Kartoffeln: Unter-Wasser-Gewicht könnte zum Problem werden
Werden die Bauern früher abtöten?
Durch das trockene und hochsommerliche Wetter der letzten Wochen, haben die meisten Kartoffeln auf den Feldern West- und Mitteleuropas außerordentlich viel Stärke produziert. Was für die Stärkekartoffelerzeuger von Vorteil ist, könnte sich aber für die Produzenten von Veredelungskartoffeln als Nachteil herausstellen. Wenn Bintje und Co. mehr als 470 g Unter-Wasser-Gewicht (UGW) aufbringen, haben die Fabriken das Recht, den Rohstoff zurückzuweisen. Dem Fertigprodukt drohen Qualitätsmängel: Die Pommes werden nach dem Backen zu kross und brechen. Vielfach wurden zuletzt schon 450 g UWG festgestellt. Werden die Bestände nun vorzeitig reifegefördert?
Für die Produzenten von Lagerkartoffeln stellen sich die hohen Temperaturen der letzten Tage als Problematisch heraus. Die Feldbestände kollabieren wenn z.B. am vergangenen Donnerstag 39°C auf den fruchtbaren Lössböden der Soester Börde gemessen werden. Einige Landwirte hoffen aber noch immer darauf, dass Regen für einen weiteren Wachstumsschub sorgt. Das könnte die Massenentwicklung noch ein letztes Mal mobilisieren und das UWG im wahrsten Sinne verwässern und damit wieder in eine Verarbeiterfreundliche Größe bringen.
Hohe Stärkegehalte erfordern vom Landwirt und der eingesetzten Technik ein Höchstmass an Sensibilität im Umgang mit dem Erntegut. Zu niedrige oder auch zu hohe Temperaturen bei der Ernte, klutige oder steinige Böden, ein zu schnell laufendes Siebband, all das erhöht die Beschädigungsgefahr und steigert die Gefahr von Blaufleckigkeit. In den letzten Tagen nahm beispielsweise das Angebot vom reichlich vorhandenen frühen Frittenrohstoff in Belgien ab, weil die Böden durch die anhaltende Trockenheit dermaßen verhärtet waren, dass eine beschädigungsarme Ernte vorübergehend nicht möglich ist.
Die Belgapom bezeichnete am Freitag den Markt als „vast“ (fest), ließ allerdings ihre Notierung unter massivem Protest einiger Marktteilnehmer unverändert auf 3 €/dt stehen. Das entspricht nicht der Marktlage, schimpfen die Kritiker, denn die Landwirte erhalten zumindest im zweithändigen Tagesgeschäft mindestens 50 Cent mehr. Nachdem es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag östlich von Gent bis zu 20 Liter Regen gab, ist zumindest in einigen Regionen die Lieferbereitschaft wieder hergestellt. Andere Gebiete haben dagegen wieder keinen Regen abbekommen. Trotzdem wird wohl auch in den nächsten zwei Wochen das Stimmungstief im prompten Markt noch nicht überwunden sein. Anders am Terminmarkt. Dort stiegen die Kurse auf der April-2010-Fälligkeit innerhalb einer Woche um 17 % an. Am vergangen Freitag endete der Handelstag an der Eurex bei stolzen 11,3 €/dt – immerhin 3,3 € über den mir bekannten besten Forewards für Lieferung April-2010.
Die abschließende Ertragsbildung der spät reifen Feldbestände hängt tatsächlich immer noch von der weiteren Wetterentwicklung ab. Auch wenn viele Stauden nun buchstäblich am Boden liegen, so könnte die im Stängel gespeicherte Energie mit Hilfe von etwas Regen einen weiteren, vielleicht letzten Wachstumsschub geben. Die meisten Fachleute sind sich aber schon darüber einig, dass zumindest der Hektarertrag das sehr gute Vorjahresergebnis zum Teil deutlich unterschreitet. Im belgischen Flandern stellte man in Proberodungen zu Beginn der letzten Woche nach 117 Wachstumstagen durchschnittlich 41 Tonnen/ha fest. Der Zuwachs betrug in zwei Wochen lediglich drei Tonnen/ha, was auf eine sehr frühe Abreife hindeutet. Kämen noch einmal drei Tonnen hinzu, so würde man bestenfalls das langjährige Mittel von 44,2 Tonnen/ha erreichen. Fachleute schätzen den diesjährigen Ertrag 10 % geringer ein, als im Vorjahr. Da die Anbaufläche allerdings um 16,4 % höher ausfällt, dürfte Belgien eine um ca. 500.000 Tonnen höhere Gesamternte von ca. 3,2 Mio. Tonnen ausweisen.
Anders sieht es wohl an der Küste der Niederlande aus. Dort lagen die Proberodungen in der 34. Kalenderwoche mit gut 60 Tonnen/ha genau auf dem sehr hohen Vorjahresniveau. Um auch am Ende das Vorjahresergebnis zu halten, müssten die Bestände in den Poldern noch um acht Tonnen zulegen – angesichts der bereits irreparablen Hitzeschäden ist das kaum vorstellbar. Der Hektarertrag wird vermutlich auch hier 5 bis 10 % unter dem des Vorjahrs liegen und das bei einer nahezu konstanten Anbaufläche. Sollten sich viele Bauern zu einer früheren Reifeförderung entschließen, liegt das Ergebnis wohl unter 7 Mio. Tonnen.
In Deutschland werden überwiegend Kartoffeln der mittleren Reifegruppe eingelagert und diese waren schon vor der letzten trockenen und heißen Wetterfase fertig. Das Gesamtergebnis dürfte sich meiner Meinung nach nur wenig von den 11,3 Mio. Tonnen des Vorjahres unterscheiden.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH