Piketty's Brief an Merkel - Londoner Schuldenkonferenz
Thomas Piketty! Vor kurzer Zeit war der Name noch, vielleicht außer in Fachkreisen, völlig unbekannt. Seitdem er letztes Jahr das Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" geschrieben hat, ist er in aller Munde. Als Meinungsführer in Wirtschaftsfragen, wie das so schön heißt, hat er jetzt einen offenen Brief, gemeinsam mit einigen anderen Experten an die Bundeskanzlerin geschrieben. Tenor diese Briefes ist die Empfehlung der Beendigung der Austeritätspolitik. Zu lesen hier:
http://www.thenation.com/article/austerity-has-failed-an-open-letter-fr…
In diesem Brief, aber auch in vielen anderen Statements liest man in letzter Zeit immer wieder den Hinweis, dass auch Deutschland im Rahmen der Londoner Schuldenkonferenz 1952/53 einen deutlichen Schuldenerlass von den Siegermächten des zweiten Weltkrieges erhalten habe. Daran sollte sich Deutschland erinnern und gleiches Griechenland gewähren. Dieses ist in meinen Augen ein emotionales Totschlagargument. Es rentiert sich vielleicht ein kurzer Blick auf diese Schuldenkonferenz. Man kann sich darüber leicht im Internet informieren. Schnell zeigen sich dabei wesentliche Unterschiede zwischen Deutschland damals und Griechenland heute. Z. B.:
-Ein wesentliches Argument von Hermann Josef Abs war das Argument der territorialen Beschränkung der Herrschaftsgewalt der Bundesregierung. D. h. Das deutsche Reich bzw. Deutschland verlor wesentliche Anteile seines Staatsgebietes. D. h. die Voraussetzungen für die Reparationszahlungen des Versailler Vertrag (die zum Teil noch bezahlt werden sollten) hatten sich nach dem zweiten Weltkrieg geändert.
-Im Rahmen der wachsenden Ost-Westkonflikte, wollte insbesondere USA eine möglichst rasche Einbindung des "Pufferstaates" Deutschland in den westlichen Block der NATO. Dies beinhaltete natürlich auch eine Wiederbewaffung Deutschlands im Rahmen des westlichen Verteidigungsbündnisses. Unter diesem Aspekt war ein teilweiser Schuldenerlass insbesondere der US-amerikanische Reparationszahlungen durchaus als Wiederaufrüstungshilfe und Stärkung der NATO gegen den Warschauer Pakt zu verstehen.
-Der wichtigste Unterschied aber in meinen Augen ist der, dass Deutschland damals ganz andere soziale, wirtschaftliche und politische Voraussetzungen hatte als Griechenland heute: Piketty und Kollegen schreiben korrekt: "..The humanitarian impact has been colossal—40 percent of children now live in poverty, infant mortality is sky-rocketing and youth unemployment is close to 50 percent. Corruption, tax evasion and bad accounting by previous Greek governments helped create the debt problem...". Die Autoren erkennen also tiefgreifende soziale Verwerfungen, Korruption, politische Machtlosigkeit (aus welchen Gründen auch immer) und fehlende wirtschaftliche Möglichkeiten in Griechenland . Im Gegensatz dazu wurde der Londoner Schuldenerlass einer Industrienation gewährt mit gefestigten sozialen und politischen Strukturen, geringer Korruption und insbesondere einer sich durch immensen Fleiß, im Aufbau befindlichen, bald florierenden, deutschen Wirtschaft. Schließlich konnte Deutschland nach diesem Schuldenschnitt wieder seinen regulären Schuldendienst aufnehmen. Es wurde wieder kapitalmarktfähig. Würde Vergleichbares für Griechenland gelten?
Ich bin kein Historiker, aber ich denke, dass viele historische Staatsinsolvenzen bzw. Schuldenschnitte als Folge einmaliger, einschneidender Ereignisse (v. a. Kriege) eintraten. Trafen diese Ereignisse Staaten mit eigentlich günstigen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen Strukturen, so erholten sich diese rasch und Schuldenschnitte waren erfolgreich.
Es bleibt also die Frage, ob hier nicht eine deutliche Diskrepanzen zur gegenwärtigen Lage in Griechenland bestehen. Ein Vergleich der Londoner Schuldenkonferenz mit der heutigen griechischen Lage, wie von Piketty ins Feld geführt ist m. E. äußerst fragwürdig.
peterg
Erklär mir doch mal wie ein Land wie Griechenland seine Schulden abbauen soll?
Vor allen Dingen, welche Vorraussetzungen muss ein Land erfüllen damit es Schulden abtragen kann?
peterg
Auch ein Land darf Pleite gehen. Dann haben die Banken und Grossinvestoren halt Pech gehabt. Das kommt vor im Kapitalismus.
Kleinanlegern hätte ich bis 100000 Euro ihr Geld erstattet. Aus Amen. Deutschen und Frnzöischen Zockerbanken sollten mir dem Ofenrohr ins Gebirge sehen. Sie haben sich auch Jahrelang billiges Geld bei der EZB geliehen und dann Kredite in Form von Anleihekäufen vergeben.
Jeder normale Banker der so Geld vergibt, ohne Sicherheiten, einfach so, geht in den Knast.
Nur bei den Grossbanken heisst es, to Big to Fail
Ich kann gar nicht sagen wie mich das alles ankotzt, und letzendlich wird das auf dem Rücken der weniger begüteten ausgetragen. Eine Schande ohne Ende.
Bitte versteh mich nicht falsch. Es geht mir hier in erster Linie um das Argument mit der Londoner Schuldenkonferenz.
Es ist mit einfachen arithmetischen Mitteln klar, dass Griechenland seine Schulden nicht abzahlen können wird. Früher oder später müssen die Gäubiger auf ihre Forderungen zu einem mehr oder minder großen Teil verzichten. Die Frage jetzt ist erneut:
-Sollen diese Schulden noch erhöht werden durch weitere Kredite oder einem Schuldenschnitt innerhalb des Euroraumes? An der Börse würde man sagen, soll man bei fallenden Kursen eines Aktiendepots gutes Geld schlechtem hinterherwerfen und verlustbringende Aktien nachkaufen? Normalerweise (Ausnahmen ausgenommen) macht man sowas nicht! Ein Schuldenschnitt außerhalb des Euroraumes ist schmerzlich für alle Beteiligten. Aber für die Gäubiger wäre dann dieses Problem dauerhaft geklärt. Für die griechische Bevölkerung wäre es ein Aufbruchsignal. Damit ist die Frage cui bono klar. Es bleibt allerdings die Frage bei einem solchen Szenario: cui malo?
Wir befinden uns jetzt ja in einer Situation, in der die griechischen Schuldentitel von den langjährigen Nutznießern, allen voran den europäischen Banken, abgestoßen und sozialisiert worden sind. D. h. Leidtragende eines griechischen Schuldenschnittes wird der europäische Steuerzahler sein. Es hieß ja immer: "Bisher hat der Bürger noch keinen Cent für Griechenland bezahlt, es sind nur Bürgschaften, etc.". Dies könnte sich jetzt rasch ändern. Ich bin gespannt, sollte jetzt ein GREXIT kommen, wie stark dann der politische Druck werden wird, dem unsere Kanzlerin dann ausgesetzt ist. Denn sie muss ja dann den Bürgern des Landes, denen sie versprochen und geschworen hat zu dienen, diese hohen Verluste erklären.
peterg
Wäre doch mal interessant zu erfahren wer nun im Besitz der Forderungen ist und auf was genau sich die Bürgschaften beziehen. Soweit mir bekannt wären das dann 60 Mrd. Das ist ungefähr ein Drittel was und sie Finanzkrise gekostet hat welche uns unsere amerikanischen Freunde eingebrockt haben.
Sogesehen stehtn 170 Mrd Verlust 60 Mrd gegenüber. Da in Griechenland aber die Menschen leiden und zwar unsäglich wäre ich dafür die Schulden abzuschreiben. Was nützt denn ein Zahlungsaufschub oder Umschuldung bis ins Jahr 2050 und länger. Die Annahme hier jemals wieder sein Geld zu sehen ist genausogross wie die Hoffnung der T-Aktionäre mal wieder dreistellig zu werden.
Abgesehen davon sollten wir nicht vergessen das wir am Schuldenberg der Griechen auch brav mitverdient haben. 10 Prozent unserer Rüstungsexporte gingenin den letzten 10 Jahren nach Griechenland. Ich sage nur UBoote.
Alles in Allem eine Bankrotterklärung der Europapolitik unserer geliebten Kanzlerin bzw ihrer Vorgänger.
Gründungsväter wie Waigl haben sich mittlerweile der Realität verschlossen und leben in Ihrer eigenen Phantasiewelt. Hier das Interview bei Jauch.
https://www.youtube.com/watch?v=B_4OEFT5VUU