Kartoffeln: Regen begrenzt Angebot
Kartoffelverarbeitung boomt – Hausse der Rohstoffe schon wieder zu Ende?
Schwere Regenfälle über Westeuropa behindern die Kartoffelernte. Die Erntearbeiten sind ins Stocken geraten, nachdem in der letzten Woche in den Niederlanden, im Norden Frankreichs, Belgien sowie Teilen Großbritanniens bis zu 100 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen waren. Dort gibt es aktuell nur wenig Angebot ab Feld. Ihre Lagerware wollen die Landwirte nicht zu den vorherrschenden niedrigen Preisen hergeben. Das nasse Herbstwetter soll auch in den nächsten Tagen anhalten.
In Deutschland ist die Ernte dagegen fast beendet. Auf den leichter zugängigen Standorten haben die Landwirte noch einige Restmengen Verarbeitungsrohstoff stehen lassen, damit man den anstehende Lieferverpflichtungen für die Industrie bedienen kann. Solange es noch keinen Frost gibt, braucht man diese Mengen nicht einzulagern und das anhaftende Wasser kann man gut mitverkaufen. Lagerkartoffeln dürften bereits zu weit über 90 % eingelagert sein und sich bereits im Schwitzprozess befinden.
Im Westen Europas kommen dagegen Befürchtungen auf, dass die Kartoffelernte nicht mehr komplett geborgen werden kann. Die Verdunstungsraten nehmen mit den kürzeren Tagen und niedrigeren Temperaturen ab, sodass die Kleyböden immer schwerer zugängig werden. Allerdings ist es für diese Sorgen noch reichlich früh. In Holland und erst recht in Großbritannien hat man viele Beispiele dafür, dass sogar noch im Winter Kartoffeln geerntet wurden, die für die industrielle Verarbeitung geeignet waren. Die Ernte ist in den Niederlanden mittlerweile zu weit über 60 % im Lager. Das ist für Anfang Oktober sogar recht viel.
Da nun aber die eingelagerten Knollen schwitzen, aus Qualitätsgründen auch nicht angefasst werden und gleichzeitig der Nachschub frisch vom Feld ins Stocken gerät, übersteigt die Nachfrage der belgischen Kartoffelindustrie das Angebot. Die Folge: Die Preise steigen von 9,25 auf jetzt 10,00 €/dt frachtfrei Fabrik. Davon dürften auch die Lieferanten aus Deutschland profitieren. Bisher verdarben die Frachtkosten in Höhe von 2 €/dt vom deutschen Niederrhein nach Belgien jede Kalkulation. Die Erzeugerpreise von 7,25 €/dt im Westen Deutschlands waren ohnehin die Schmerzgrenze. Mit dem Preisanstieg erweitern belgische Verarbeiter nun ihren Bezugsradius.
Sie müssen ohnehin im weiteren Marktverlauf den Kreis der Lieferanten etwas größer schlagen, denn im Norden Frankreichs und Teilen Belgiens war im Gegensatz zu den anderen maßgelblichen Kartoffelnationen der Knollenansatz eher hoch und die Kaliber blieben allgemein kleiner. Insofern dürfte der Lieferstrom unserer überschüssigen und meist zu grob fallenden Verarbeitungsware maßgeblich in Richtung Westen fließen.
Aufgrund enormer Frachtkosten und der ausreichenden Verfügbarkeit von Kartoffeln werden die Landwirte in Deutschland wohl als Letzte von möglichen Preisverbesserungen profitieren. Bei einer weiterhin hohen Auslastung der Verarbeitungskapazitäten, die sich vornehmlich in Belgien und Holland konzentrieren, kann aber auch davon ausgegangen werden, dass unsere große Ernte wieder ihre Käufer findet.
So meldet eine niederländische Statistik (PA), dass dort im 12-Monatszeitraum September 2007 bis August 2008 zum Vorjahresvergleich 7 % mehr Kartoffeln verarbeitet wurden. 3.354.900 Tonnen gegenüber 3.124.800 Tonnen. Dazu hat sicherlich auch der Aufbau von Produktbeständen beigetragen, der aus den letzten, sehr preiswerten Kartoffeln der alten Ernte produziert wurden. Hatte man doch noch im Juli und August die Befürchtung, dass die diesjährige Ernte zu klein ausfallen würde.
Es dürfte der europäischen Kartoffelindustrie aber kein Problem bereiten, ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Schließlich wurden in Amerika die Anbauflächen um 8 % zurückgefahren und die Erträge konnten, anders als hierzulande, nicht den Flächenrückgang kompensieren. Die globale Finanzkrise bedroht aber das Weltwirtschaftswachstum; die Kaufkraft lässt selbst in Asien nach. Und so sollte man die benachbarten Rohstoffmärkte nicht aus den Augen verlieren, die in Teilen auch mit dem Kartoffelmarkt konkurrieren. Der Rohstoffboom scheint also vorerst zu Ende und damit dürfte auch die Flächenkonkurrenz abnehmen. Über Ihre Rohstoffversorgung machen sich die Einkäufer in diesem Wirtschaftsjahr jedenfalls keine Sorgen mehr.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH