Kartoffeln: Züchter und Saatgutvermehrer in schwieriger Lage
Hoffen auf anhaltenden Erfolg der Verarbeiter
Die gerade anlaufende Vermarktungssaison stellt die Kartoffelzüchter und Saatgutvermehrer vor schwer lösbare Aufgaben. Wenn die Konsumkartoffelpreise die Produktionskosten nicht decken, sinkt die Bereitschaft der Landwirte, weiterhin Kartoffeln anzubauen. Das verfügbare Angebot von Saatkartoffeln wird aber wegen zu vieler Übergrößen und hoher Aberkennungsquoten kleiner ausfallen. Außerdem gelten die höheren Produktionskosten auch für die Vermehrerbetriebe und Züchter. Die Saatkartoffeln müssten also eigentlich teurer werden. Die Züchter stehen nun vor der schwierigen Frage, welche Preise von den Kunden akzeptiert werden.
Daraus wird deutlich, dass sinkende Erlöse die gesamte Kartoffelbranche treffen. Dennoch: Welche Preise wir für unsere Kartoffeln erzielen, hängt vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ab. Zumindest für die kommenden Wochen steht fest, dass die Erlöse die Produktionskosten nicht decken werden. Wenn die Belgapom am gestrigen Freitag den Bintje-Preis frachtfrei Fabrik auf 8,5 €/dt festsetzt, bleiben dem Landwirt bestenfalls 7 €/dt. Viel mehr erzielen die Bauern in weiten Teilen Deutschlands auch nicht, auch wenn immer noch Speisekartoffeln in der niedersächsischen Heideregion mit 12 €/dt bepreist werden. Übergrößen, die meist mehr als ein Drittel ausmachen, kosten aber deutlich weniger und wenn man die Sortier- bzw. Umschlagkosten berücksichtigt, liegen die Erlöse für die Rohware deutlich unter 10 €/dt.
Bei Produktionskosten (ohne Lagerhaltung) von 4.000 bis 4.500 €/ha muss man bei einem Durchschnittspreis aller Fraktionen und Qualitäten von 10 €/dt schon 400 dt verkaufen. Das gelingt noch nicht einmal immer den Profis. Sobald irgendwelche Mängel auftreten oder zu viele Übergrößen enthalten sind, geht die Rechnung schon nicht mehr auf. Trotzdem ist davon auszugehen, dass in den nächsten Wochen, so lange die Ernte anhält, der Preis für alle Verwertungsrichtungen (außer Saat- und Biokartoffeln) einstellig wird.
Aus der Erfassungsstufe ist nun wieder zu hören, dass die Lagerhalter endlich besser gestellt werden sollen. Lageraufschläge von mindestens 4 €/dt müssen erzielt werden, so die Forderung. Im Winter müssten also 14 €/dt bezahlt werden, wenn die Speisekartoffelpreise nun bald auf 10 €/dt fallen. Je tiefer der Preis nun fällt, umso einfacher ist später das Versprechen einzulösen, die nötigen Lageraufschläge zu zahlen.
In dieser Saison ist gerade der Absatz von Übergrößen problematisch. Bei Proberodungen auf Konsumkartoffelflächen in Holland wurden bis zu 80 % 50 mm+ Knollen festgestellt. Auch die Saatkartoffeln konnten aufgrund meist zu niedriger Stärkegehalte erst sehr spät abgetötet werden; sie weisen ebenfalls zu viele dicke Knollen auf, was die Saatausbeute spürbar mindert. Auch die Einkäufer der Packstationen sind mit dem großen Angebot dicker Knollen überfordert. In die Tüten sollen nur 40/65er Kaliber. Die Übergrößen müssen dann zeitnah vermarktet werden, damit es in den Anlagen keinen Stau gibt; oder sie werden dem Landwirt wieder zurückgegeben.
Man hofft insbesondere wieder auf den Absatz ins benachbarte Ausland, wo in den letzten Jahren große Absatzerfolge erzielt wurden. Dort werden dicke Knollen sogar bevorzugt. Möglicherweise können Polen für den Osten Niedersachsens und Ungarn für Bayern die Absatzgebiete der Überschüsse werden. Ob Holland aber wieder die Rekordmenge des Vorjahres von 750.000 Tonnen aus Deutschland übernimmt, scheint angesichts der dortigen guten Versorgungslage fraglich. Unsere Exporte sind aus heutiger Sicht allerdings nicht kostendeckend, weil sie meist mit sehr hohen Frachtkosten belastet sind.
Wenn allerdings die Kartoffelverarbeiter ihre Erfolge der letzten Jahre fortsetzen können, wird im Laufe des Winters noch ein großer Zukaufbedarf die große Ernte aufzehren. Die Holländischen Verarbeiter hatten im 12-Monats-Zeitraum August 07 bis Juli 08 immerhin 3,369 Mio. Tonnen Rohstoff eingesetzt, ein Plus von immerhin 9 % gegenüber dem Vorjahr. Die Fabriken liefen nahezu ununterbrochen auf Volllast. Eine weitere Steigerung von nur 5 % in diesem Jahr würde die Angebotssituation wieder mit der Nachfrage ins Lot bringen und die berechtigten Forderungen der Kartoffelerzeuger nach Lageraufschlägen wären kein Problem mehr.
Dann könnten auch die Züchter wieder Saatkartoffeln verkaufen. Einstweilen werden aber die Bauern ihre Knollen einlagern und darauf hoffen müssen, dass sich die Nachfrage belebt.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH