Warum Anleger immer falsch liegen
Alles Glückssache - oder warum Anleger immer falsch liegen
Von Jörg Hackhausen und Christian Panster
Handelsblatt, Frankfurt (04.02.10) - Die Nervosität wächst. In den letzten Handelstagen hat der Dax deutlich an Boden verloren. Experten sind unschlüssig, ob das erst der Anfang war und der große Rückschlag noch kommt. Der Rat an Anleger lautet oft: Jetzt noch abwarten und dann - nach der Korrektur - zu Einstiegskursen zugreifen. In jedem Fall sei es wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Aber stimmt das wirklich?
Martin Weber von der Uni Mannheim hält die Frage nach dem richtigen Timing für überflüssig. "Wenn man meint, dass man Aktien besitzen muss, dann ist es egal, wann man einsteigt. Den besten Zeitpunkt, also bei Tiefständen kaufen und zu Höchstkursen verkaufen, erwischt sowieso niemand." In einer aktuellen Studie beschreibt ein Team um Professor Weber, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob man ein Wertpapier heute oder morgen kauft und auch nicht, wann man es wieder verkauft.
In ihrer Studie knöpfen sie sich zunächst die Anhänger der sogenannten Charttechnik vor, also diejenigen, die aus Kursverläufen in der Vergangenheit auf die Zukunft schließen. Charts seien nichts weiter als die grafische Veranschaulichung von Kursen, deren Deutung keine Überrendite bringe, sagen die Forscher. Zum Beweis wird unter anderem eine Untersuchung von Burton Malkiel zitiert, Professor aus Princeton und Autor des Bestsellers "Börsenerfolg ist (k)ein Zufall".
Aber auch von der Fundamentalanalyse dürften sich Anleger nicht blenden lassen. Wissenschaftlich sei nicht nachzuweisen, dass Anleger durch die Analyse von Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert oder Dividendenrendite besser abschnitten. Höchstens in bestimmten Phasen funktioniere eine solche Strategie; in welcher Phase, das lasse sich erst im Nachhinein sagen.
Fazit der Studie: Ständiges Rein und Raus bringt keine höhere Rendite - im Gegenteil, die Gebühren für regelmäßiges Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren schmälern die Gewinne nur. Auch raten die Forscher davon ab, einen Fonds zu kaufen, dessen Manager sich fürs Timing bezahlen lassen. Den Markt genau vorherzusagen, sei reine Glückssache. Niemand müsse sich darüber den Kopf zerbrechen. Alles nur Zufall und Glück?
Der spanische Ökonom Javier Estrada hat vor einigen Jahren ausgerechnet, dass nur wenige Börsentage über Erfolg und Misserfolg eines Anlegers entscheiden. Für den Dax nahm der Wissenschaftler den Zeitraum zwischen dem 31. Dezember und 1989 und dem 31. Dezember 2006 unter die Lupe. Das Ergebnis: Anleger, die die ganze Zeit dabei waren, machten aus 1000 Euro Einsatz immerhin 3680 Euro. Wer aber die zehn besten Tage verpasst hat, weil er glaubte, dem Markt ein Schnippchen schlagen zu können, stand am Ende mit lediglich 1870 Euro da. Wer gar die besten 100 Tage verpasst hat, der hatte letztlich nur noch 70 Euro in der Tasche. Anleger sollten sich daher gut überlegen, ob sie versuchen wollen, schlauer als Mister Market zu sein.
"Wir können nicht alle am tiefsten Punkt kaufen und am höchsten Punkt verkaufen. Damit müssen wir uns abfinden", sagt Joachim Goldberg von Cognitrend. Goldberg befasst sich mit der Psyche der Anleger und mit ihren Stimmungen. Seine recht junge Disziplin im Kanon der Wirtschaftswissenschaften nennt sich Behavioral Finance oder Verhaltensökonomik.
Warum trotzdem so viele Anleger daran scheitern, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, hat für Goldberg einen einfachen Grund. Er liegt in unserer Psyche "Das menschliche Gehirn geht mit Verlusten ganz anders um als mit Gewinnen. Verluste will man nicht wahrhaben, Gewinne sofort realisieren. Die meisten lassen deshalb Verluste zu lange laufen und nehmen Gewinne zu früh mit."
Eine Erkenntnis, die Analysten, Aktienstrategen und sonstigen Auguren missfallen wird. Dabei wollen die Psycho-Experten wie Goldberg oder Weber gar nicht zum Boykott der Börsen aufrufen. Vielmehr geht es ihnen darum, die Anleger zu ermutigen. Das allerwichtigste sei nicht das Timing, sondern einen Plan zu haben. Schon bevor man in den Markt einsteige, solle man sich überlegen, wie man wieder aussteigen könne, sagt Goldberg.
