Agrar-Rohstoffe: Kommt das Jahrzehnt der Agflation ?
Ende einer Ära sinkender Nahrungsmittelpreise
Von Fabio Duma
Tagblatt.ch (14.01.08) - Sie hat das Potenzial zum Unwort des Jahres: die Agflation. Und doch steht sie für ein bemerkenswertes Phänomen – das Ende einer Ära sinkender Nahrungsmittelpreise. Diese sind seit dem Jahr 1974 real um gut drei Viertel gesunken. Tempi passati: Trotz der grössten Getreideernte aller Zeiten – rund 1700 Mio. Tonnen – sind 2007 die Preise der meisten Agrarrohstoffe (Weizen, Mais, Sojabohnen, Baumwolle, Kaffee und Kakao) drastisch gestiegen und haben Rekordniveaus erreicht.
Mehr Geld zur Verfügung
Die bedeutendsten Verursacher der jüngsten Preisavancen sind steigende Einkommen in den Schwellenländern. 80% der Erdbevölkerung verfügen über ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von unter 5000 $. In dieser Einkommensklasse zeigen sich die grössten Zuwächse an Fleisch- und Fischproteinkonsum. Um diesen zu befriedigen, ist eine ungleich grössere Menge an Getreide als Futtermittel nötig. Allein in China werden bis 2025 schätzungsweise 500 Mio. Menschen in die Mittelschicht aufsteigen und damit für eine immense Nachfrage sorgen.
Preisfeuerwerk durch Ethanol
Die massive Verteuerung landwirtschaftlicher Rohstoffe im vergangenen Jahr resultiert auch aus der stark gestiegenen Produktion von alternativen Treibstoffen. Insbesondere die Subventionierung von Ethanol in den USA fällt dabei ins Gewicht.
Die Menge an Mais, die zur Herstellung von Ethanol verwendet wird, hat sich in den vergangenen acht Jahren versechsfacht. Dies ist umso bedeutender, als die USA der grösste Maisexporteur der Welt sind. Gleichzeitig lässt die Verknappung der Anbauflächen für andere Getreidesorten deren Preise steigen. Zusätzlich preistreibend wirken die im Zuge der Urbanisierung weiter schwindenden Ackerflächen. Allein in China wurde in den letzten zehn Jahren zweimal die Fläche der Schweiz verbaut.
Als Alternative bleibt die Steigerung der Produktion, beispielsweise durch den Einsatz von genetisch verändertem Saatgut. Aber auch dies ist – nicht zuletzt aufgrund der kritischen Einstellung vieler Konsumenten – noch Zukunftsmusik.
Jahrzehnt der Agrarprodukte
Neben den genannten Faktoren dürften auch die Klimaerwärmung und steigende Erdölpreise anhaltend hohe Preise bei den Agrarprodukten verursachen. Zahlreiche Fachleute rechnen denn auch mit einem Jahrzehnt steigender Nahrungsmittelpreise. Diese Prognose wird durch historische Muster gestützt, folgte doch in den vergangenen etwa zweihundert Jahren auf den Anstieg des Ölpreises und die Verteuerung der Metalle jeweils auch ein Preisschub bei den Agrarrohstoffen.
Die ganze Wertschöpfungskette
Vom Agri-Boom profitiert die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette, vom Landwirt über den Düngemittelhersteller bis zum Anbieter von Landmaschinen, Bewässerungssystemen oder Ernteausfallversicherungen. Sie alle profitieren direkt oder indirekt von der Renaissance des ersten Sektors, was auch für Anleger gute Ernteaussichten erwarten lässt.
Fabio Duma, Investment Center der St. Galler Kantonalbank
Der Agrarboom hat gerade erst begonnen - Investmentchance Agrarboom (Teil 1)
Von Heiko Böhmer
(15.01.08) - Die Rohstoffpreise wurden in den vergangenen Jahren vor allem von der stark gestiegenen Nachfrage aus China und Indien angetrieben. Das hat sich bislang schon sehr stark auf das Preisniveau bei den Energierohstoffen und auch bei den Industriemetallen ausgewirkt. Doch auf Sicht der nächsten Jahre ist auch bei den Agrarrohstoffen, parallel zum steigenden Wohlstand, mit einer größeren Nachfrage aus den Emerging Markets zu rechnen. Zusätzlich sorgt noch die Fantasie durch das dynamische Wachstum im Bereich der regenerativen Energien für weitere Impulse. Schon heute werden Rohstoffe wie Mais, Weizen und Zucker zur Herstellung von Biokraftstoffen verwendet.
Die massiv erhöhte Nachfrage und das nur begrenzt steigende Angebot werden weiterhin die Basis für höhere Preise bilden. Insgesamt erhöht zudem die Beimischung von Rohstoffen Ihre Renditechance und gleichzeitig sinkt durch die verbesserte Diversifikation das Risiko in Ihrem Gesamtdepot. Dies hat sich als Ergebnis aus verschiedenen Studien ergeben.
