Systematischer Handelsansatz mit Optionen
Hallo zusammen!
Wie der eine oder andere vielleicht noch aus meinen früheren Forumbeiträgen weiß beschäftige ich mich relativ eingehend mit dem Optionshandel insbesondere mit Stillhalterstrategien.
Nach intensivem Literaturstudium (die Bücher von Van Tharp sind sehr zu empfehlen) und eigenen Erfahrungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass für den langfristig Börsenerfolg mindestens dreier Grundvoraussetzungen bedarf. Das soll nicht heißen, dass alles andere unwichtig ist, aber ohne diese drei geht es meiner Meinung nach nicht.
1. Handelsansatz mit positivem Erwartungswert
2. richtiges Moneymanagement
3. Handelsansatz der zur eigenen Persönlichkeit passt
1: Dieser Punkt sollte von den drei genannten am einfachsten zu realisieren sein. Nötig ist ein Handelsansatz mit dem langfristig gesehen Geld zu verdienen ist. Dies lässt sich gut am Beispiel eines Casinobetreibers erläutern.
Kurzfristig kann es durchaus sein, dass der Spieler beim Roulette oder anderen Spielen einmal Geld verdient, aber langfristig arbeitet die Wahrscheinlichkeit für die Bank. Je länger der Spieler also spielt desto geringer wird seine Chance das Casino als Gewinner zu verlassen. Auf die Börse übertragen bedarf es eines Systems, welches zwar kurzfristig durchaus Geld verlieren kann, das statistisch gesehen aber mehr Geld verdient als es verliert. Das bedeutet NICHT zwangsläufig, dass mehr als 50% der Trades Gewinn machen so lange die wenigen Gewinner ausreichen um die Mehrzahl der KLEINEN Verluste auszugleichen.
Mein Ansatz zur Erreichung dieses Ziels sind abgesicherte Stillhalterstrategien mit Optionen. Konkret verkaufe ich Out of the Money Puts und Calls und sichere sie durch eine weiter aus dem Geld liegende Option ab (vertikale Spreads). Das bringt zwar keine Riesengewinne, aber dafür ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich die Optionsprämie vereinahmen kann und führt bei kosequenter Verlustbegrenzung hoffentlich zu einem positiven Erwartungswert.
2. Die Bedeutung des Moneymanagement wurde hier im Forum bereits vielfach hervorgehoben und ist mittlerweile wirklich keine großartig neue Erkenntnis mehr. Ziel ist es einfach durch die richtige Wahl der Tradegröße (Anzahl Kontrakte, Wahl des Stop Loss) die Phasen anhaltender Verlust die zwangsläufig auftreten werden zu überstehen, damit langfristig der für das System arbeitenden postive Erwartungswert auch zum Tragen kommt und ich nicht bereits vorher bankrott gegangen bin.
3. Der möglicherweise wichtigste Punkt ist der, dass das von mir gewählte Handelssystem auch zu meiner Persönlichkeit passt und ich auch von dessen Funktion überzeugt bin. Dies ist erforderlich um mich ich in die Lage zu versetzten die Regel des Systems auch tatsächlich zu befolgen und die psychologischen Belastungen einer anhaltenden Verlustphase durchzustehen und trotzdem das System weiterzutraden. Andernfalls kann es geschehen, dass ich im Falle eines 30%, 40% oder 50% Drawdowns das System aufgebe und wiederum nicht in den Genuß des langfristig für mich arbeitenden Erwartungswertes komme.
Gleichfalls dürfte dieser Punkt derjenige sein, der am schwierigsten in die Realität umzusetzen ist, denn wer zweifelt nicht an der Zuverlässigkeit des eigenen Handelsansatzes wenn man mit 50% im Minus liegt? So wie ich es verstehe liegt der Zweck intensiven Backtestings mittels historischer Kursdaten insbesondere darin, das Verhalten des Systems kennenzulernen um so besser auf eventuelle Verlustphasen vorbereitet zu sein.
Konkret zu meinem Optionshandelssystem möchte ich sagen, dass sich insbesondere das historische Backtesting leider schwierig gestaltet, da ich keien Kursdaten der (Eurex-) oder anderer Optionsbörsen zur Verfügung habe. Wie gehen die hier anwesenden Optionstrader mit dieser Problematik des Backtestings um? Lohnt es sich anhand der historischen Basiswertkurse (z.B.) DAX in Verbindung mit dem VDAX theoretische Optionspreise zu berechnen und so den Smile völlig zu vernachlässigen?
Mich würde zudem interessieren wie Ihr beim Money-/Riskmanagement im Optionshandel vorgeht. Die Beschränkung auf die Anzahl der zu handelnden Optionskontrakte greift sicher zu kurz. Sinnvoller wäre wohl ein Ansatz der auf den Optionskennzahlen des resultierenden Optionsportfolios basiert. Leider findet sich hierzu in der Literatur nur sehr wenig Material. Wie geht Ihr vor? Legt ihr bestimmte Obergrenzen z.B. Gesamtdelta < X, Gesamtgamma < Y, Gesamtvega < Z fest? Wie sieht es aus mit Kennzahlen wie Value at Risk? Hierbei könnte man einen bestimmten maximalen Prozentsatz der Portfoliogröße festlegen, den VaR nicht überschreiten darf. Für ein paar konkrete Vorschläge oder Tipps wäre ich dankbar.
Und schließlich würde mich interessieren wie die Optionstrader hier ihre Trades aussuchen. Geschieht dies ausschließlich diskretionär oder verwendet jemand einen systematischen Handelsansatz. Wie sieht dieser oder könnte dieser aussehen? Ich denke an etwas in der Art von, (sehr einfach) wenn kurzer gleitender Durchschnitt oberhalb des langen GD und VDAX > XY verkaufe Put mit Laufzeit T desssen Strike 1-Sigma Out-of the Money liegt. Andernfalls verkaufe Iron Condor, der ...
Ich erwarte natürlich NICHT, dass hier jemand sein komplettes Handelssystem preisgibt, was wohl ohnehin niemand tun würde. Ich hoffe trotzdem auf Anregungen und Tipps derer die sich mit dieser oder einer ähnlichen Thematik befasst haben um mir vielleicht den einen oder anderen Irrweg zu ersparen. Natürlich sind auch Nicht-Optionshändler herzlich eingeladen hilfreiche Vorschläge und Denkanstöße zu liefern.
Ich freue mich auf eure Beiträge und verbleibe mit freundlichem Gruß
divedeep
@ divedeep [#1]
in folgendem Thread wurde dein Ansatz bereits diskutiert, vielleicht hilft dir dieser Thread im allgemeinen auch weiter.
http://www.terminmarktwelt.de/cgi-bin/nforum.pl?F=47&CP=0&ST=9623&full=1
@ Teletrader [#2]
Hallo Teletrader,
der von Dir genannte Thread ist tatsächlich sehr interessant und informativ. Dort werden aber dennoch nicht alle von mir angesprochenen Themen behandelt. So finde ich dort nichts zum Thema Money-/Riskmanagement mit Optionen. Außerdem scheinen Optrade, he96 und Du selbst (damals) rein diskretionär gehandelt zu haben. Wie sieht es aus mit systematischen Handelsstrategien? Sind diese bei Optionenn überhaupt sinnvol, respektive umsetzbar? Hier soll sicherlich nicht alles wiederholt werden, was bereits in dem vor Dir genannten Thread besprochen wurde. Aber ein neuer Optionsthread wäre doch auch nicht schlecht oder?
Gruß divedeep
@ divedeep [#3]
Da ich mittlerweile seit bald sechs Jahren Futures und vier Jahren Options handle, kann ich Dir ein paar Sachen aus meiner Erfahrung erzählen.
Mein Ansatz basiert ausschließlich auf Stillhalterideen oder modifizierten Stillhalterideen wie beispielsweise "Late Spreads" bei denen zuerst eine normale Position eingegangen wird und später dann in eine Stillhalterposition umgewandelt wird.
Der systematische Handel mit Optionen ist sicherlich möglich. Du kannst Dir für einen bestimmten Markt Signale generieren lassen und immer wenn Du ein Signal hast eine entsprechende Strategie aufbauen. Beispielsweise immer wenn Indikator A bei 50 und Indikator B bei 60 und XYZ zu treffen dann ist der Markt in 8 von 10 Fällen um 10% gestiegen. Sowas könnte man dann mit Optionen handeln. Ist aber nicht mein Ansatz.
Ich handle diskretionär basierend auf Fundamentaldaten und Technischer Analyse Rohstoffe und teilweise auch Aktienoptionen sowie Futures Spreads. Das Risiko bei Optionen bestimme ich anhand des Hoadley Tools und verwende hier ein absolutes Risiko von beispielsweise 500 USD pro Spread oder einem Schlusskurs unterhalb von XY. Diese beiden Stopps sind immer aktiv und je nachdem welcher zuerst getroffen wird fliegt die Position heraus. Gesamtdeltas etc. machen nur Sinn wenn Du ab einem bestimmten Level hedgen willst. Lohnt aber nur bei großen Konten und kleinen Gebühren. Hier wäre dann eventuell Gamma Scalping interessant sowie einige andere Deltagehedgte Strategien.
Von VAR halte ich nichts, da dies eine Normalverteilung unterstellt und die Märkte nicht normalverteilt sind.
Backtesting habe ich bei meiner Strategie nie betrieben. Es ist aber möglich. Beispielsweise die Autoren vom Options Trader Mag machen dies immer wieder mittels Option Vue.
Meine Frage an Dich. Wenn Du weit aus dem Geld liegende Optionen verkaufst und dann noch sicherst, bleibt da dann noch was übrig? Bzw. wie hoch sind Deine Risk Reward Ratios? Und vor allem die Reverse Risk Reward Ratios?
Gruss Sebastian
@ divedeep [#1]
Ich habe schon Backtests sowohl auf historischen als auch auf fiktiv berechneten Optionskursen durchgeführt und miteinander verglichen, aber die Ergebnisse weichen immer wieder voneinander ab.
