Kartoffeln:Experten überzeugt: Erntemenge bleibt unterdurchschnittlich
In Belgien fehlen Übergrößen - Weigerungen schmälern Nettomenge
Aufgrund der außerordentlich lang anhaltenden Trockenheit in Europas maßgeblichen Kartoffelanbauregionen „rudern“ die Experten mit ihren Ernteprognosen immer weiter zurück. Zu Beginn der Haupternte zeigen sich bei spät reifenden Sorten nur unterdurchschnittliche Erträge. Die Ergebnisse von neuen Proberodungen werden kaum noch beachtet, da sie keine neuen Erkenntnisse liefern, denn das Wachstum ist definitiv vorbei – 2 bis 3 Wochen früher als im Vorjahr.
Die besten Erträge brachten bekanntlich die Sorten der frühen Reifegruppen. Die Trockenheit konnte auch den Anschlusssorten nichts mehr anhaben und so bringt der eine oder andere Kartoffelbauer eine Ernte ins Lager, die sogar die Rekorderträge des Vorjahres überschreitet. Völlig anders stellt sich die Lage bei den späten Sorten dar; insbesondere wenn sie auf Sandböden gestanden haben. Je weiter wir im europäischen Kartoffelgürtel nach Westen blicken, desto trockener sind die Böden. Besonders arg sind die Belgier betroffen, wo gleichzeitig auch die größten Frittenfabriken stehen. Die dort immer noch dominierende Sorte Bintje verfehlt nicht nur die Vorjahreserträge um bis zu 20 %, sondern es fehlt auch an Übergrößen.
Dieser Umstand dürfte in den folgenden Monaten den Wettbewerb unter den Frittenproduzenten maßgeblich beeinflussen. Es herrscht nämlich in Europa ein extrem harter Wettbewerb um Marktanteile beim Absatz von Kartoffelprodukten. Auf diesem Feld hatte Belgien sich in den letzten Jahren sehr gut geschlagen, wie die jüngsten Veröffentlichungen zeigen. Der Rohstoffeinsatz von den 19 größten belgischen Fabriken übersteigt im Wirtschaftsjahr 2008/09 die 3 Mio.-Tonnen Grenze. Damit ist das flächenmäßig kleine Belgien in Kartoffeln genauso groß, wie die Niederlande oder Deutschland. Die Bauern wollten in diesem Jahr an der Erfolgsgeschichte teilhaben und haben mit einer Flächenausweitung von mehr als 16 % geantwortet. Da der stark wasserhaltige Rohstoff nur bedingt transportwürdig ist, ist die Erzeugung vor Ort für die Verarbeiter ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wenn nun die Ernte trotz Flächenplus nicht größer wird, als im Vorjahr, müssen sie ihren Rohstoff wieder von weit herankarren – oder mühsam erworbene Marktanteile wieder abgeben.
Bereits jetzt profitieren deutsche und holländische Rohstoffanbieter davon, denn nicht nur die Rodebehinderungen auf den schweren Böden zwingen die Fabriken dazu, mit höheren Geboten von bis zu 8,5 €/dt, den Bezugsradius um ihre Standorte auszuweiten. Falls man bei der Trockenheit überhaupt roden kann, kommen zurzeit Sandböden oder Flächen, die man vor der Ernte beregnen kann, zum Zuge. Wegen der hohen Unter-Wasser-Gewichte und der aus dem Lot geratenem Wasserhaushalt der Knollen drohen massive Qualitätsverluste. Wer in diesen Tagen Pommesrohstoff liefern muss, läuft Gefahr, dass die Annahme wegen dieser Mängel geweigert wird. Wenn dann noch 2 – 3 €/dt Frachtkosten darauf lasten, werden die LKW in die benachbarten Flocken- bzw. Granulatfabriken umdisponiert. Das ist aktuelles Alltagsgeschehen und dezimiert die verfügbare Menge bereits jetzt und möglicherweise auch noch in den folgenden Monaten.
Damit dieses Thema nicht in der ganzen Vermarktungszeit 2009/10 zu einem Dauerbrenner wird, werden den Landwirten in allen Teilen der Republik Schulungen zur Qualitätssicherung angeboten. Die REKA Rheinland ist sich sicher, dass „gute Ware später außerordentliche Markt- und Kurschancen hat“. Die Probleme mit den hohen Trockensubstanzen werden uns aber auch erhalten bleiben, wenn jetzt Regen fallen würde. Er würde bestenfalls dafür sorgen, dass das Erntegut vom feuchten Sand vor den Schlägen der Siebketten geschützt wird. Die Stärkegehalte bleiben aber zu hoch, denn das Wachstum ist bereits vorbei. Aber Regen ist noch nicht Sicht und so steigt die Spannung noch weiter. Die Erfahrung zeigt aber leider auch, dass sich nicht alle Bauern an die gut gemeinten Empfehlungen halten und deshalb muss wohl davon ausgegangen werden, dass sich die Prüfer die Kartoffeln bei der Warenannahme in den nächsten Monaten genau anschauen werden. Sollte es dann auch weiterhin so viele Retouren geben, wie derzeit, wird ein Einfluss auf die Preise nicht mehr ausgeschlossen.
Die Eurex-Notierungen für Veredelungskartoffeln auf Liefertermin April 2010 halten sich deshalb oberhalb der 12 € - Marke. Die Verunsicherung ist sowohl bei den Käufern, wegen knapper Verfügbarkeit, als auch bei den Landwirten, wegen der Qualitätsproblematik spürbar. Man steht der außerordentlichen Situation recht hilflos gegenüber.
Joachim Tietjen
HANSA Terminhandel GmbH