Braugerste: Leergeräumte Lager und Spitzenpreise
Braugerste lockt mit Spitzenpreisen
von Carola Böse-Fischer
Hannoversche Allgemeine Zeitung, HAZ (30.01.08) - Nur noch ein Nischendasein fristete die Braugerste in den vergangenen Jahren in Niedersachsen. Jetzt wollen die Bauern wieder mehr von der Ackerfrucht anbauen, aus der das Malz zur Herstellung von Bier gewonnen wird, wie Hans-Jürgen Seele, Vorsitzender Arbeitgemeinschaft zur Förderung des Niedersächsischen Braugerstenanbaus sagt.
Gestern trafen sich Landwirte, Erfassungshandel wie Genossenschaften und Landhandel sowie Mälzer auf der jährlichen Landesbraugerstenschau in Wittingen.
Rund 20.000 Hektar werden laut Seele in diesem Jahr mit Braugerste bestellt, gut 5.000 Hektar mehr als in der vorigen Saison, als die niedersächsischen Landwirte nur noch eine Ernte von 70.000 Tonnen einfuhren. Zum Vergleich: Im Rekordjahr 1999 wurden auf einer Anbaufläche von rund 45.000 Hektar 250.000 Tonnen Braugerste geerntet.
Trotzdem ist Seele zuversichtlich: „Wir kommen aus der Nische heraus.“ Grund für seinen Optimismus sind die wegen der weltweit starken Nachfrage gestiegenen Preise für Agrarprodukte und besonders für die Braugerste, die derzeit noch aus der letztjährigen Ernte stammt. Sie werde mit über 300 Euro je Tonne gehandelt, sagt der Landwirt. Verglichen mit den Preisen zur Ernte 2007 ist dies eine Verdoppelung. Dieses Spitzenniveau hatten die Weizenpreise zwischenzeitlich im vergangenen Sommer erreicht, zurzeit pendeln sie um 250 Euro pro Tonne. „Im Wettbewerb der Ackerfrüchte untereinander hat Braugerste die Nase vorn“, erklärt Seele. Weil sie deutlich höhere Erlöse bringe, bauten die Landwirte in diesem Jahr vor allem weniger Zuckerrüben und Kartoffeln an.
Weltweit sind die Lager leergeräumt. Der Rohstoff sei knapp, so Seele. In Europa fehle eine Million Tonnen Braugerste. Dies macht den Bierbrauern zu schaffen: Neben steigenden Energie- und Logistikkosten haben sich von 2006 auf 2007 die Ausgaben der Branche allein für Braugerste von 432 Millionen Euro auf 918 Millionen Euro mehr als verdoppelt, wie der Deutsche Brauer-Bund berichtet. Teilweise sei Bier bereits teurer geworden. Zum 1. März hat Marktführer Radeberger eine Preiserhöhung von bis zu einem Euro pro Kasten mit 20 Flaschen à 0,5 Liter angekündigt.
Deshalb drängen Bierhersteller und Mälzereien die Landwirte, die Erzeugung von Braugerste zu erhöhen. Das heimische Produkt habe eine gute Qualität, heißt es beim Brauer-Bund. Die Wege zum Verarbeiter seien kurz, mithin die Transportkosten niedrig. Ein größerer Anbau der Spezialkultur könnte zudem die Abhängigkeit von Importen vor allem aus Dänemark und Frankreich mindern. Den Bedarf der Mälzereien in Norddeutschland schätzt Seele auf rund 400.000 Tonnen jährlich.
Anders als früher wollen Brauereien und Mälzereien laut Seele in diesem Jahr mehr Vorverträge mit den Braugerstenanbauern abschließen, um sich feste Mengen und Preise zu sichern. Gestern boten sie den Landwirten 260 Euro je Tonne für die Ernte 2008 – ein Angebot, das akzeptabel sei, meint Seele. Er empfiehlt, sich diesen Preis für 30 bis 40 Prozent der Ernte zu sichern und die übrigen Mengen variabel anzubieten. Denn niemand wisse, wie groß die Ernte im Sommer tatsächlich ausfalle und wie sich die Preise entwickelten.
(Quelle: http://www.haz.de/newsroom/wirtschaft/art2612,398477)