Der Schweinezyklus: Im letzten Jahr ganz schön Geld gebracht
Der Schweinezyklus
Von Marie Asmussen
Inforadio RBB (02.10.07) - Lehrer gibt es mal zu viel und mal zu wenig. Das gleiche gilt für Ingenieure. Hersteller von Spielkonsolen klagen alle fünf Jahre über schlechten Absatz, und auch bei Computerchips brechen die Preise in ziemlich regelmäßig Abständen ein. Was das mit Schweinen zu tun hat? Gar nichts, aber mit dem Schweinezyklus. Der steht - seit den 1920-er Jahren schon - als Methapher für schwankende Angebotsmengen und infolgedessen schwankende Preise. Prof. Alfred Steinherr, Leiter der Konjunkturabteilung beim DIW, dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, erklärt das Grundmuster.
"Wenn ich viele Anbieter habe und alle machen das Gleiche und halten mehr Schweine, dann in einem Jahr eben wesentlich mehr Schweine auf den Markt und dann sinken die Preise, weil natürlich die Nachfrage sich in einem Jahr nicht unbedingt verdoppelt. Aber die Schweinehaltung hat sich in einem Jahr verdoppelt. So entsteht der Zyklus."
Und der funktioniert ähnlich beim Lehrer- oder Ingenieursnachwuchs und in der Industrie bei der Produktion von Spielkonsolen oder Computerchips.
Aber zurück zu den Schweinen. Die haben den Landwirten in den letzten zwei Jahren etwa ganz schön Geld gebracht. Vor allem im vergangenen Sommer, da passte alles zusammen: Fußball-WM, jede Menge wurstessende Touristen, wochenlang Grillwetter und einfach appetitanregend gute Stimmung im Land. Daraufhin haben Landwirte in neue Stallplätze investiert mit der Folge, dass 2007 bisher schon acht Prozent mehr Schweine geschlachtet wurden als im Vorjahr.
Die Preise dagegen sind um zehn Prozent runter gegangen. Das ist für die Bauern nicht schön, entspricht aber den Regeln des Schweinezyklus. Dramatisch wird die Situation aber durch einen anderen Faktor, sagt Matthias Kohlmüller von der ZMP, der zentralen Markt- und Preisberichtstelle für Agrarprodukte:
"Futtergetreide kostet zur Zeit doppelt so viel wie im Vorjahr und bei den Schweinehaltern sind die Probleme am größten in der Sauenhaltung, weil die Sauenhalter mit der Ferkelerzeugung das letzte Glied in der Wertschöpfungskette darstellen und höhere Kosten nur schwer weiterreichen können."
Wer Sauen hält, also Schweine züchtet, der legt sich längerfristig fest als jemand, der Schweine mästet. Mastschweine sind nach wenigen Monaten reif zum schlachten. Und dann überlegen es sich die Bauern im Moment gut, ob sie wieder Ferkel kaufen. Viele, die gleichzeitig Ackerbau betreiben, entscheiden sich dagegen und verkaufen ihr Getreide lieber direkt statt damit Schweine zu füttern, für deren Fleisch sie am Ende nur wenig kriegen.
Ferkel werden inzwischen für gerade mal dreissig Euro verkauft. Jedes Tier hat den Erzeuger aber mehr als das doppelte gekostet, nämlich fünfundsechzig Euro, sagt Matthias Kohlmüller von der ZMP. Aber auch wenn nun, den Zyklusregeln entsprechend, erstmal weniger Schweine gemästet werden und in Folge weniger Fleisch auf den Markt kommt, die Verbraucher kriegen das kaum zu spüren:
"Wir stehen nicht davor, dass Schweinefleisch knapp wird. Wir haben zur Zeit einen sehr reichlich versorgten Fleischmarkt, und da ist es sehr schwer, höhere Preise durchzusetzen."
Die Einnahmen werden also nicht steigen, ebensowenig ist ein Sinken der Futterpreise in Sicht. Denn Getreide ist durch schlechte Ernten und große Nachfrage nach Rohstoffen für Bioenergie plötzlich knapp geworden. So knapp, dass die EU jetzt sogar das Beackern stillgelegter Flächen erlaubt. Ob das den Schweinebauern hilft ist ungewiss. Wahrscheinlich wird sich das Züchten und Mästen erst wieder lohnen, wenn ein Teil der Betriebe aufgegeben hat. Und dann beginnt ein neuer Schweinezyklus.
(Quelle: http://www.inforadio.de/static/dyn2sta_article/086/210086_article.shtml)