Auch Professor Weber will keinen vom Investieren abhalten, er selbst verfolgt das Börsengeschehen begeistert. Allerdings rät Weber zu einer konservativen Buy-and-hold-Strategie und zur breiten Verteilung des Vermögens. Nur wer Geduld mitbringe und noch dazu sein Geld über alle Anlageklassen breit streue, dürfe auf eine anständige Rendite hoffen.
Ist es wirklich so einfach? Kaufen und dann abwarten funktioniert auch nicht immer. Denn wer das Kunststück fertigbringt, zu Höchstkursen einzusteigen, wird lange warten müssen, bis sich sein Investment auszahlt. Möglicherweise zu lange. Ein gutes Beispiel dafür ist der New-Economy-Hype zur Jahrtausendwende.
Wer sich seinerzeit mit Aktien eingedeckt hat, dürfte heute, gut zehn Jahre später, noch immer auf den Verlusten sitzen. US-Aktien etwa sind heute rund 2,5 Billionen Dollar (1,74 Billionen Euro) weniger wert als noch zu Beginn des Jahrzehnts; die Inflation ist da nicht einmal mit eingerechnet. Der S&P 500 schloss zum ersten Mal eine Dekade mit einem dicken Minus ab. Vom Stand Anfang 2000 bei 1469 Zählern ist der Index um rund 23 Prozent auf 1126 Zähler gefallen.
Eine grundsätzliche Entscheidung, ob ein Markt günstig oder teuer bewertet ist, sollten Anleger deshalb schon treffen. Aber darum geht es den Wissenschaftlern nicht, sondern um die vielen kleinen Versuche, den perfekten Zeitpunkt abzupassen.
Es wird doch immer wieder der uralte kalte Kaffee aufgewärmt.
Wenn doch diese "hochrangigen" Experten endlich den Mund halten würden, wenn sie selbst nicht wissen wie es geht. Das Geschwafel hat für den Anleger keinerlei Nutzeffekt und lässt ihn ratlos im Regen stehen.
Esist alles Zufall und Glück und eigentlich ist es egal was man tut. Aber "Eine grundsätzliche Entscheidung, ob ein Markt günstig oder teuer bewertet ist, sollten Anleger deshalb schon treffen. "
Wow. Das ist der Grund warum Wissenschaftler immer falsch liegen :)
@ gautama2 [#3]
ist ja nur ein Zeitungsartikel, wenn auch aus einem seriösen Blatt.
nicht spektakuläres und die Anlagetipps sind auch mit grosser Vorsicht zu geniessen.
wie immer halt.
schönes Wochenende an die TMW Gemeinde!
SPOMI
@ SPOMI [#4]
Klar, jeder Tipp ist mit Vorsicht zu geniessen. Aber nicht jeder Tipp kommt als wissenschaftliche Untersuchung daher. Dazu noch dieses apathische Getue, dass man nichts vorher sagen kann, aber der Anleger soll mal gerade so eben locker aus dem Ärmel entscheiden ob der Markt günstig oder teuer ist. Also andere beschäftigen für diese Frage ganze Abteilungen. Das macht das ganze doch so vollständig geisteskrank. Und es lohnt sich, im Gegensatz zu so manch anderem Gerede oder Crashorakeleien dies klar entsprechend zu labeln.
Abber so sin die äbbe, die Monnemer.
http://www.youtube.com/watch?v=ul8Ib-MjSI4&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=TzPULn5WPmk
Gruß
@ Archie [#2]
Da stimme ich Ihnen zu.
Aus diesem Grund lese ich nichts mehr und höre ich mir auch nichts mehr an von der Riege der Dampfplauderer.
Hallo Zusammen,
ich bin selbst großer "Fan"/Anhänger von Prof. Martin Weber, er ist einer der wenigen Finanz-Wissenschaftler die sich jetzt schon ausgiebig mit dem Behaviour-Finance Modell auseinandersetzen.
Vor wenigen Wochen gabs im Handelsblatt auch einen guten Artikel von Prof. Weber:
"Keiner schlägt den Markt"
http://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/boersenjahr-2009-keiner-schlaegt-den-markt;2503991
Viel Spaß beim Lesen - und was die aktuelle Situation angeht: bin selbst unschlüssig -> Helm auf und durch! ;-)
Der seit Kurzem von der Euwax veröffentlichte Sentiment-Index für Privatanleger zeigt jeden Tag sehr anschaulich, daß die Masse der Privatanleger falsch Liegt: Am Hoch wird eine Long- und am Tief eine Short-Position eingegangen:
https://www.boerse-stuttgart.de/de/marktundkurse/indizes/euwaxsentiment/euwaxsentiment-derprivatanleger-index.html
Im Intraday-Segment erfolgt die Aktualiserung der Charts im Minutentakt. Leider ist mein Wunsch nach Push-Kursen bisher nicht erfüllt worden. Es würde mich freuen, wenn auch andere Nutzer dieser Info mit einer Mail an Holger Scholze dieses Feature "einfordern" würden: holger.scholze@boerse-stttgart.de
Vielen Dank schon mal vorab.
