Hedgefonds: Von Blasen und Bläschen
Streitgespräch über Hedgefonds: Von Bläschen und Blasen
Frankfurter Rundschau (07.09.09) - Am 9. September würde der Erfinder des Hedgefonds-Konzepts, Alfred Winslow Jones 109 Jahre alt. Die Hedgefonds-Industrie feiert an diesem Tag ihren 60. Geburtstag. Ein Streitgespräch zwischen Markus Sievers (Apano) und Peter Wahl (Attac).
Markus Sievers: Wir brauchen sie heute und morgen mehr denn je. Aus Sicht eines Anlegers, der sein Portfolio diversifizieren will, der Risiken streuen will. Aber auch für die Funktionsfähigkeit, Transparenz und Fairness der Finanzmärkte können Hedgefonds einen wertvollen Beitrag leisten. Sie verfügen beispielsweise über Instrumente, die als Katalysator einen preisbereinigenden Effekt haben können, weil Hedgefonds nicht nur auf steigende, sondern auch fallende Kurse setzten können.
Peter Wahl: Hedgefonds sind vom volkswirtschaftlichen Standpunkt her überflüssig wie ein Kropf. Sie dienen nur einer kleinen Gruppe von sehr vermögenden Individuen und anderen institutionellen Investoren als Cashmaschine, als Goldesel. Sie sind gewissermaßen die Inkarnation dieses neuen Geistes des Kapitalismus, in dem der maximale Profit unter allen Umständen zum einzigen Handlungsleitfaden geworden ist. Und noch schlimmer: Hedgefonds haben volkswirtschaftlich eine extrem negative Wirkung, sie wirken destabilisierend.
Sievers: Moment.
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Markus Sievers (40) ist Geschäftsführer von Apano, ein auf Hedgefonds spezialisiertes Dienstleistungsinstitut. Der studierte Betriebswirt hat mehrere Bücher über Hedgefonds geschrieben. Apano vertreibt seit 15 Jahren Anlageprodukte, die auf den Handelsstrategien eines der größten Hedgefondsanbieter weltweit, Man Investments, beruhen.
Peter Wahl (61) ist Globalisierungskritiker, Publizist und einer der Gründer des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac in Deutschland sowie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Bücher (zuletzt "Entwaffnet die Märkte", VSA-Verlag, 2009). Der Globalisierungskritiker tritt für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte im Interesse nachhaltiger Entwicklung ein.
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Hedgefonds
Alfred Winslow Jones, damals Herausgeber der Magazine Times und Fortune, gründete vor 60 Jahren einen Fonds, den er Hedgefonds nannte.
Im Gegensatz zu Aktienfonds oder Rentenfonds können Hedgefonds die gesamten Möglichkeiten nutzen, die der Markt ihnen bietet.
Unabhängig vom Auf und Ab der Aktien konzentrieren sie sich auf das Ausnutzen von Trends oder das Erkennen von Bewertungs- und Zinsunterschieden. Sie setzen auf Terminkontrakte, Optionen, Derivate oder auch Leerverkäufe, um das Portfolio gegen Kursverfall abzusichern (to hedge = absichern) oder die Rendite zu steigern.
Außerdem versuchen Hedgefonds, über Fremdfinanzierung eine höhere Eigenkapitalrendite zu erwirtschaften (Hebel- oder Leverage-Effekt) und werden deshalb gerne mit Private-Equity-Gesellschaften, die Unternehmen aufkaufen und filetieren, verwechselt.
Die Anzahl der Hedgefonds betrug 1990 weltweit 610. Laut Global Hedgefunds Industrial Report stieg ihre Zahl bis zum zweiten Quartal 2009 auf 8923.
Das verwaltete Vermögen belief sich im Jahr 1990 auf 38,9 Milliarden Dollar, 2009 (Q2) verwalteten Hedgefonds weltweit bereits 1430 Milliarden Dollar.
Seit sechs Jahren sind Hedgefonds zum öffentlichen Vertrieb in Deutschland zugelassen.
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Wahl: Ich vertrete hier keine linksradikale These, sondern das mit der destabilisierenden Wirkung können Sie im Financial Stability Report bereits 2000 nach dem Crash des Hedgefonds Long Term Capital Management nachlesen. Es gibt auch eine Studie der Europäischen Zentralbank aus dem Jahr 2002 dazu. Es gab die Initiativen der Bundesregierung in Heiligendamm, zu versuchen, wenigstens ein Minimum an Regulierung und Transparenz in die Branche hineinzubringen, womit sie leider gescheitert ist. Deshalb sind Hedgefonds als Stabilitätsrisiko weiterhin sehr gefährlich.
Sievers: Einspruch: Es gibt es sehr klare Aussagen von der internationalen Weltwertpapierkommission. Sie bescheinigt den Hedgefonds klipp und klar nicht Auslöser der gegenwärtigen Krise gewesen zu sein. Die Gründe, warum unser Finanzsystem kollabiert ist, sind vielmehr in der Bankenwelt selbst zu sehen. Dort gab es eklatante Regulierungslücken.
Wahl: Ehe Sie weiter gegen Windmühlen kämpfen: Ich habe nicht gesagt, dass Hedgefonds der Auslöser dieser Krise waren. Ich habe gesagt, dass sie generell destabilisierend wirken. Die Ursachen der Krise lassen sich nicht auf einen Faktor zurückführen. Der entscheidende Punkt ist, dass das ganze System falsch reguliert worden ist. Es entstand ein Kartenhaus, das irgendwann einmal zusammenbrechen musste. Auch Hedgefonds hätten direkter Auslöser sein können. Das sieht man an der LTCM-Krise von 1998.
Sievers: LTCM ist sicherlich ein Kapitel in der Hedgefondsindustrie, das gezeigt hat, dass das Risikomanagement sehr wichtig ist. Aber ohne das runterspielen zu wollen, Long Term Capital Management ist damals von einem Bankenkonsortium gerettet worden mit einer Größenordnung von drei Milliarden Dollar. Das Rettungsvolumen, das heute im Raum steht, ist ungleich höher. Damals hat man lediglich einen Finanzdiesntleister gerettet, der sich verspekuliert hatte.
Wahl: Und warum hat man den gerettet? Warum hat man das nicht den Markt bereinigen lassen? Weil natürlich systemische Risiken darin steckten. Systemisches Risiko, heißt, dass ein einzelner Akteur, sei es Aufgrund seiner Größe, sei es Aufgrund von Verflechtungen mit wichtigen anderen Instituten, im Falle eines Kollaps die anderen mit in die Krise reißt. Insofern sagt die Frage, wie viele Milliarden das waren, nichts aus über die Systemrelevanz eines solchen Ladens aus.
Sievers: Die LTCM-Krise ist eine Finanzmarktkrise gewesen. Wir haben den Zusammenbruch des russischen Rubels erlebt. Und da waren sicherlich mehrere spekulativ engagiert und lagen auf der falschen Seite...
Wahl: ...was heißt denn spekulativ? Wenn man einen Schuldenhebel von eins zu 20 hat, also 100 Milliarden bewegt bei einem Eigenkapital von fünf Milliarden. Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dass ein solches Geschäftsmodell nicht nachhaltig, nicht stabil, nicht verantwortungsvoll ist.
Sievers: Einer der Vorurteile, die der Hedgefondsbranche immer wieder angedichtet werden, ist der Schuldenhebel, neudeutsch auch Leverage genannt. Es gibt immer wieder Gerüchte, dass alle Hedgefonds eins zu zehn oder eins zu 20 gehebelt sind. Die Realität ist eine ganz andere. Im Durchschnitt beträgt der Leverage 1,3. Das nur mal zur Klarstellung. Aber ich bin ganz bei Ihnen, wenn Sie die starken Hebel kritisieren. Doch in der Hedgefondsbranche gibt es viele Strategien, bei denen kein einziger Euro Fremdkapital eingesetzt wird.
Wahl: Das ist richtig aber das Hauptproblem ist nicht der Leverage, sondern die Systemrelevanz. Und die liegt dann vor, wenn auch unter 10.000 Hedgefonds nur einer ist, der systemrelevant ist und die Kettenreaktion auslöst. Deswegen nützen all ihre Rechtfertigungsargumente nichts, auch wenn sie empirisch stimmen. Natürlich ist der Leverage und auch die Performance bei den wenigsten Hedgefonds sensationell. Im Schnitt werden die völlig überschätzt. Aber systemrelevant sind jene zehn oder 15 Prozent, die hoch gehebelt die 20 bis 40 Prozent Rendite erreichen.
(Quelle und ausführlich weiter lesen: -> http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell?em_cnt=1929391)