Kartoffeln: Chance für die Welternährung
Spurensuche in den Anden - Kartoffelanbau als Chance für die Welternährung
Von Christopher Gerisch, Bärbel Scheele
ZDF.de (25.08.10) - Die einheimischen Völker der Anden haben schon vor 8000 Jahren zahlreiche Kartoffelsorten kultiviert. Dort wird die Kartoffel auch heute noch verehrt - wie sonst nirgendwo auf der Welt. Die Artenvielfalt ist im Hochland erhalten geblieben. Inzwischen werden Kartoffeln weltweit angebaut. Die uralte Kulturpflanze aus Peru könnte auch in Asien und Afrika eine Lösung gegen Hungersnöte auf der Welt sein.
Die Heimat der Kartoffel liegt in den südamerikanischen Anden. Ursprünglich wurden die ersten Kartoffeln in der Region um den Titicacasee angebaut. Bei archäologischen Ausgrabungen kamen Kultgefäße ans Licht, die die Verehrung der vielseitigen Knolle beweisen. Nach einer Legende war die Kartoffel ein Geschenk der Götter, um die Menschen vor dem Hungertod zu bewahren.
"Pago a la Pachamama"
Die religiösen Feste der Inkas stimmen bis heute mit den Pflanz- und Erntetermine der Kartoffel überein. Die Schamanen, die auch Medizinmänner und Zauberer sind, führen die alten Rituale durch. Eine besondere Rolle spielt Pachamama, die als weibliche Gottheit und personifizierte Mutter Erde verehrt wird, und allen Kreaturen das Leben schenkt. Der gesamte Alltag, Arbeit und Feste sind darauf abgestimmt. Die Rituale sind allgegenwärtig, so wird auch bei privaten Festen der erste Schluck auf den Boden gegossen, als Opfer an Pachamama.
Es käme keinem Bauer aus den Anden in den Sinn, ohne Segen des Schamanen mit der Ernte oder der Aussaat zu beginnen. Jedes Jahr im August findet die Zeremonie "Pago a la Pachamama" (Bezahlung an "Pachamama") statt. In Peru geht dann die kalte Jahreszeit zu Ende, und die neue Pflanzzeit beginnt. Als Opfergaben dienen Früchte, Kokablätter, Samen oder bunte Perlen.
Kartoffelzüchtung und Sortenvielfalt
Auf 4500 Metern Höhe liegt der wahre Schatz der Inkas: der Kartoffelpark bei Cusco. Sechs Quechua-Gemeinden bewirtschaften diese Felder mit unzähligen Kartoffelsorten. Denn die Indios haben hier die ganze heimische Artenvielfalt erhalten.
Vermutlich rund 3000 verschiedene Sorten pflanzen die Bauern in den Anden an. Auf jedem einzelnen Acker können es bis zu hundert verschiedene Knollengewächse sein. Der Kartoffeltechniker Ricardo Paccu berät die Kleinbauern und hilft ihnen, von der Aussaat bis zur Ernte die Felder optimal zu bewirtschaften.
Ricardo Paccu: "Hätten wir nur eine Kartoffelsorte gesät, würde bei einer Krankheit der gesamte Bestand vernichtet. Viele Sorten sind daher gut für unsere Landwirte und auch für die Vielseitigkeit unserer Speisen. Wenn du aber nur eine Sorte säst, wächst auch nur eine. Pflanzt man verschiedene Sorten, wird es immer eine Kartoffelpflanze geben, die resistent ist gegen eine der Krankheiten oder Einflüsse des Klimawandels."
Die Kartoffel ist für die Menschen der Anden mehr als nur ein Nahrungsmittel. Sie ist der kulturelle Mittelpunkt. Im Andenstaat ist das Nachtschattengewächs nicht nur die Hauptnahrungsquelle, sondern auch Heilmittel gegen Krebs oder andere schwere Krankheiten. Bis heute ist sie fest im religiösen und kulturellen Leben der Indios verankert. Die "lunchuy waqachi" ist eine besonders knorrige Kartoffel. Übersetzt heißt sie: "Lasst die Schwiegertochter weinen". Damit haben früher die Schwiegermütter ihre zukünftigen Schwiegertöchter getestet. Der Braut wurde die höckrige Kartoffel zum Schälen gegeben. Hat sie ihre Aufgabe gemeistert, war sie als Schwiegertochter akzeptiert.
Kartoffelmarkt von Lima
Bis auf den Kartoffelmarkt von Lima, dem größten Perus, hat es die Schwiegertochter-Kartoffel allerdings nicht geschafft. Auch in Südamerika ist die genormte Industriekartoffel auf dem Vormarsch und verdrängt so die Kartoffelvielfalt auf dem Speiseplan der Großstädter.
Uralte Konservierungsmethode
Um in Notzeiten nicht zu hungern, wird ein Teil der geernteten Kartoffeln haltbar gemacht. Schon bei den Inkas gab es Techniken, sie zu konservieren. Bis heute ist die uralte Methode bei den Quechua-Indianern üblich. Es ist eine Art Gefriertrocknung. Bei der Verarbeitung werden die meisten Bitterstoffe entzogen. Der Wechsel von Nachtfrost und Sonnenbestrahlung in den Anden kommt ihnen dabei zugute. Durch das wiederholte Einfrieren, Auftauen und Einstampfen verliert die Kartoffel jegliches Wasser. Schritt für Schritt wird es vorsichtig herausgepresst.
Chuños nennen sie die so gewonnenen Dörrkartoffeln. Sie sind steinhart, aber besitzen noch alle wesentlichen Nährstoffe. Auf diese Weise sind sie bis zu sieben Jahre haltbar. Bei schlechten Ernten sind sie stille Reserve und verhindern Hungersnöte. Die Soldaten der Inkas hatten getrocknete Kartoffeln als Marschverpflegung.
Globale Hungerbekämpfung
Die Menschen in den Anden haben gelernt, die Kartoffel vielfältig nutzen. Die weltweite Verbreitung der Knolle ging von Peru aus. Im 16. Jahrhundert gelangte sie nach Europa, später nach Afrika und Asien bis nach Grönland. 325 Millionen Tonnen werden mittlerweile pro Jahr weltweit geerntet. Die Kartoffel ist nicht nur ein gesundes Nahrungsmittel. Die Kartoffelstärke wird auch in der Papier-, Textil- und Kunststoffindustrie eingesetzt als Klebstoff, Farbzusatz und Kunststoff.
In der Ernährung der Weltbevölkerung spielt die Kartoffel eine immer wichtigere Rolle. Sie enthält doppelt soviel Eiweiß wie Weizen. Als Grundnahrungsmittel erreicht die Knolle mittlerweile nach Reis und Weizen, Platz drei. Kartoffeln sind exzellente Energiespender, voller Kohlenhydrate, Proteine und Vitamin C: alles Vorteile, die der globalen Hungerbekämpfung neue Perspektiven eröffnen. Die Kartoffel könnte im weltweiten Kampf gegen den Hunger eine wichtige Alternative sein.
(Quelle: http://abenteuerwissen.zdf.de/ZDFde/inhalt/4/0,1872,8104452,00.html?dr=1)