Kartoffeln: Qualitätsprobleme und schwache Exporte

Der Preispoker geht in die letzte Runde

Der wärmste April seit den modernen Wetteraufzeichnungen, mit 5 °C höheren Durchschnittstemperaturen, stellt die Kartoffelbauern mit Langzeitlagerung vor große Herausforderungen. Wenn Landwirte, die über Kühltechnik verfügen, jetzt ihre Boxen öffnen, stellen sie fest, dass die Backfarben außerordentlich schnell nachlassen. Die Verarbeiter monieren zudem immer öfter Lagerdruckstellen an den Knollen. Gleichzeitig lässt das Kaufinteresse ausländischer Käufer spürbar nach.

Nachdem die Feldarbeiten mittlerweile weit fortgeschritten und kaum noch drängende Arbeiten zu erledigen sind, konzentrieren sich die Kartoffelbauern nun wieder auf die Vermarktung ihrer verbliebenen Vorräte. Das Kartoffelangebot, das in den letzten Tagen selbst in Belgien und den Niederlanden wieder spürbar zugenommen hat, trifft auf einen schwierigen Markt. Wegen dem verbesserten Angebot lässt auch das Kaufinteresse der Industrie für freie Ware wieder nach. Man besinnt sich wieder auf die Vertragsware, denn in Frühkartoffelregionen sind die jungen Pflanzen sehr zügig aufgelaufen. Die Bestände zeigen sich gesund und ohne Lücken. Die Tage bis zur Ernte sind überschaubar und das Risiko, weiteren Rohstoff um jeden Preis kaufen zu müssen, schwindet.

Da das Angebot zum einen extreme Qualitätsunterschiede aufweist und zum anderen nur noch einen begrenzt aufnahmebereiten Markt trifft, müssen wieder alle Verwertungsrichtungen bis hin zum Futtertrog bedient werden. Entsprechend groß ist der Preisunterschied zwischen den begehrten Partien und denen, die eigentlich niemand mehr haben will. Selbst die Käufer der Billigschiene haben hohe Ansprüche an Backfarben oder Hygiene der Ware, die nicht immer erfüllt werden können. Die Granulat- und Flockenindustrie wehrt sich gegen das steigende Angebot schon vorsorglich. Weitere Werke sollen in Kürze geschlossen werden.

Da im Süden Europas die Ernte bereits begonnen hat oder unmittelbar bevorsteht, nimmt auch das Kaufinteresse von dort spürbar ab. Lediglich Übergrößen im Sortiermaß 60 mm + waren zuletzt noch problemlos unterzubringen. Für die holländischen Anbieter ist besonders schmerzhaft, dass sich die belgische Industrie im eigenen Lande versorgt. Der spektakuläre Preisanstieg in der vergangenen Woche mobilisiert die restlichen Lagervorräte. Da der Belgapom-Preis auch in der kommenden Woche mit 10 €/dt ab Station Bestand hat, dürfte die Eigenversorgung vorerst gesichert sein.

Immer größere Anteile der holländischen Vorräte sind zum Ende der Saison zum größten Teil noch nicht verkauft. Die Industrie arbeitet auch in diesen Tagen auch Hochtouren, um die letzten Rohstoffeinkäufe abzuarbeiten. In welchem Umfang sie aber noch freie Mengen zukaufen werden, bleibt bis zum Anschluss an die neue Ernte ungewiss. Ca. 5 % der Landwirte, die bei der April-Umfrage über ihre Bestände Auskunft gegeben hatten, hatten noch überhaupt keine Kartoffeln aus der alten Ernte verkauft. Das Pokern um den besten Preis dürfte auch in dieser Saison erst am Ende der Vermarktungszeit entschieden werden.

Das Ergebnis dürfte erwartungsgemäß höchst individuell ausfallen. Da die Einkäufer aus der Industrie durchaus bereit sind, für gute Qualitäten auch gutes Geld auszugeben, kommt es schon heute nur auf die Entschlussfreude der Landwirte an. Bereits in den letzten Tagen haben einige Lagerprofis schon „abgedrückt“ und die eine oder andere Box zur Verladung freigegeben. Dabei handelt es sich dann immer um große einheitliche Einheiten, die vorher vom Einkäufer beprobt wurden. Über den tatsächlichen Preis schweigen sich die Parteien aus. Da die neue Ernte mit großen Schritten vorankommt, dürfte sich in den nächsten Tagen die Verhandlungssituation der Bauern nicht verbessern. Unter diesen Umständen kann es sogar dazu kommen, dass der Schuss für die Anbieter nach hinten losgeht, wenn man zu lange wartet.

Das in Belgien erreichte Preisniveau markiert in diesen Tagen die absolute Obergrenze dessen, was erreichbar ist. Das haben wohl auch die Bauern erkannt, sonst würden sie nicht so bereitwillig liefern. Man kennt aus früheren Zeiten auch andere Verhaltensweisen: Steigt der Preis erst einmal an, so nimmt das Angebot ab, weil man schon gleich den nächsten Preisschub mitnehmen will. Das scheint aber unter den heutigen Umständen nicht erreichbar.

Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH

Geschrieben von HANSA Terminhandel am
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