das Getreide hat Vorrang.
Allzu lange darf der Regen aber nicht mehr auf sich warten lassen, denn zeitnah zum Reihenschluss im Juni werden die Pflanzen Knollen ansetzen. Bleibt es während dieser wichtigen Phase zu trocken, so reduziert sich die Stückzahl. Die Pflanzen befinden sich also in einer sensiblen Phase für die Bestimmung der Gesamternte.
Angesichts einer durchschnittlichen Flächeneinschränkung von ca. 5 % in der Europäischen Union und stabilem bis zuletzt sogar steigendem Besdarf, benötigen wir im kommenden Jahr hohe Hektarerträge. Jede mögliche Ertragseinschränkung erhöht die Nervosität der Marktbeteiligten. Wie sensibel der Markt auf eine Verknappung des Angebots reagiert, erfahren momentan die Packstationen, die über keinerlei Vorräte verfügen. Das ohnehin schon sehr hohe Frühkartoffel-Preisniveau von 50 € gilt nun nicht mehr, man verlangt bereits 60 Euro für 100 kg importierter Kartoffeln. Dabei hört man aus Spanien, dass die Erträge gar nicht schlecht sein sollen, alleine die Verfügbarkeit ist aufgrund regenbedingter Ernteverzögerungen und knappem Frachtraum nicht unmittelbar gegeben – und schon steigen die Preise.
Davon werden mit Sicherheit auch deutsche Frühkartoffelproduzenten profitieren. Die Anbaufläche wurde umfangreich eingeschränkt und die Märkte sind leergefegt. Davon profitieren zuletzt sogar die Halter von letzten Lagerkartoffeln. In diesen Tagen kann man alles, was noch einigermaßen verwertbar ist, zu mindestens stabilen Preisen verkaufen. Experten erwarten, dass diese verkäuferfreundliche Phase noch mindestens bis August anhält.
In diesem Umfeld kann sich die Notierung am Terminmarkt gut behaupten. Je nach Nachrichtenlage und Wetterbericht schwanken die Kurse für den April-09-Veredelungskartoffelkontrakt der RMX zwischen 17 und 18,5 €/dt. Dieser Gleichgewichtspreis beinhaltet die Erwartung hoher Erträge auf einer um 5 % reduzierten EU-Kartoffelfläche. Ob die Erträge nun tatsächlich das Ertragsniveau des Vorjahrs erreichen, hängt maßgeblich vom weiteren Wetterverlauf ab. Verfehlt der Durchschnittsertrag das letzte Ergebnis nur um 5 %, unterschritte die diesjährige EU-Ernte das magere Ergebnis des letzten Hochpreisjahres 2006.
Die Anspannung am Markt ist also kaum noch zu steigern. Aus den genannten Gründen sind nur wenige Landwirte bereit, an der Terminbörse Verkaufspositionen einzugehen, obwohl man dort – eine normale Ertragsentwicklung unterstellt – gute Deckungsbeiträge absichern könnte. Das open Interest an der RMX stagniert seit 10 Tagen bei 2000 Lots. Die Festpreisgebote liegen mittlerweile auf 13 bis 14 €/dt, knapp unter den aktuellen Spotmarktpreisen. Die Bauern können damit rechnen, dass sie ihre Kartoffeln auch in der kommenden Saison mindestens zu kostendeckenden Preisen verkaufen können. Eine frühzeitige Lieferzusage zu festen Preisen oder eine Absicherung gegen fallende Preise an der Terminbörse wird man deshalb vorerst nur eingehen, wenn sich ein eindeutiger Vorteil bietet.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH