Kartoffeln: Terminkontrakt auf Speisekartoffeln vor dem Aus

Speisekartoffelhändler signalisieren der RMX keinen Absicherungsbedarf

Als die WTB (Warenterminbörse Hannover – heute RMX) 1998 den Handel mit Terminkontrakten begann, waren die Speisekartoffeln neben den Mastschweinen schon dabei. Der Speisekartoffelfuture konnte aber zu keiner Zeit die Erwartungen der Börse erfüllen.

Die Produktentwickler hatten vielmehr von Beginn an viel Aufwand mit den Spezifikationen, da Kartoffeln schwer zu standardisieren sind. Zunächst versuchte man es mit der physischen Erfüllung, vor der die Landwirte meist Respekt hatten. Um nicht liefern zu müssen, handelte man am Ende der Laufzeit die Futures oft zu überhöhten Kursen zurück. Die beabsichtigte Absicherung verkam zur Spekulation. Um den Landwirten und Versandhändlern die Angst vor dem Verkaufen zu nehmen und auch Spekulanten den Zugang zu diesem Instrument attraktiver zu machen, stellte die Börse in 2006 dann auf das so genannte Cash-Settlement (Bar-Ausgleich) um, eine Erfüllung durch Lieferung war also fortan nicht mehr möglich. Aber auch dieser Schritt brachte der Börse nicht den gewünschten Umsatzschub.

Zum einen kamen nicht die erhofften Spekulanten und zum anderen entwickelten die Kassamarkthändler ihre eigenen Handels- und Risikomanagementstrategien, die ein Engagement an der Börse überflüssig machen. Da der Speisekartoffelmarkt in Deutschland größtenteils von einer überschaubaren Anzahl von kapitalkräftigen Unternehmen betrieben wird, die die ständig höheren Ansprüche nach Produkt- und Prozessqualität des LEH erfüllen können, hängt die Marge dieser Häuser nicht derart stark von der Gunst der Lebensmitteleinzelhändler ab, wie in anderen Warengruppen. Alle anderen Händler, die die strengen LEH-Vorgaben nicht erfüllen können, und deshalb auch nicht in diesem exklusiven Club sind, bleiben deshalb nach und nach auf der Strecke.
Nur in den wenigen Jahren mit einem knappen Rohstoffangebot ist ihre Dienstleistung noch gefragt.

Die erstgenannten Speisekartoffelfirmen nutzen ihre komfortable Situation allerdings nicht nur für die eigene Margensicherung, sondern sie unterstützen Landwirte, die beste Qualitäten erzeugen, in dem sie zumindest kostendeckende Preise für die Erzeugnisse zahlen. Das zeigt die seither geänderte Preisrelation zwischen Veredelungsrohstoff zugunsten der Speisekartoffeln. Dies wurde allerdings auch nur möglich, da man die Qualitätsdefinition stets so fasst, dass die Menge überschaubar bleibt. Es gibt also nicht nur unter den Kartoffelleuten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, sondern auch in der Ware, deren Grenzen zwischen gut und böse je nach Marktlage variieren. Eine Festlegung auf einen verbindlichen und dauerhaft gültigen Standard, wie es ein Terminkontrakt benötigt, gibt es bei Speisekartoffeln offensichtlich nicht.

Diese außerordentliche Gemengelage existierte allerdings nicht, oder zumindest noch nicht so ausgeprägt, als der Arbeitskreis Kartoffeln der RMX den Speisekartoffelindex entwickelte. Die ZMP in Bonn erhebt nämlich, nach den Vorgaben dieses Expertengremiums Preise, die von Händlern in drei verschiedenen Regionen Deutschlands genannt werden. Als es die vorher beschriebene Marktaufteilung noch nicht gab, war der Index nämlich noch für alle nachvollziehbar und Händler und Landwirte konnten den Börsenkontrakt zur Risikominimierung nutzen. Heute kommen die Preisnennungen sowohl von Marktbeteiligten die in diesem exklusiven Club sind und auch von denen, die den Spotmarkt bedienen. Zudem verstehen Versender und Empfänger unter Qualität je nach Marktlage immer etwas anderes. Der Index, als ein rechnerisches Mittel, zeigt also weder der einen, noch den anderen Gruppe ihren Marktpreis richtig an. Die Verantwortlichen der RMX haben zwar aufgrund der Spezifikation die Möglichkeit, auf die besonderen Umstände des Marktes zu reagieren, taten dieses aber bei der letzten Fälligkeit im April diesen Jahres nicht, was zu einem Vertrauensverlust führte und seither kaum noch Umsätze beim nächsten Future auf April-09 stattfanden.

Die neuen Verhältnisse im deutschen Speisekartoffelmarkt begrenzen jetzt sowohl die Preisrisiken auf der Erzeugerseite, als auch die Margenrisiken von geschätzten 85 % der deutschen Speisekartoffelhändler. Folgerichtig hat in dieser Woche ein Expertengremium in einer Arbeitskreissitzung bei der ZMP in Bonn der RMX mitgeteilt, dass sie keine Risiken haben, denen sie mittels Terminhandel begegnen könnten. Vorbehaltlich der Zustimmung des Börsenrates werden nun wohl bei den Speisefutures keine weiteren Laufzeiten eingeführt und nur noch die verbleibenden 41 Lots im PJ09 abgewickelt.

Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH

Geschrieben von HANSA Terminhandel am
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