Richard Ebert
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Bauern ernten nur noch rote Zahlen / Preise im freien Fall

Bauern ernten nur noch rote Zahlen - Preise im freien Fall

Von Sascha Schmierer und Gerhard Schertler

Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart (18.09.09) - Für die Bauern in der Region brechen schwere Zeiten an: Für Braugerste und Brotweizen werden nur noch Dumpingpreise bezahlt, der Milchpreis befindet sich im freien Fall. Derzeit schreiben die Erzeuger bei fast allen landwirtschaftlichen Produkten nur noch rote Zahlen.

Eigentlich müssten die Bauern zufrieden sein. Die Ernte ist so gut wie eingebracht und fällt ordentlich aus. Trotz der Wetterkapriolen im Frühsommer ist auf den Feldern gute Qualität gewachsen. Auch die Erntemenge lässt kaum zu wünschen übrig - nach Rekorden vom Vorjahr hat der Mähdrescher beim Weizen erneut überdurchschnittliche Erträge vom Halm geholt.

Dass den Landwirten dennoch nicht zum Feiern zumute ist, liegt an der Vergütung: Die Preise für Agrarprodukte sind tief in den Keller gerutscht. Ob nun Obst oder Getreide, Milch oder Fleisch - bei fast jedem landwirtschaftlichen Erzeugnis ist derzeit vom historischen Preisverfall die Rede. Wegen hoher Spritpreise, gestiegener Kosten fürs Saatgut und explosionsartig in die Höhe geschossener Preise für Düngemittel decken die Erlöse kaum noch die Kosten. "Die Situation in den Betrieben ist sehr angespannt", heißt es beim Bauernverband.

Dumping-Preise bei der Milch:

Wer Kühe hat, hat Sorgen: Durchs Überangebot auf dem europäischen Markt fällt es Molkereien und Supermarktketten leicht, die Preise zu drücken. 43 Cent bräuchte ein Bauer pro Liter, um mit seinem Vieh im Stall etwas zu verdienen. 35 Cent wären nötig, um wenigstens kostendeckend zu arbeiten. Durch den Sinkflug der Milchpreise erhalten Landwirte derzeit aber gerade mal 24 Cent. "Für das Geld kann ich meine Milch auch gleich wegkippen", sagt Jochen Daub aus Untermberg bei Bietigheim - und leert die frische Milch seiner 40 Kühe gleich nach dem Melken in die Güllegrube. Durch die Protestaktion spart sich der Landwirt wenigstens den Strom für die Kühlung - auch wenn dem 35-jährigen Jungbauern jeden Tag das Herz blutet. Heute wollen erboste Bauern aus dem Kreis Ludwigsburg ihre Milch in Jauchefässer pumpen und medienwirksam auf den Feldern ausbringen. "Bei dem Preisniveau kann man nicht lange produzieren", weiß Eberhard Zucker, Bauernchef im Kreis Ludwigsburg, um die Lage der Kollegen.

Rekord-Tief beim Getreide:

Ein schlechter Milchpreis konnte in früheren Jahren mit Erträgen aus dem Ackerbau ausgeglichen werden. Mittlerweile aber ist auch das Korn fürs tägliche Brot nur ein Verlustgeschäft. Der Preis für Braugerste ist um 45 Prozent eingebrochen, für Brotweizen wird mehr als ein Drittel weniger bezahlt. Den Bauern nützt es deshalb nichts, dass die Erntemenge mit 49,9 Millionen Tonnen Getreide bundesweit um immerhin acht Prozent über dem langjährigen Durchschnitt liegt. "Die Preisrückgänge bringen Ackerbauern um den verdienten Lohn ihrer Arbeit", hat Bauernpräsident Gerd Sonnleitner bei seiner Erntebilanz erklärt - und darauf hingewiesen, dass der Anstieg der Kosten für Energie, Düngemittel und Saatgut längst existenzgefährdende Dimensionen erreicht hat. Für einen Doppelzentner Weizen in A-Qualität - das sind immerhin 100 Kilogramm bestes Korn - werden gerade noch 8,70 Euro gezahlt. Bei der wegen lukrativer Preise einst beliebten Braugerste gibt es ebenfalls nur noch 10,50 Euro pro Dezitonne. Bei diesen Beträgen spannen die Bauern im März die Rösslein nur noch aus Traditionspflege an.

Preisverfall beim Mais:

Wer meint, dass die Bauern einfach nur aufs falsche Pferd gesetzt haben könnten, liegt falsch. Auch bei anderen Feldfrüchten sind die Preise dramatisch eingebrochen. Weil der Marktwert an den Getreidepreis gekoppelt ist, erhalten die Bauern auch für einen Doppelzentner Mais nur noch zehn Euro. Vor drei Jahren waren 100 Kilo Mais noch 26 Euro wert. "Die Bauern säen aus und hoffen, dass die Durststrecke endet", erklärte Albrecht Scholpp vom Landratsamt in Ludwigsburg jüngst. Vielleicht lässt's mancher aber ganz bleiben: Mitte 2010 soll eine EU-Verordnung kommen, die auf vielen Feldern wegen Erosionsgefahr durch Erdabschwemmung das Pflügen verbietet. Dann müssten neue Maschinen und Pflanzenschutzmittel angeschafft werden. Wer kann sich's leisten?

Tristesse bei Zuckerrüben:

Als 2006 die neue EU-Marktordnung für den Rübenanbau in Kraft trat, warnten Experten eindringlich. Jetzt hat die Abschaffung der Einfuhrzölle für Zucker aus Übersee ihre Wirkung gezeigt - landesweit ist die Zahl der Zuckerrüben-Produzenten von 4800 auf 2900 gesunken, allein in den vergangenen zwei Jahren warf jeder zehnte Bauer das Handtuch.

Keine Chance mit Bio-Sprit:

Auf verlässliche Vorgaben zum Thema Ethanol warten die Bauern hingegen sehnsüchtig. Weil es für Industrierüben pro Tonne nur 2,50 Euro als Zuschuss gibt, ist Bio-Sprit nicht attraktiv. Der Marktpreis stimmt nicht, weil in der Branche durch den Zickzackkurs große Unsicherheit herrscht. Deshalb ist auch mit dem Raps derzeit keine Kasse zu machen.

Krautpreis unter Druck:

Auf den Fildern wird in Qualität und Menge eine durchschnittliche bis gute Ernte erwartet. Für Sauerkraut wird hier noch auf 60 Hektar Fläche angebaut. Für Rundköpfe erzielen die Landwirte in diesem Jahr sechs Euro pro Doppelzentner, für den Spitzkopf gibt es 7,55 Euro - ein Durchschnittswert. Unter Druck geraten ist dagegen der Preis für frische Krautköpfe, die mittlerweile rund um den Flughafen auf 300 Hektar wachsen. Der Preis von zehn Euro pro Doppelzentner liegt um 40 Prozent unter dem des Vorjahrs.

Kaum Geld für Obst und Wein:

Bei Äpfeln mussten die Bauern erst im vergangenen Jahr erleben, wie sich eine Rekordernte auswirkt - mit einem massiven Preisverfall. Beim Wein werden gute Qualität und leicht sinkende Mengen erwartet. Das passt ins Bild: Schließlich sank auch der Weinverkauf - bei der Bottwartalkellerei in diesem Jahr beispielsweise um fast zehn Prozent.

(Quelle: http://content.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/2201429_0_9223_-preise-im-freien-fall-bauern-ernten-nur-noch-rote-zahlen.html)

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