UPDATE: Trichet deutet EZB-Zinserhöhung für Juli an

DJ UPDATE: Trichet deutet EZB-Zinserhöhung für Juli an (NEU: Durchgängig neu, mit Reaktionen von Bankvolkswirten ab fünftem Absatz)

Von Hans Bentzien
DOW JONES NEWSWIRES

FRANKFURT (Dow Jones)--EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat angedeutet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen im Juli erneut anheben wird. Zudem deuten für 2011 angehobene Stabprojektionen zu Wachstum und Inflation darauf hin, dass die EZB darüber hinaus weiteren Bedarf für eine geldpolitische Normalisierung sehen dürfte. "Die Risiken für die Preisstabilität sind aufwärts gerichtet. Dementsprechend ist hohe Aufmerksamkeit angezeigt", sagte der EZB-Präsident am Donnerstag in Frankfurt bei der Erläuterung des Zinsbeschlusses.
Mit dem Verweis auf "hohe Wachsamkeit" hatte die EZB in der Vergangenheit wiederholt Zinserhöhungen bei der kommenden Ratssitzung angekündigt. Darüber hinaus wird die EZB Trichet zufolge an ihrer bisherigen Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken festhalten. Auf Nachfrage bestätigte Trichet, dass die Verwendung der Formulierung "hohe Wachsamkeit" bedeute, dass eine Zinserhöhung im Juli möglich sei. Die Weigerung, sich auf einen Zinsschritt im Vorherein festzulegen, gelte vor allem für die mittlere Frist, sagte er.
Der EZB-Präsident verwies darauf, dass es weiterhin Aufwärtsdruck auf die Gesamtinflation gebe, vor allem aufgrund höherer Energie- und Rohstoffpreise. Das Tempo der monetären Expansion erhole sich langsam, zudem befinde sich reichlich Liquidität im System, die zu Preisdruck im Euroraum führen könne. Trichet bezeichnete die geldpolitische Ausrichtung der EZB als akkommodierend. Die EZB werde entschlossen und rechtzeitig handeln. Es gebe eine absolute Trennung von Zins- und Liquiditätspolitik. Hinsichtlich der Wachstumsperspektiven sagte Trichet, die Wirtschaft des Euroraums wachse auch im zweiten Quartal, wenn wohl auch mit etwas schwächerem Tempo.
Wie der EZB-Präsident zudem sagte, wird die EZB weiterhin ihre Hauptrefinanzierungsgeschäfte sowie die Repo-Geschäfte mit der Laufzeit einer Mindestreserveperiode voll zum aktuellen Leitzins zuteilen, so lange dies erforderlich ist, mindestens aber bis zum Ende der am 11. Oktober 2011 auslaufenden Mindestreserveperiode. Darüber hinaus kündige Trichet dreimonatige Geschäfte mit Vollzuteilung und Festzins an, die am 27. Juli, 31. August und 28 September 2011 zugeteilt werden sollen. Diese Geschäfte werden wie bisher zu dem durchschnittlich während ihrer Laufzeit herrschenden Mindestbietungssatz abgerechnet.
Volkswirten zufolge enthielten Trichets Aussagen keine Überraschungen, obwohl der Euro gegenüber dem Dollar um einen Cent nachgab. "Im Wesentlichen hat er die Markterwartungen erfüllt, was Zinsen und Liquidität angeht. Jetzt ist die spannende Frage, wie es nach dem Juli weitergehen wird", sagte Alexander Krüger, Volkswirt beim Bankhaus Lampe. Die Antwort ist seiner Einschätzung nach schon ein wenig aus den neuen Stabsprojektionen herauszulesen. Demnach stellt sich die EZB für 2011 auf eine jahresdurchschnittliche Inflation von 2,6% (zuvor: 2,3%) ein, während für 2012 weiterhin 1,7% erwartet werden. Für das Wachstum werden nun 1,9% (1,7%) und 1,7% (1,8%) prognostiziert. "Es wird mit den Leitzinserhöhungen weitergehen, aber wir stehen nicht vor einem Zyklus aggressiver Erhöhungen", sagte Krüger. Er rechnet mit einem dritten Zinsschritt für das vierte Quartal, und zwar eher für Oktober als für Dezember. Auch Howard Archer von IHS Global Insight hat keine Zweifel daran, dass die EZB ihre Zinsen im Juli erneut anheben wird. Am Jahresende sieht er den Hauptrefinanzierungssatz bei 1,7% und Ende 2012 bei 2,50%. "Angesichts der Wachstumswiderstände und der Schuldenkrise ist mit aggressiveren Zinserhöhungen nicht zu rechnen", sagte er.
Im Hinblick auf Griechenland lehnte Trichet weiterhin alles ab, was ein Kreditereignis darstellen könnte. Die EZB lehne alle Konzepte ab, die nicht auf völliger Freiwilligkeit basierten, sagte er. Auf Nachfrage stellte Trichet klar, dass die EZB jedoch keine derartige "freiwillige" Umschuldung Griechenlands propagiere. Nach Einschätzung von ING-Volkswirt Carsten Brzeski ist die EZB derzeit gleichwohl dabei, ihren Widerstand gegen eine "weiche Restrukturierung" der griechischen Staatsschulden aufzugeben, obwohl es auch aus Sicht von Ratingagenturen schwer werden dürfte, eine scharfe Trennlinie zwischen freiwillig und unfreiwillig zu ziehen.
Trichet stellte in der Pressekonferenz jedoch auch klar, dass sich die EZB selbst an einer solchen Umschuldung nicht beteiligen würde. Sie werde in jedem Fall an ihrem Sicherheitenrahmen für Refinanzierungsgeschäfte festhalten, sagte er.

-Von Hans Bentzien, Dow Jones Newswires, +49 (0)69 29725 300,
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June 09, 2011 11:04 ET (15:04 GMT)
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