Kartoffeln: Russlandexporte mit Auflagen
In Belgien und den Niederlanden sind 5.000 ha noch nicht gerodet
Nachdem mittlerweile mehrere Schiffsladungen Kartoffel aus Belgien in Russland wegen Nematoden geweigert wurden, drohte ein vorübergehendes Importverbot. Allerdings scheinen die Russen trotz der Verstimmung über wiederholte falsche Dokumentationen aufgrund ihrer der drängenden Nachfrage daran interessiert, eine Lösung zu finden. Die Fachleute in der Pflanzenschutzaufsicht haben sich nun mit den belgischen Behörden darauf verständigt, dass vorerst nur noch gewaschene Knollen geliefert werden dürfen. Das verteuert die Ware erheblich.
Ob die Versender die erhöhten Aufwendungen in Kauf nehmen, um den russischen Markt weiter zu bedienen, ist indes noch nicht klar. Schließlich kann man den knappen Rohstoff auch an anderer Stelle gut gebrauchen. Auch wenn die Kartoffeln verarbeitende Industrie immer noch einem drängenden Angebot kritischer Partien gegenübersteht, wird immer deutlicher, dass man sich auch im Inland schon bald um das Angebot bemühen muss. Lagerhalter, die sich der guten Qualität ihrer Vorräte sicher sind, halten nämlich schon jetzt zurück. Der erste Kälteeinbruch verursachte allerdings noch einen, vielleicht letzten Angebotsdruck von Partien, die in provisorischen Mieten untergebracht waren. Trotz alledem zeichnet sich seit gestern bereits der zweite Preisschub innerhalb weniger Wochen ab. Die Belgapom-Notierung stieg gestern um einen Euro und die französische SNM notierte um 85 Cent höher, als in der Vorwoche.
Russland und andere Süd- und Osteuropäische Staaten werden aber wohl auch bei steigen Preisen weiter in der EU zukaufen. Der Importbedarf der Russen wird nach realistischeren Einschätzungen mittlerweile auf 1 bis 1,5 Mio. Tonnen geschätzt. Also das 2- bis 5-fache früherer Jahre. Neben der EU steuern aber in erster Linie Aserbaidschan und Ägypten zur Erfüllung dieser Mengen bei. Der Bedarf für das kommende Frühjahr wird so hoch erwartet, dass der stellvertretende russische Ministerpräsident Viktor Subkow dem Landwirtschaftsminister Israels Shalom Simhon ein Gebot für die gesamte nächste, für den Export produzierte, Frühkartoffelernte unterbreitet hat. Käme das Geschäft zustande, hätte das natürlich auch wieder eine Rückwirkung auf die EU-Länder, die dann leer ausgehen würden. Dazu gehören in erster Linie Deutschland und Großbritannien.
In den Mittelmeeranrainerstaaten sind gleichzeitig die Möglichkeiten einer Produktionsausweitung eher begrenzt. Die Beschaffung von Saatgut und die spontane Verfügbarkeit von Anbauflächen sind zum einen begrenzende Faktoren. Aber, und so schreibt die AMI in seiner letzten Marktanalyse, mangelt es in Israel darüber hinaus z.B. an genügend Saison-Arbeitskräften. Außerdem verordnete der Landwirtschaftminister eine Kürzung der Nutzungsrechte für Beregnungswasser. Allem Anschein nach müssen also unsere eigenen Lagervorräte im kommenden Frühjahr länger ausreichen als üblich.
In dieser Situation kommt die Erntschätzung der NEPG (North Western European Potato Growers) gerade recht. In ihrer Statistik konzentrieren sie sich auf die großen fünf (D, B, NL, F, GB) in Europa und auf Konsumkartoffeln. Danach sollen in 2010 mit 23,821 Mio. Tonnen 4,4 % weniger Kartoffeln als im Vorjahr herangewachsen sein. Korrigiert man diese Menge noch einmal um die ca. 5.000 ha x dem durchschnittlichen Ertrag von 47 Tonnen/ha, so reduziert sich die Menge um 235.000 Tonnen auf 23,5 Mio. Tonnen. Bemüht man nun erneut den Vergleich mit 2006/07 als 21,5 Mio. Tonnen zur Verfügung standen. erscheint die Versorgung schon gar nicht mehr so dramatisch knapp.
Ungewiss bleiben vorerst aber immer noch die netto verfügbaren Mengen. Unterstellt man einen erhöhten Verderb von 5 % gingen gut 1 Mio. Tonnen zusätzlich verloren. Wenn nun noch ca. 1 Mio. Tonnen ins entferntere Ausland abfließen, so kommt man der 2006/07er Erntemenge sehr nahe und es könnte sich auch in preislicher Hinsicht wiederholen.
Der Optimismus hält sich aber noch in Grenzen. Denn noch immer feilen die Statistiker an ihren Zahlenkolonnen und so erhöhte das niedersächsische Landesamt für Statistik die Erntemenge im größten deutschen Kartoffelland um ca. 300.000 Tonnen gegenüber ihrer ersten Schätzung. Damit käme Gesamtdeutschland nun auf 9,8 Mio. Tonnen, wie es von der AMI von Beginn an geschätzt wurde. Die größten Einbussen verzeichnen allerdings die Stärkekartoffeln. Schwindende Anbauflächen und niedrigere Erträge führten zu einer Ernte von 2,4 Mio. Tonnen. Das sind 800.000 Tonnen weniger als im Vorjahr. Der Stärkeabsatz auf dem Weltmarkt muss deshalb in dieser Saison wohl oder übel vernachlässigt werden.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH