Kartoffeln: Was war da am Terminmarkt los ?
Am 23. Februar dieses Jahres kam es im meistgehandelten Eurex Agrarkontrakt innerhalb von weniger als 1 Minute zu einem Kurseinbruch der April Kartoffeln um 1,80 Euro oder knapp 8 Prozent, bei einem Umsatz von 61 Kontrakten.
Minuten später war der ganze Spuk vorbei und die Kurse pendelten sich auf den alten Niveau wieder ein.
Was ist da passiert ?
Unsere Abbildung aus den Echtzeitkursen der Eurex (Klick auf den Monat "April 2011") zeigt links den Tagesverlauf in der Zeit von 10:53 bis 10:57 Uhr, rechts den Kursverlauf des Tages von 12.30 Uhr bis 16 Uhr mit 5 Minuten Kursbalken und in der Mitte das ganztägig bei jeder Änderung aktualisierte Orderbuch der Börse mit den höchsten offenen Kaufaufträgen und tiefsten Verkaufangeboten zum Ende der Börsenzeit.
Um 10:56:05 wurde ein "market" Verkaufsorder 28 Kontakte gegeben, der Teilnehmer wollte sofort zu jedem Preis verkaufen. So könnte es gewesen sein.
Es könnte aber auch gewesen sein, dass er sich bei der Ordereingabe in der Stückzahl geirrt hat und nur 1 Kontrakt verkaufen wollte oder dass er vergessen hat ein vernünftiges Verkauflimit einzugeben.
Auch die Auslösung von Stopp-Orders, die bei Unterschreitung bestimmter Kurse wirksam werden und zu "bestens"-Orders werden (Ausführung zu jedem Kurs, gleichgültig wie tief) ist denkbar. Erst ab einer bestimmten Kursschwankung greift danach die Volatilitäsunterbrechung der Eurex (siehe unten).
Schließlich kann es möglich sein, daß ein Eurex Händler seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und zwangsweise "liquidiert" wurde. Am gleichen Tag wurden durch die Nord-LB die Einschüsse für Kartoffeln um 78 % von 396 auf 706 Euro je Kontrakt erhöht, während die Saxobank erst am 02.03.11 von 328 auf 490 Euro erhöhte.
Wir wissen nicht exakt, was wirklich lief, wie viele Kunden in diesen Sekunden am Markt beteiligt waren und welche Aufträge sie gegeben haben. Aber wir wissen, was an Märkten alles laufen kann und wie wir uns in sinnvoller Weise verhalten können, um Kapitalverluste in Grenzen zu halten und weitgehend zu vermeiden.
In der gleichen Sekunde reagierte die Eurex mit einer Volatilitätsunterbrechnung, was bedeutet, dass der Handel kurzfristig unterbrochen wird, um einen Lawineneffekt fallender Kurse zu verhindern. Dabei werden Geld- und Briefkurse mit Null angezeigt.
Um 10:56:43 Uhr wurden weitere 32 Kontrakte mit einem weiteren Kursrückgang um 70 Cent auf 23,40 Euro gehandelt. Ich vermute, diese stammen noch aus der vorhergehenden Order und wurden während der Volalitätsunterbrechnung nicht aus dem Orderbuch genommen.
Um 10:57:04 kam es zu einem weiteren Verkauf, nochmal 30 Cent niedriger bei 23,10 Euro - möglicherweise ein Auftrag eines Kleinkunden, der seinen Kontrakt voller Panik "gegeben" hat.
Nur 13 Sekunden später war der ganze Spuk vorbei und Kartoffeln wurden wieder mit 24,10 Euro gesucht um sich wenige Minuten später bei 24,80 Euro auf den alten Niveau einzupendeln.
Was lernen wir daraus ?
Wer an Terminmärkten handelt, bei denen es keine riesigen Umsätze gibt, sollte vor der Ordererteilung den Markt beobachten (http://www.rmx-forum.de), dort die Realtimekurse von 09.55 bis 18:30 Uhr nutzen und sich das sekündliche Orderbuch vor Auftragserteilung genau ansehen. Im Orderbuch ist vor Auftragserteilung sichtbar, zu welchen Kursen welche Stückzahl von Kontrakten in dieser Sekunde bei Ordererteilung ausgeführt würden. Keinesfalls dürfen unlimitierte Aufträge erteilt werden.
Wer noch Fragen hat oder die Sachlage anders sieht, darf sich gerne melden.
Schöne Grüsse, Richard Ebert
Vielen Dank für die sehr klare Beschreibung.
Es lohnt sich daher auch manchmal, einfach extrem niedrige Kurse als Kaufidee rein zu stellen.
@ Ackerspezi [#2]
Gerne geschehen. Die Mechanismen betreffen nicht nur den Kartoffel Terminmarkt sondern alle Agrar Terminmärkte an der Eurex.
Extreme Kaufideen - bei Schweinen sind für mich 20 Cent über oder unter dem letzten Settlementpreis extrem - machen vielleicht wenig Sinn, aber 5 bis 10 Cent vom letzten Schlußkurs entfernt und einige Tage oder Wochen im Markt liegen lassen ist schon lukrativ. Ich habe dies selbst vielfach in entfernten Monaten durchgeführt. Die Eingabe von Aufträgen kostet ja in der Regel nichts.
Meinen Text oben habe ich um zwei Absätze erweitert - bitte bei Interesse nochmals lesen.
Schöne Grüsse, Richard Ebert