Sixer
@ Sixer [#8]
Die Charts zeigen deutlich, warum die breite Masse falsch liegt:
Der Einstieg erfolgt zu spät. Man läuft den Trends größtenteils nach und steigt erst dann ein, wenn die Profis bereits wieder aussteigen.
@ Sixer [#8]
Bis das geschehen ist, kann man sich mit dem Firefox Add-On "reload every" behelfen. http://tinyurl.com/32wqmn
Sehr lustiges Spielzeug, Danke!
Beste Grüße,
redsnapper
Die lokalen Hochs des Euwax-Sentiment oberhalb der Nullinie (Euwax: "die Mehrheit der Anleger setzt auf steigende Kurse"), koinzidierten mit den lokalen Tiefs des Dax im März, Juli und November.
Die Euwax-Spekulanten haben also zufällig desöfteren das Tief im Dax erwischt, wenn, nach meiner Interpretation, die Mehrheit der professionellen Marktteilnehmer auf fallende Kurse gesetzt hat.
@redsnapper,
Danke für den Tipp, klappt prima !!
Eine weitere, sehr interessante Zusatzinfo zum Sentiment bieten die "Umsatzspitzenreiter" - dort kann man verfolgen, welche KO-Levels die Privatanleger für die Long- und Short-Käufe gewählt haben:
https://www.boerse-stuttgart.de/de/marktundkurse/hebelprodukte/knock-out-produkte/umsatzspitzenreiter/umsatzspitzenreiter.html
Sixer
@ Sixer [#12]
Ich habe das Sentiment jetzt mal über den Tag verfolgt und auch wenn man geneigt ist, Dinge zu sehen, die nicht da sind, scheint mir besonders Divergenz in der Geschwindigkeit von Kurs und Sentiment, ein interessanter Hinweis auf mögliche Wendepunkte.
Beste Grüße,
redsnapper
@ redsnapper [#13]
Sorry, ich kann da nix erkennen
ausser der Tatsache das man sich die Dinge so zurecht legt wie man sie gern hat, so zumindest wenn man den Chart im nachhinein betrachtet.
Ich kann damit nichts anfangen.
@ benedikt54 [#14]
Na, wenn ich jetzt gerade gucke, liegt die Masse seit 17 Uhr schwer schief, aber sowas von...
Wenn es live mitläuft, wird es aber klarer. Was das genau soll weiß ich auch noch nicht. Heute morgen waren Kurse und Sentiment konvergent, da gabs nix zu gewinnen.
@ redsnapper [#15]
Verstehe ich was falsch?
Ein positiver Wert bedeutet, dass die Mehrheit der Anleger auf steigende Kurse setzt, während ein negativer Wert bedeutet, dass die Mehrheit der Anleger eher von einem sinkenden Markt ausgeht.
Um 17.00 UHr war die Mehrheit doch massiv SHORT.
Anschliessend ging es um 60 Punkte runter.
@ benedikt54 [#16]
Man kann doch auch sagen das die breite Masse in die steigenden Kurse verkauft hat.
Was sich bis dato und wohl auch noch künftig als richtig erwiesen hat.
Weiterhin soll mir mal einer erklären wie solch ein Indikator sinnvoll eingesetz werden soll und zwar im Sinne seiner Definition.
@ benedikt54 [#16]
Ich sehe es andersrum: Die Masse hat den Anstieg bis 17 Uhr verpasst, dann hatte ich aber Feierabend gemacht. Ich sehe das Ding als Kontraindikator, zumal hier hptsl. die Stimmung in Hebelzertis ausgedrückt wird und wer die kauft ist nicht unbdeingt der Marktbeweger...
Warum sollte der Markt auch fallen, wenn vorher schon alle verkauft haben? So wie jeder Verkäufer ein bearishes Element ist.
Von der EUWAX ein Video Interview: http://tinyurl.com/yfb7gof und die Erklärung:
http://tinyurl.com/yju6met
Beste Grüße,
redsnapper
@ redsnapper [#18]
Mir gehts um die praxtische Anwendung eines solchen Indikators.
Irgendwie erinnert mich das an die Stochastik.
Im Nachhinein, so wie beivielen Indikatoren, passt es manchmal zusammen, weil man es so sehen will.
Aber just in dem Moment, wie gehe ich damit um und wann setzte ich ihn ein.
Bei mir sind Indikatoren die für alle zugänglich sind und welche jeder kennt Segmente die mal funktionieren und dann wieder auch nicht.
@ redsnapper [#18]
"So wie jeder Verkäufer ein bearishes Element ist."
Soll natürlich bullish heißen.
Was das alles soll, weiß ich auch noch nicht genau, aber ich lasse es mitlaufen und werde schon dahinter kommen, ob und wann es was taugt...