Kartoffeln: Woche endet mit Paukenschlag
Wetterspekulationen für neue Ernte
Die Belgapom Notierung stieg gestern gegenüber der Vorwoche um sage und schreibe sechs Euro/dt an. Scheinbar sind die Vorkäufe der Verarbeiter nun vollends aufgebraucht. Da die freien Mengen auch von ausländischen Käufern umworben werden, entsteht nun ein starker Wettbewerb um die verblieben Mengen. Wegen tiefer Temperaturen und Frost verspätet sich die Ernte der Frühkartoffeln und zugleich wirkt die lang anhaltende Trockenheit negativ auf den Knollenansatz. Es wird also noch einige Wochen dauern, bis wieder eine ausreichende Versorgungslage hergestellt ist.
Erwartet wurde diese Knappheit schon seit langem. Aber niemand konnte wissen, wann sich die Preisspirale zu drehen beginnt. Für die Optimisten ist dies nur der Anfang, denn bis die Höchstkurse vom Jahresanfang erreicht sind, ist noch viel Luft nach oben. Lagerprofis, die bis jetzt ausgehalten haben, sind nicht bange, sich daran zu orientieren. Schließlich haben sie Haltekosten inklusive dem Qualitätsrisiko getragen. Gleichzeitig gibt es aber wieder viele enttäuschte Gesichter. Wer erst vor kurzem seine Vorräte verkauft hat, erzielte bis zu acht Euro/dt weniger als heute.
Die Entwicklung des Belgapom Preises zeigt dies deutlich: In der Vorwoche lag der Preis „nur“ bei 14, gestern waren es 20 €/dt. Der Preis versteht sich für Bintje 35 mm feldsortiert frachtfrei Fabrik. Um eine Vergleichbarkeit zu anderen Notierungen und vor allem dem Eurex-Index herzustellen, addiert die Frankfurter Börse zu dem belgischen und übrigens auch zu dem französischen Preis in dieser Saison jeweils 1,1 €/dt hinzu. Wenn am kommenden Dienstag die Erzeugernotierung von Fiwap/PCA die gleiche Entwicklung nimmt, könnte der belgische Anteil für die Berechnung des nächsten Index bei annähernd 23 €/dt liegen.
Der französische Index-Bestandteil für die nächste Woche steht bereits fest. Auch hier stieg der Kurs mit einem Plus von 3,5 €/dt sehr deutlich an. Solche drastischen Kassapreisbewegungen sind sehr selten und signalisieren einen Umbruch in der Marktlage. Man kann jetzt bereits von einem Wechsel vom Käufer- zu einem Verkäufermarkt sprechen.
Für die Halter der verbliebenen Börsenpositionen der Juni-11-Laufzeit wird es kurz vor Ende der Laufzeit noch einmal extrem spannend. Mit der Hausse am Kassamarkt eilte der Börsenkurs noch weiter vor als bereits in den Vortagen. Die Basis zum Juni-Future lag gestern zum Handelsschluss auf stolze 5,1 €/dt. Würde der Index soviel ansteigen, wie die durchschnittliche Kassapreissteigerung, dann hat die Börse immer noch eine Voreilung von 50 Cent.
Ob die deutschen und die holländischen Kassapreise eine derartige Hausse mitmachen können, ist nicht sicher. Schließlich lagen diese beiden Ländernotierungen ohnehin schon deutlich höher. Allerdings konzentriert sich die internationale Nachfrage gerade in den zurückliegenden Monaten auf Holland. Nimmt man alleine den Export im April, so wurden in diesem Monat 100.000 Tonnen mehr Konsumkartoffeln ins Ausland geschickt, als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Die Steigerungsraten im Russlandgeschäft waren gigantisch: Im Jahresvergleich steigerten sich die Lieferungen um mehr als 500 % (255.000 Tonnen in 2011 gegenüber 40.000 Tonnen in 2010).
Aber auch die Verarbeiter steigerten ihre Produktion erheblich. Mit 3,445 Mio. Tonnen bleiben die Niederlande an der Spitze der bedeutendsten Kartoffelverarbeiter Europas. Das sind noch einmal knapp 100.000 Tonnenmehr als im Vorjahr.
Wagt man eine Prognose für die nächste Saison, so befinden wir uns bereits wieder in einem Wettermarkt. Die vorherrschende Hausse lässt die Herzen der Optimisten höher schlagen und die Spekulanten an der Börse kaufen Futures. Der April-12-Terminkontrakt erreichte gestern mit 18 €/dt seinen vorläufigen Höchststand. Hier ist die Erwartung, dass der Konsum von Kartoffelprodukten anhält, dass es weiterhin zu trocken bleibt und dass die Anbaufläche insgesamt schrumpft.
Selbst in Belgien, wo es jahrelang eine stetige Flächenausweitung gegeben hatte, soll es noch AMI-Recherchen um einige Prozentpunkte zurückgehen. Man benötigt also eine gut durchschnittliche Ernte, die unter den trockenen Bedingungen in Europa kaum zu erwarten ist. Das wird definitiv die Frühkartoffeln betreffen. Bei den später reifenden Sorten ist noch gar nichts klar. Insofern können Landwirte, die diese weit über den Produktionskosten liegenden Kurse gegen einen Preisverfall sichern wollen, die Gunst der Stunde nutzen. Der nächste Gewitterschauer könnte das fragile Kartenhaus bereits wieder zum Einsturz bringen.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH