Handelsalgorithmen vs. Handelssysteme
Hallo,
wer sich in letzter Zeit mit Artikeln aus der Finanzbranche beschäftigt (Traders Monthly, Bloomberg, Reuters, Traders, Futures Mag etc.) hat wahrscheinlich festgestellt, dass sich der Begriff der "Trading Algorithms" immer stärker verbreitet.
Meine Frage nun: Ist dieser Begriff nur ein neues Modewort für die guten alten Handelssysteme oder muss man sich darunter etwas "anderes" vorstellen?
Beschäftigt sich überhaupt jemand mit diesen Algorithmen? Welche Inputs werden in diesen Modellen verarbeitet?
Gruss Sebastian
Der Begriff wird verschieden verwendet. Oft mit der gleichen Bedeutung wie HS aber öfter noch um Handelsprogramme die grosse Orders abarbeiten sollen zu beschreiben. Hintergrund ist hier dass grosse Orders oft über Stunden, Tage oder Wochen abgearbeitet werden müssen um den sogenannten Marketimpact gering zu halten. Früher wurde das von Menschen manuell gemacht . Mittlerweile haben alle grossen Banken Programme die grosse Orders abarbeiten.
Ein Beispiel für einen Broker mit Vorreiterrolle im ALgotrading:
http://www.itg.com/offerings/itg_algorithms.php
@ autokor [#2]
Danke für Deine Antwort. Ich habe mir jetzt mal folgendes Buch bestellt um mehr über Algos zu erfahren:
http://tinyurl.com/3ahpx6
Weißt Du oder sonst jemand was in den komplexen Algo-Handelssystemen enthalten ist? Sind die in die Richtung ökonmetrischer Makromodelle aufgebaut?
Gruss Sebastian
@ Sebastian [#1]
wie @autokor[#2] schon schrieb, gehen die "Trading Algorithms" wieder mehr in Richtung pure Order-/Signallogik.
Man entfernt sich quasi vom übergeordneten Handelssystem(welches ja auch Risk-&Moneymanagement beinhaltet) und fasst so die Ordererzeugung&-ausfühung zusammen.
Rein praktisch macht dies durchaus Sinn, denn jede Bank oder Fond hat übergeordnet ein eigenes Risk-&Moneymanagement. Trotzdem sind alle auf der Suche nach guten Diversifizierungsmöglichkeiten.
Handelsansätze müssen also so integriert werden, dass einerseits in bestehenden fixen Grenzen des Risk-&Moneymangements weitergearbeitet wird, andererseits aber durchaus flexibel verschiedene neue Tradingkonzepte umgesetzt werden.
@ Sebastian [#3]
ohne direkten Bezug auf dein da genanntes Buch:
B&S haben für Optionen seinerzeit "public" das letzte "echte" Grundlagenmodell veröffentlicht...
Auch aktuell wird sehr viel "Manpower" und auch Rechenleistung in weitere makroökonomische und globale Hintergrundforschung gesteckt. Wenn aber derzeit etwas angewandt wird, dann sind es wohl aktuell mehr spezielle Analysen von einzelnen Korrelationen und möglichen temporären Ineffizienzen.
@ Sebastian [#3]
Erst mal Danke für den Buchtip.
Das Buch geht ja über Stat Arb. Also weniger um Handelsalgos im klassischen Sinn.
Der normale Handelsalgo arbeitet zum Beispiel eine Order mit der Benchmark VWAP oder dem Preis bei Handelsauftrag oder dem Preis bei Handelsauftrag relativ zur Börsenentwicklung ab. Die Algos sind verschieden aufgebaut und versuchen immer eine Balance zu halten zwischen defensivem Vorgehen um den Impact zu reduzieren und offensivem um die benötigte Zeitspanne für die Order niedrig zu halten. Diese Algos werden hauptsächlich von der "Buy Side" genutzt. Prinzipiell jedoch immer seltsam da der Fonds der ja eigentlich Risikoprämien einsammeln soll bereit ist Risikoprämien zu bezahlen um seine Order durchzubekommen. Und 0.3 bis 0.7 % Impactkosten sind keine Seltenheit. Sofern eine Position also einmal gedreht wird kann es durchaus sein dass sie 1.4 % positiven relativen Performancebeitrag liefern muss um ins Plus zu kommen. Es lässt sich leicht an den 5 Finger abzählen dass dies schwer möglich ist und normale Fonds deshalb meist ihre Benchmark underperformen. Ähnlich wie Privattrader meist aufgrund der Kosten (Slippage + explizite Kosten) ihr Geld verlieren.
Zur Stat. Arb. ( keine Handelsalgos)
Das einfachste und immer wieder gern beschriebene Modell ist ein korrelierendes Pärchen deren relative Performance zum Beispiel mit Bollinger Bändern nach Auswüchsen abgeklopft wird und dann dagegen spekuliert wird. Die relative Performance gerne auch betagewichtet. Allerdings ist das so gängig dass es seit 3 , 4 Jahren nicht mehr funktioniert.
Grüsse
@ Sebastian [#1]
Zwei Links zum Algorithmic Trading:
"10 Algorithmic Trading Techniken"
http://www.progress.com/progress/apama/docs/articles/top10_apama_stp_0406.pdf
http://www.it-analysis.com/business/content.php?cid=8236
Grundsätzlich kann man sicherlich auch die Regeln von Handelssystemen als Algorithmen bezeichnen, da es sich ebenfalls um stringent, regelbasiertes Trading handelt.
MfG
@ autokor [#5]
Danke für Deine Ausführungen. Ist es eigentlich möglich die Algos im Markt/Orderbuch zu erkennen und zu nutzen. Oder stelle ich mir das zu einfach vor? Denn wenn man einmal geknackt hat wie ein Algo handelt, dann könnte man sich ja einfach bei den nächsten Malen vor die Orders stellen.
@ kanada [#6]
Danke für Deine Links.
Gruss Sebastian
Sehr interessantes Thema.
Ich bin zu dem Algo Thema auch über ein Interview aus Traders ( March 2007 ) gekommen in dem der Autor von Long/Short Market Dynamics interviewt wurde.
Er sagt dass mittlerweile über 50% des Volumens von Algos kommen.
"So, algorithmic trading is a development that’s been coming into the markets over the last three to five years to assist the large institutions with such trades – again, its progress has been remarkable. There are again estimates that the number of trades each day that are algorithmic in nature is in the majority – it’s more than 50%."
http://www.tradewithform.com/ScreenShots3/Interview.html
Hat jemand nähere Infos zur der Meinung oder liegt es eben gerade in der Natur der Algos dass sie nicht "entdeckt" werden sollen weil sonst, genau wie Sebastian gesagt hat, man sich "einfach", mit russischen Informatikern bewaffnet ;-) "vor" die Algos setzen kann
Die Algos und noch mehr manuell gehandelte grosse "Buy Side" Orders sind ausnutzbar da es nur ein Ziel gibt . Die Order auf Gedeih und Verderb durchzubringen. Koste es was es wolle.... .
Diese Ineffizienzen sind nutzbar aber "einfach" kann man das nicht nennen. Die Horden russischer Informatiker bevölkern ja etliche Stat Arb Fonds. Ich denke wenn man die AUsführungen Time Trades und seine Anspielungen auf automatisiertes " Tape Reading" liest bekommt man ein Gefühl dafür wie man so etwas aufspürt.
Grüsse
Irgendwo hab' ich mal gelesen:
"Algorithmen sind systematische Verfahren, die in komplexen System in einer bestimmten Zahl von Schritten zu Problemlösungen führen. Die kybernetisch-algorithmische Revolution basiert auf der ungeheuren Beschleunigung solcher Operationen durch die digitale Computertechnik."
Ich setze dagegen: Computer können nicht zaubern - ausgenommen vielleicht auf recht kurze Zeit und/oder mit ungeheurem (Zeit/Geld)-Aufwand.
Algorithmen sind Fließbänder im Kopf und der PC ist der das den Teddybär ersetzende Übergangsobjekt (Ersatzobjekt?). - Bei jeder seiner Operationen greift der Computer auf einen Speicher zurück, in dem Daten und Algorithmen vorgehalten werden, die jeden Rechenschritt des Computers so verändern, dass der Computer nicht mehr vollständig von seinem menschlichen Benutzer kontrolliert werden kann.
Bei manchen klappts - bei machen nicht! Aber warum's klappt und warum nicht - das bleibt leider allzuoft eine allzuoffene Frage.
In the end, a system is anything but an algorithm of practice – it is the practice itself. A system is not a mechanical device that controls everything ...
@ autokor [#9]
da es nur ein Ziel gibt. Die Order auf Gedeih und Verderb durchzubringen.
Ich dachte, es ist genau umgekehrt: Die Order soll möglichst ohne Beeinflussung des Marktes durchgebracht werden. Wofür sonst bräuchte man Algorithmen?
... oder vielleicht habe ich die Floskel "auf Gedeih und Verderb" auch mißverstanden.
Jedenfalls, wenn sich verschiedene Algos verschiedener Fonds im Computerhandel treffen, müßten die sich eigentlich gegenseitig das Leben schwer machen. Ähnlich, als wenn man zwei Schachcomputer gegeneinander spielen läßt: Da kommt etliche Stunden hinweg auch erst mal kein vernünftiges Spiel zustande.
Möglicherweise ist das die Hauptschwierigkeit bei der Entwicklung der Algorithmen, und gleichzeitig ein Ansatzpunkt, um ihrem Spiel auf die Schliche zu kommen.
