Kartoffeln: Spätreife Sorten wachsen über das Vorjahresergenis hinaus

Egal wo die Proben genommen werden, überall in Westeuropa sind im August sehr gute Zuwächse zu verzeichnen. Der Wechsel zu regnerischem Wetter brachte Anfang August die Wende: Zuerst bei den Erträgen und dann auch bei den Markterwartungen.

In der 32. Kalenderwoche verzeichneten die Probennehmer in den Niederlanden cirka 1,5 Tonnen Zuwachs auf dem Hektar am Tag. Der Ertrag wuchs von 44,7 Tonnen binnen sieben Tagen auf 55,5 to/ha heran. In der nun zurückliegenden Woche (KW 34) waren es sogar schon 60,4 Tonnen. Das sind nur noch knapp 5 to/ha weniger als das Endergebnis des Vorjahres. Angesichts immer noch reichlich grüner Blattmasse erwarten Fachleute, dass am Ende die 5 bis 6 % Flächeneinschränkungen mit einem entsprechenden Mehrertrag kompensiert werden können.

Auch in Belgien liegen die Testergebnisse der zurückliegenden Woche nur noch 4 Tonnen unter dem Endergebnis des Vorjahres. Dort wird zwar berichtet, dass bei der Sorte Bintje durchschnittlich 25 % der Blattmasse abgestorben sei, sodass mit einem weniger dynamischen Wachstum zu rechnen sei; das Vorjahresergebnis dürfte aber auch hier überschritten werden.

Die im westlichen Niedersachsen vorgenommen Proberodungen weisen bei den Sorten Bintje, Agria, Innovator und Hansa ähnliche Zuwächse aus, wobei das Kraut meist noch grün und deshalb ein ungebremstes Wachstum zu erwarten ist. Hier wird bereits ein Augenmerk auf die Qualität der Knollen gelegt. Auffällig ist, dass die Sorte Bintje und Innovator vielfach Misswuchs, Wurmfraß und leichten Schorf aufweisen. Agria zeigt sich vielfach Hohlherzig. Und die Hansa wird mittlerweise schon zu dick, sodass nun bereits das Kraut geschlägelt wird.

Mit diesen enormen Zuwächsen wird ein Bild korrigiert, dass sich in den letzten Monaten abgezeichnet hatte und teilweise auch in den ersten offiziellen Ernteschätzungen eingeflossen ist. Sowohl die von der EU-Kommission, als auch dem polnischen, wie auch französischem Statistikamt bekannt gemachten vorläufigen Hochrechnungen basieren auf Beobachtungen von Ende Juli. Zu diesem Zeitpunkt fehlte überall Regen und die Bestände drohten in eine frühzeitige Abreife zu kommen. Der zum Monatsbeginn aufkommende Niederschlag kam allerdings noch fast überall rechtzeitig und insbesondere die spätreifen Sorten profitierten am meisten. Die spektakulären Zuwächse werden uns in diesen Tagen durch die Veröffentlichung vieler Beprobungen präsentiert.

Damit verlieren die Marktteilnehmer nun auch ihre Fantasie für hohe Preise, was deutlich an den Börsenkursen abzulesen ist. Ende Juli notierten die RMX-Veredelungskartoffeln auf Termin April-09 mit 19 €/dt die bislang höchsten Kurse, nach einem spektakulären Preisrutsch wurden in diesen Tagen vereinzelt sogar die 12-€-Marke unterschritten. Wäre das Wetter im August ebenso verlaufen, wie im Juli, dann hätten wir wohl die 20-€-Marke längst überschritten, so die allgemeine Meinung in der Branche. Aber nun können die Verarbeiter wohl lange Zeit aus dem Vollen schöpfen und die Preise bestimmen.

Sie werden beim Einkauf wiederum ihre Vertragslieferanten bevorzugen. Schließlich sind sie es, die ihnen stets zu sehr günstigen Konditionen das Beschaffungsrisiko abnehmen. Damit das so bleibt wollen die Verarbeiter sogar die Gebote für die Vertragsware der nächsten Saison erhöhen. Zwei bis 2,5 €/dt sind sie bereit, die Vertragspreise dieser Saison aufzustocken. Sie wissen schließlich, dass die Kartoffelproduktion ebenfalls teurer geworden ist. In jedem Fall sollen die Vertragslieferanten besser gestellt werden, als die Bediener des freien Marktes. Das Einkaufverhalten in diesen Tagen bestätigt, dass die Stammlieferanten bevorzugt werden. Man nimmt ihnen nämlich auch die Knollen ab, die über die Vertragsmenge herangewachsen sind. Wer also bei den großen Kartoffelverarbeitern gelistet ist kann sicher sein, dass er kein Absatzrisiko hat.

Ob eine derart strikte Ablehnung der SpotmarktProduzenten sinnvoll ist, sollten sie sich aber noch einmal überlegen. Schließlich werden bestenfalls 80 % Rohstoffeindeckung per Vorvertrag erreicht. Einen Blick hinüber nach Amerika zeigt, dass die Rohstoffproduzenten bei anhaltend wirtschaftlichem Misserfolg schnell die Lust verlieren. Die NAPMN (North Amerikan Potato Marktet News) berichtet, dass die diesjährige Kartoffelernte wegen einer 8 %igen Anbaueinschränkung nur noch 23,2 Mio. Tonnen betragen soll. Es ist die kleinste Ernte seit 1993; und das bei stetig gesteigerter Nachfrage nach Kartoffelprodukten. Bei Erzeugerpreisen von 10 €/dt besteht auch hierzulande die Gefahr, dass noch mehr Kartoffelbauern die Produktion einstellen werden.

Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH

Geschrieben von HANSA Terminhandel am
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