Aber bei so vielen Chancen gibt es natürlich auch Risiken. So sind durch den hohen Anteil spekulativen Kapitals die Rohstoffmärkte insgesamt deutlich volatiler als die Aktienmärkte. Außerdem gibt es im Agrarsektor nur sehr wenige Aktien von Produzenten. Daher müssen Sie bei Investments den Umweg über Saatguthersteller oder Produzenten von landwirtschaftlichen Geräten gehen oder sogar direkt auf die einzelnen Rohstoffe setzen. In der aktuellen Serie „Investmentchance Agrarboom“ werde ich Ihnen hier in vier Teilen diesen Sektor ausführlich vorstellen und auch zahlreiche Investmentmöglichkeiten präsentieren.
Doch zunächst geht es heute vornehmlich um die Preisbildung von Agrarrohstoffen – ein Faktor, der für den Anlageerfolg sehr wichtig ist.
2007 - der Beginn der Preissteigerungen
2007 hat es schon massive Preissteigerungen bei den Agrargütern gegeben und als Verbraucher ist Ihnen sicherlich noch der Preissprung bei Milch oder auch bei Butter in guter Erinnerung. Für die nächsten Jahre ist jedoch durch die weiter rasant steigende Nachfrage und das kaum Schritt haltende Angebot mit weiteren Preissprüngen zu rechnen. Davon können sie nicht als Konsument, aber als Anleger profitieren.
Doch bevor es hier zur Vorstellung der jeweils wichtigsten drei Getreidesorten und Soft Commodities kommt, möchte ich Ihnen noch einige Anmerkungen zur Preisbildung bei dieser speziellen Anlageklasse geben, denn der Mais- oder auch der Kaffeemarkt funktioniert nun einmal komplett anders als Aktien oder auch Rentenpapiere und somit wirken auch ganz andere Faktoren bei der Preisbildung mit ein.
Diese Faktoren treiben die Preise von Getreide und Soft Commodities
Für die Fundamentalanalyse der Getreidemärkte ist die Versorgungslage entscheidend. Deutet die Prognose für das Erntejahr zu niedrige Vorräte an, werden die Preise tendenziell steigen. Wenn die Vorräte zu hoch sind, werden die Preise wohl sinken, da der Verkauf durch Farmer die Nachfrage übersteigt. Während der Anbauzeit gibt das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) den wöchentlichen Bericht „Crop Progress“ heraus, der den Zustand des angebauten Getreides beschreibt. Dies ist einer der wichtigsten Faktoren auf der Produktionsseite.
Faktor Regierungspolitik:
Landwirtschaftsprogramme der Regierung können die Flächen für den allgemeinen Anbau oder den Anbau einer bestimmten Getreidesorte ausdehnen oder einschränken. Subventionsprogramme können wiederum das Angebot vom Markt abziehen und Programme für die Exportförderung können naturgemäß den Export ankurbeln.
Faktor Wetter:
Kein anderer Faktor kann sich so stark auf die Getreidepreise auswirken, bei dem Dürreperioden und Überschwemmungen den ganzen Markt bewegen. Vor allem machen sich bei diesem Faktor die Emotionen der Anleger am stärksten bemerkbar. Im Frühjahr ist in den meisten Ländern der nördlichen Erdhalbkugel die Zeit der Aussaat. Das gilt für Sojabohnen, Getreide und Frühjahrsweizen. Im Sommer wächst das Getreide dann heran und im Herbst wird geerntet. Während des nordamerikanischen Winters finden dann die Aussaat und das Heranwachsen in Südamerika statt. Im Frühling wird dort die Ernte eingebracht. Nun kann eine Ernte bei feuchten Wetterverhältnissen zu Zeitverzögerungen führen und die Erträge dezimieren. Während der wichtigen Pflanzzeit und der Ernte gibt das USDA jeden Mittwoch nach Börsenschluss ein Wetter-Bulletin heraus, das oft eine immense Wirkung auf den Markt hat.
Faktor Saisonabhängigkeit:
Unabhängig von anderen Faktoren weisen speziell die verschiedenen Getreidearten eine Saisonabhängigkeit auf. Allein auf diesen Faktor eine Anlageentscheidung zu treffen, ist jedoch sehr gefährlich. Dennoch lassen sich für die einzelnen Getreidearten Perioden mit eher hohen und eher niedrigen Preisen ausmachen. Sojabohnen und Mais erreichen in der Regel in der Zeit von Mai bis Juli ihren Höchststand. Das ist die Zeit, in der das Wetter für die spätere Ernte eine ganz besonders wichtige Rolle spielt. Während der Ernte, zwischen Oktober und Dezember, geben die Preise eher nach.
Heiko Böhmer, Chefredakteur „Privatfinanz-Letter“