@ Livetour [#11]
Das Ziel ist den zwangsläufigen Impact möglichst niedrig zu halten .
Es ist wohl ähnlich wie der Veruch ein bestimmtes Gebrauchtauto zu kaufen egal zu welchem Preis. Man kann zwar versuchen allerlei Tricks anzuwenden um den Preis nicht hochzutreiben aber tendenziell wird dies allein durch den unbedingten Kaufwunsch geschehen.
Grüsse
@ autokor [#9]
:) einfach ist relativ...
Die stat.Arb. ist eine spezielle Spielart von komplexen AlgoTrading. Ob hier tatsächlich viele russische Spezialisten arbeiten, das entzieht sich meiner Kenntnis. Ist nicht meine Spielwiese.
Andere Sachen basieren z.B. dann mehr auf Formen der Orderbuchanalyse und des Zeitverhaltens. "Flipper" ist so eine Spieler verschiedener eigener Modelle. Auch hier ist ein gewisser Einfluss von teils auch südosteuropäischen Spezialisten bekannt.
Die Sache mit dem Erkennen von aktiven Systemen anhand der "Spuren" im Livehandel ist schon eine Herausforderung für alle, bei ihrem eigenen schnellen Intradayhandel nicht "ausgespielt" werden wollen. Der einzige Nutzen den man meist real hat, ist noch rechtzeitig aus dem Markt zu gehen, bzw. erst nach vollendeten Tatsachen einzusteigen und die Korrektur mit zu traden.
Es gibt nur ganz wenig Leute/Software, welche "sicher" mehrere (bestehende) Systeme von Marktteilnehmern im Orderbuch oder den T&S (ev. nur nachträglich) erkennen und zuordnen können. Leider ist man hier sehr innovativ und "updatefreudig".
@ Sebastian [#7] "früher" war es einfach:
- ein bekannter deutscher Onlinebroker stellte Kurse auf den DAX, welche 5sec (meist 7sec, INET war noch "langsam":) gültig waren
- wer den FDAX der EUREX "live" hatte, konnte 3..4sec warten ob der Kurs gegen den Broker ging, wenn ja, dann wurde der gebotene Kurs gehandelt und eine eigene Sicherungsposition im FDAX aufgebaut
- beim deutschen Onlinebroker wurde sofort wieder ein zunächst "aktueller" Kurs angefragt und die Position schnellstmöglich glattgestellt. Wenn OK, dann auch FDAX "flat"
- wenn alles normal lief, hatte man die (3..4) Punkte aus der "Eröffnungszeitdifferenz"-(1..2)Punkte FDAX (Bid/ASK-Spread+"ZeitSlippage" beim Schließen) noch 1..2 Punkte übrig. Nach Abzug der Kosten also 1Pkt "sicheren" Ertrag pro Trade
- wenn der Onlinebroker "ausversehen" plötzlich ein technisches Problem hatte, konnte nix passieren, da man ja im FDAX eine gleichwertige Gegenposition hielt.
=> der Gewinn kam also aus der "abgewarteten" Kursbewegung innerhalb der Garantiezeit beim Einstieg
Leider wurde das auch public und dann dauerte es nicht mehr lange, und die Logik der Kursstellung beim Broker kalkulierte das ein... Heute wird teilweise immernoch ein Kurs von manchen Brokern für eine bestimmte Zeit garantiert, nur ist der so, das der Kunde bestenfalls zu NULL ordert, der Broker aber meist noch am asymetrischen Spread zum Future verdient.
Was will uns die Geschichte sagen? Es gab und gibt Leute die etwas "besonderes" gefunden haben und dies zu Ihrem Vorteil ausnutzen. Dies geschieht wenn es sich denn lohnt garantiert automatisch. Man erfährt meist erst "hinterher" was eigentlich los war.
Auf zu viel Öffentlichkeit oder mögliche "gleichwertige" Gegenspieler legt man hier keinen Wert ;)
Alleine das Erkennen von bestimmten Sachen und das anschließende "Mit"-Traden von "erwarteten" Korrekturen ist grenzwertig und kann nur unauffällig im kleinen Rahmen passieren (so man denn überhaupt genug Geld für "mehr" hätte).
Im FX Handel gab es eine ähnliche Situation. Im traditional im Telefonhandel waren die Orders ein paar Sekunden gültig war, deshalb ist es auch jetzt noch so, dass es hauptsächlich Plattformen gibt, bei denen die Banken die Kurse stellen. Allerdings kann man bei der aktuellen Version der APIs nicht mehr effektiv verzögert handeln. Man bekommt nur dann eine Ausführung, wenn der Kurs sich nicht bewegt in die richtige Richtung bewegt hat.
