peterg
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Anmerkung zum Scheitern der DOHA-Verhandlungen

Wieder einmal konnte sich die OPEC am letzten Wochenende in Doha nicht auf eine Ölförderbeschränkung einigen. Ehrlich gesagt, das wunderte mich überhaupt nicht. Ende März Anfang April war ich beruflich wieder einmal zwei Wochen in Kuwait und dann Dubai unterwegs. Ich wollte mal einige Eindrücke dazu schildern, dann wird vielleicht Manches verständlicher:

Zu Kuwait: Die ölreichen Golfstaaten, zu denen auch Kuwait gehört sind mehr oder minder nach wie vor Rentnerstaaten. D. h. der wesentliche durch das Öl erworbene Wohlstand wird an die Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad weitergereicht. Dies führt natürlich zu mehreren Problemen: Die öffentlichen Betriebe und Verwaltungen sind mit Abstand die größten und bevorzugten Arbeitgeber. Bevorzugt, deshalb, weil Löhne, Urlaub, Arbeitsbedingungen besser sind als in der freien Wirtschaft. Ich las heute z. B. dass 58% der arbeitslosen Kuwaitis nicht bereit sind im privaten Sektor eine Anstellung anzunehmen. (Die Arbeitslosenquote der einheimischen Kuwaitis lag 2015 bei 4,7%.) Das muss man sich leisten können! Natürlich gibt es für Einheimische auch großzügige allgemeine Unterstützungen, unabhängig von deren Arbeitsleistung, sondern eher abhängig von sozialer Stellung, tribaler Zugehörigkeit und Beziehungen. Das können zinslose Darlehen sein, welche bei Festtagen oder Amtswechsel auch gerne mal erlassen werden. Oder Grund und Boden (oft als eine Art Erbpacht) kostenlos zur Verfügung gestellt. Ein anderes Problem ist, dass natürlich hier klare Abgrenzungen der Begünstigten erfolgen müssen. Während etwa die gebürtigen Kuwaitis (wobei es, wie erwähnt hier wieder Unterschiede gibt) alle Begünstigungen dieses Rentierstaates erhalten (finanziell, Altersabsicherung, kostenlose medizinische Versorgung, etc.) wird diese anderen Bevölkerungsschichten vorenthalten. Ich meine damit nicht die Heere der rechtlosen oft südostasiatischen Expatriates sondern Einheimische. Z. B. irgendwann im letzten Jahrhundert aus den nördlich angrenzenden irakischen Ebenen eingewanderte Beduinen (Bedouns). Diese soziale Ungerechtigkeit stellt einen aktuellen, nicht zu unterschätzenden Konfliktpunkt in Kuwait dar.

Nun hat der Ölpreisverfall alle Golfstaaten in eine Bredouille gebracht, da ja die Einnahmen aus der Erdölförderung fest für die Alimentierung, böse Zungen könnten sagen, Ruhigstellung der eigenen Bevölkerung eingeplant war. Eine Ausnahme ist vielleicht Bahrain, das zwar kaum noch Öl fördert aber natürlich enge Abhängigkeiten von Saudiarabien hat. Als die Einnahmen aus der Ölförderung spärlicher flossen, reagierten die Golfstaaten trotz teilweise deutlicher Unterschiede relativ ähnlich. Steuern wie z. B. Mehrwertsteuer (VAT) aber auch z. B. Benzinpreiserhöhungen (alles in staatlischer Hand) sind geplant bzw. werden umgesetzt. Bei einem Benzinpreis von je nach Sorte ca. 20 Cent würde man denken, kein Problem. Andererseits darf die eigene Bevölkerung nicht Nachteile erfahren, deshalb sollen, wie ich gehört habe, Einheimische in Kuwait Benzinsubventionen bekommen. Das ist soweit ich weiß gegenwärtig noch nicht ganz entschieden, aber es kommt uns Deutschen doch irgendwie bekannt vor (siehe Mautpläne). Kuwait ist anders als Dubai. Die Infrastruktur ist wesentlich schlechter. Tourismus praktisch nicht vorhanden. Ausländische Firmen doch wesentlich weniger präsent als in Dubai. Alles hängt am Öl. Ein Streik, wie gegenwärtig, jener der kuwaitischen Ölarbeiter, die kuwaitischen Ölarbeiter sollten Lohneinbußen erfahren, führt bei längerer Dauer zu ernsten volkswirtschaftlichen und innenpolitischen Problemen. Streikende Expatriates würde es nicht bzw. nicht lange geben, da diese sehr schnell des Landes verwiesen werden. Übrigens, der durchschnittliche Monatslohn eines Expatriates der in Kuwait im privaten Sektor arbeitet liegt bei 251 Dinar (=ca. 735 Euro) (Quelle). Ähnliche Entwicklungen hinsichtlich Kostensenkungen findet man, wie ich erfuhr, auch in anderen Berufssektoren. Zusammengefasst hört man, dass das Leben in Kuwait im Augenblick geprägt ist von Unsicherheit, und Teuerungen (Mieten und Lebenshaltung). Jemand der lange Jahre in Kuwait gearbeitet hat erzählte mir z. B., dass er jetzt wieder in sein Heimatland zurückkehrt, da die Lebenshaltungskosten mittlerweile so hoch sind, dass er ein Darlehen aufnehmen musste. So war das nicht geplant, er kam ja nach Kuwait um dort Geld zu verdienen. Nun, solche Bedingungen begünstigen dann natürlich auch pseudoreligiös motivierte Konflikte, man denke etwa an den großen Terroranschlag in einer schiitischen Moschee in Kuwait vor einigen Monaten.

Dubai ist in einer gewissen Weise anders, westlicher, volkswirtschaftlich reifer wenn man so will. Dort hat man seit längerer Zeit und mit mehr finanziellen Mitteln konsequenter versucht eine Art Infrastruktur aufzubauen. Natürlich gab es auch dort Mätzchen wie Seilbahnen über die Stadt aber heute eben mittlerweile auch eine Metro. Auch innenpolitische bzw. religiöse Konflikte mit Bevölkerungsteilen wie in Kuwait, Saudi Arabien oder Bahrain sind mir aus Dubai nicht bekannt. Aber natürlich ist Dubai keine Demokratie. Unterstützungen und Privilegien werden auch hier nach ähnlichen Kriterien wie in Kuwait verteilt. Sicher versucht man in Dubai zwangsläufig rascher als in Kuwait oder anderen Golfstaaten sich auf die Zeit nach dem Öl einzustellen. Ähnliche Reaktionen auf den Ölpreisverfall gibt es auch in Dubai. Ich habe den ganz subjektiven Eindruck, dass dieser in Dubai aber besser abgefedert werden konnte als in Kuwait.

Aber man man befindet sich in Arabien! Man konkurriert natürlich untereinander, manchmal auf naive Art und Weise. Nicht nur um das schnellste Kamel, die Expo, das höchste Gebäude, die größte Shopping-Mall oder die beste Fluggesellschaft sondern auch um die Öleinnahmen. Schlicht weil man sie benötigt um den Status quo zu erhalten bzw. auszubauen. Wenn einer hier ausschert, auch wenn es der nicht-arabische, böse Feind im Norden ist, so stellt das natürlich die ideale Begründung dar, dass man seine eigene Ölförderung auch nicht einschränkt. Deshalb hätte es mich sehr gewundert, wenn man sich auf klare und nennenswerte Beschränkungen der Ölfördermenge letztes Wochenende hätte einigen können.

PS. Nach wie vor in meinen Augen eine der treffendsten, literarischen Beschreibungen von arabischem Wesen und Mentalität findet man in "Die sieben Säulen der Weisheit" von T.E.Lawrence. Vielleicht hat der Eine oder Andere mal den Film gesehen.

Geschrieben von peterg am
scorpion260
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Danke fuer Deinen Beitrag. Sollte entsprechend mit Kommentaren gewuerdigt werden. Ich fange mal damit an.

Die arabische Denkweise habe ich bisher auch nicht verstanden.
Mittelalterlich in sozialer und gesellschaftlicher Sicht (in den Staaten abseits des Golfs auch in infrastruktureller und architektonischer Sicht). Ich denke, hier wird unbewusst eine Art Kastendenken praktiziert. Ganz oben stehen Wenige, die die meisten Einnahmen fuer sich beanspruchen. Dann kommt das Mittelfeld, Menschen, die ein normales Leben fuehren koennen. Unten steht die schiere Masse der aermlichen Einwohner, bessere Tageloehner, die sich mit kleinen Jobs, Trinkgeld der Touristen und teilweise ihrer recht stark ausgepraegten Religion ueber Wasser halten. Dem Heer der asiatischen Wanderarbeiter geht es nicht anders. Die sind wahrscheinlich nur in der arabischen Golfregion, weil es ihnen in ihren Heimatstaaten noch schlechter gehen wuerde. Viele leben zu groesseren Teilen von der ausgepraegten Trinkgeldmentalitaet, die mit zunehmender Entfernung zum Golf immer staerker wird. Erdoelfoerderung und Tourismus sind die beiden nennenswerten Hauptbranchen. Aktuell gehen beide in die Knie. Das ist in diesen Staaten deutlich zu spueren, wenn man sich dort aufhaelt. Dass dies natuerlich strukturelle Veraenderungen mit sich bringt, ist nur logisch.Man versucht nun, in beiden Branchenzweigen durch Preissenkungen die Auslastung, und Foerdermenge hochzuhalten. Das verbrennt natuerlich pure Marge. Ich denke, dabei geht es primaer um das Ziel, einfach mehr Einnahmen zu generieren, um liquide zu bleiben, egal, ob mit Gewinn oder Verlust. Ein Spiel auf Zeit in meinen Augen. Ob es gelingt, bis sich die Preise wieder erholen?! Ich denke, der gesamte arabische Raum steht im Umbruch, nicht nur wirtschaftlich. Was mir erst kuerzlich aufgefallen ist uebrigens, die unterschiedliche Herkunft der Touristen. Rechts des Roten Meeres sind es hauptsaechlich Europaer, Amerikaner und Asiaten, links davon vor allem Russen (derzeit jedoch aufgrund des russ. Embargos vor allem Touristen aus Laendern der ehem. UDSSR). Leider nur eine kurze Antwort auf Deinen dezidierten Erfahrungsbericht, aber ich tippe ja auch auf meinem Smartphone gelangweilt in einer Jugendweihefeier sitzend. So vergeht wenigstens die Zeit;-).

scorpion260
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