Ob und wie entscheidend diese Abweichungen für den eigenen Handelserfolg sind, hängt natürlich davon ab, was für einen Handelsansatz man testet.
Ich persönlich bin jedenfalls dazu übergegangen, jeden Backtest sowohl mit historischen als auch fiktiv berechneten Kursen durchzuführen, und bei den fiktiv berechneten auch unterschiedliche Volas und Smile-Ausprägungen zu simulieren. Das verursacht zwar mehr Aufwand, bringt dafür aber auch mehr Sicherheit.
Noch eine Anmerkung zu Tharp. Alleine die Aussicht, einem Drawdown von 30, 40 oder 50% begegnen zu müssen, ließe mich daran zweifeln, ob der positive Erwartungswert wirklich empirisch ausreichend nachweisbar ist.
@ Sebastian [#4]
Hallo Sebastian,
wie gesagt ich handel ebenfalls regelmäßig mit Optionsspreads, häufig auch auf beiden Seiten des Marktes, wenn ich keine größere Bewegung erwarte. Derzeit fände ich z.B. folgende Spread-Kombination (oder Long-Short Strangle Kombination wem es besser gefällt) interessant.
Die Risk-Reward-Ratio "nach unten" liegt etwas unter 2 und "nach oben" knapp unter 1. Bei Optionen greift diese Art der Betrachtung meines Erachtens aber zu kurz, da die Wahrscheinlichkeit für das ins Geld Laufen einer OTM Option mehr oder weniger deutlich unter 50% liegt. Das Delta der Option liefert übrigens eine gute Schätzung dieser Wahrscheinlichkeit. So kann es also auch durchaus sinnvoll sein OTM Optionsspreads aufzubauen deren Risk-Reward-Ratio eventuell deutlich unter 1 liegt, da diese Kennzahl die Wahrscheinlichkeit nicht berücksichtigt. Entscheidend ist eben der Erwartungswert.
Was genau verstehst Du unter "Reverse Risk Reward Ratios"? Diese Kennzahl ist mir nicht bekannt. Wie gehst Du bei Optionsspreads mit begrenztem Risiko vor? Setzt Du trotzdem ein Stopp Loss oder wählst Du Deine Positionsgröße so, dass der maximal mögliche Verlust gleichzeitig 1R entspricht? Wie sieht es aus mit Follow-Up Strategien oder stellst Du die Strategie komplett glatt und fängst bei Null an? Wie kommst Du auf den Wert von $500 pro Spread?
Hast Du schon einmal über eine systematisierung deines Handelsansatzes nachgedacht und ggf. wieder verworfen oder sthet für Dich fest, dass es diskretionär sein muss?
@ Livetour [#5]
Hallo Livetour,
darf ich fragen mit welcher Software Du diese Art des Backtestings durchgeführt hast? Wie sieht Dein systematischer Handelsansatz für Optionen aus, den Du mit der Simulation verifizieren wolltest, ggf. nur von der Grundidee her?
Gruß
divedeep
@ divedeep [#6]
Genaugenommen gibt nicht das Delta die Wahrscheinlichkeit an, sondern das Zeta. Der Unterschied ist aber nicht allzu gravierend. Diese Wahrscheinlichkeit basiert auf einer Normalverteilung. Damit ist es für den Markt nutzlos. Hättest Du die Strategie vor zwei Wochen aufgebaut als der Dax 7,5% und dann noch einmal 5,5% gefallen wäre, dann wäre die Strategie trotz des niedrigen Deltas komplett überrant worden.
Wenn mein Stopp erreicht wird, stelle ich glatt. Früher habe ich Follow Ups verwendet davon halte ich aber nicht mehr viel. Ich gehe lieber raus und später vielleicht noch einmal rein. Bei Follow Ups wächst die Strategie schnell auf vier, fünf oder mehr Legs an. Wir können nicht einmal eine Option vernünftig bewerten, geschweige denn viele Optionen die miteinander agieren, deswegen bin ich da mittlerweile spartanischer geworden.
Die 500$ pro Spread waren nur ein Beispiel. Wenn ich bei einer Stillhalterstrategie maximal 1.000$ verdienen könnte würde ich etwa 500$ riskieren.
Mit Reverse Risk Reward Ratio meine ich den maximalen Verlust also mein VaR. Wenn ich beispielsweise bei einer Strategie 1.000$ verdienen kann und maximal 2.000$ verlieren und pro Position 500$ riskiere, dann habe ich ein RRRR von vier 2.000/500. Wenn die 500 zwei Prozent meines Kontos entsprechen, dann verliere ich im Exremfall acht Prozent des Kontos mit der Strategie.
Gruss Sebastian
@ divedeep [#7]
Ich programmiere alles selbst, also ohne spezielle Börsensoftware. Was die Handelsansätze angeht, interessieren mich vor allem delta- und vegasensitive Strategien. Also alles, was mit Bewegung zu tun hat, und wo ein Wechselspiel zwischen den verschiedenen Laufzeiten und Strikes zustande kommt. Insofern auch gewissermaßen das Gegenteil dessen, was Du mit Deinen Stillhaltergeschäften verfolgen wirst. :)