Bei den Futures habe ich das Gefühl, dass mit Aufkommen des elektronischen Handels, die sichtbare Liqudität abgenommen hat. Früher gab man die Orders zum Floortrader (war vor meiner Zeit) und der hat dafür gesorgt, dass sie fair ausgeführt (gengen andere gematched) wird. Heute sind Leute alle viel zu panisch, ja nicht die eigenen Absichten kund zu tun und imemr nur kleine Orders sichtbar im Markt zu platzieren. Dadurch gibt es viel mehr kleinere Orders, weil ein großer Handeslauftrag zeitlich gestreckt wird.
@ bendel
Verzögerte Kurse gibt es noch bei Anleihen . Auf Bloomberg gibt es eine Handelsplattform an der die Kurssteller verpflichtet sind Kursangebote ein paar Sekunden aufrecht zu halten. Ein Anachronismus.
Im FX Telefonhandel galten die von den Maklern gestelten Kurse bis auf Widerruf. Wenn beide Parteien gleichzeitig ins Telefon riefen gabs wohl Ärger :-).
Ich denke die Floortrader haben die Kunden ganz schön abgezockt. Interesse zu verstecken wahrt Interesse. Jedoch verzichtet man auf vordere Ränge in den Orderbüchern.
Grüsse
>>ch denke die Floortrader haben die Kunden ganz schön abgezockt. Interesse zu verstecken wahrt Interesse.
Was mich dann nur wundert, ist das Aufkommen von so vielen Darkpools zumindets bei den Equities. Sinn soll ja wohl sein, dass man größere Orders besser durchbekommt (zumindest nicht so viele kleine Ausführungen, was einige Leute nicht mögen), allerdings ist auch da das Volumen sehr zersplittert und wie beim Makler/Floortrader muß man auf gewisse Dinge vertrauen. Alles im komplizierter als es sein müßte. Zum Glück gibt es bei den Future Märkten in der Regel nur einen Hauptmarkt (allerdings limitiert das den Preiskampf der Börsen).
@ bendel [#17]
Was ist ein "Dark Pool"? Eine OTC Plattform?
Gruss Sebastian
@ Sebastian [#18]
Ein Dark Pool ist versteckte Liquidität.
Im Prinzip in Form von internen Pools der größeren Banken oder in "Hidden" Orders an den Börsen.
Schau Dir einfach mal das Orderbuch in Daimler an. Das Verhältnis von sichtbarem Orderbuch und Volumen ist teilweise echt krass.
Laut Schätzung der Credit Suisse sind an den Aktienbörsen 30% der Liquidität versteckt in Form von Iceberg orders.
@ Sebastian [#18]
Hier sind auch ein paar Adressen:
http://www.advancedtrading.com/directories/darkpool/?open=true
Gruß
@ Sebastian [#18]
Instinet oder Posit sind zum Beispiel Dark pools im Aktienbereich in den USA . Man kann grosse Orders hinterlegen die dann zu bestimmten Stichpunkten alle 60 Min oder so auf der aktuellen Mitte zwischen Geld und Brief gematched werden falls sie auf eine hintelegte Gegeseite treffen.
Das dies natürlich eine Einladung zur " Manipulation" darstellen kann ist klar.
Grüsse
Interessante Analyse zum Thema "Algorithmisches Trading":
http://www.algotradingpodcast.com/files/Algorithmic%20Trading%20-%20Executive%20Summary.pdf
ciao,
zentrader
@ zentrader [#22]
Anbei ein Mitschnitt auf Youtube.
Ist ein VWAP Algo der "selbstständig" durchhandelt. Geht der Kurs hoch verkauft das Ding in den Markt und umgekehrt. Es werden nur Minigewinne alles unter 100$ erzeugt aber dafür quasi stetig. Der Trader hat am Tag gut 550.000 Citibank Aktien (auf ca. 4.15$) umgeschlagen. Zumindest im Mitschnitt war die Position nicht höher als 11.500 Stücke was wiederrum einem Kappitaleinsatz von "nur" grob nur 50.000$ entsprach.
Wo sich die Kommisionen "verstecken" ist mir nicht schlüssig geworden. Evtl. ein Börsenmitglied und/oder eine MarketMaker Tätigkeit.
Unter -> http://www.youtube.com/watch?v=kYamaIpPjXA
@ pullPUSH [#23]
Die Amerikanischen Aktienbörsen haben ja meist ein Model, bei dem für ins Buch gestellte Orders es Gebühren erstattet gibt, nur bei market Orders zahlt man. Insofern kann man so eine Strategie vermutlich ohne fees handeln.
@ sbendel [#24]
vermute es handelt sich um einen "liquidity Provider". Otto Normal Händler wird dazu ohne Zulassung keine Möglichkeiten haben.
Grüße