Saubauer
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Landwirtschaft: Finanzkatastrophe im Winter 2009/2010

Ich bin in mehreren Verbänden fachlich und sozial tätig. In den letzten Wochen waren einige treffen mit Vertretern der Banken und der Statl. Beratung. Alle reden von der bevorstehenden "Pleitewelle" in der Landwirtschaft und suchen schon nach Lösungsansätzen!

Viele Betriebe überschätzen ihre Finanzkraft und Investieren in Maschinen und Anlagen in Millionen von Eur ohne an die Rückzahlung der Darlehen zu denken.
Mann spricht von dem schwierigsten Winter für die LW seit 50 Jahren ?

Ist das nicht ein wenig übertrieben oder was meint Ihr ?

MfG Saubauer

Geschrieben von Saubauer am
bbw
Mitglied seit
12 Jahre 6 Monate

Sicherlich ist die Finanzsituation in vielen Betrieben nicht rosig.
Desatröse Milchpreise, zurückgekommene Getreide- und Rapspreise, Kartoffeln kosten auch nichts mehr und bei den ZR wird auch weniger verdient als in den letzten Jahren.

Trotzdem denke ich nicht, dass deutlich mehr landwirtschaftliche Betriebe in Konkurs gehen als in den letzten Jahren. Noch immer ist die EK - Versorgung deutlich höher als in vielen anderen Bereichen wie Autoindustrie und Handel.

Auch kann man kurzfristig sehr gut Kosten senken und wenn es nur die Eigenentnahmen sind, die gespart werden. Der wichtigste Faktor ist aber der Pachtmarkt. Hier liegt Potential, das gigantisch ist. Würde es deutschlandweit gelingen, den Pachtpreis nur um 100,-- € im Schnitt zu senken, dann würden die Gewinne der Betriebe um 1,7 Mrd € steigen.

Was mich nur immer wieder befremdet ist allerdings die Tatsache, dass die Pachtpreise nicht sinken sondern Jahr für Jahr steigen!!!!!!!!

Insofern kann es nicht so dramatisch sein. Und übrigens. Auch Kuhbetriebe beteiligen sich an den haussierenden Preisen. Wie gesagt, alles schwer nachzuvollziehen.

Geno-Bauer
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@ bbw [#2]
Zitat:Auch kann man kurzfristig sehr gut Kosten senken und wenn es nur die Eigenentnahmen sind, die gespart werden.
Ich denke, wir sind uns einig, dass Eigenentnahmen keine Kosten sind, sondern Konsumverzicht für die Familie bedeutet. Die allermeisten Betriebe im Osten (meistens in der Rechtsform einer Kapitalgesellschaft oder Genossenschaft) können so aber nicht wirtschaften, da sie ihre Leute bezahlen müssen. Ist es ihnen nicht möglich, müssen sie Insolvenz beantragen, kraft Gesetz. Deshalb ist hier auch mit einer größeren Pleitewelle zu rechnen. Im Westen wird man weitermachen mit der Selbstausbeutung. Wenn jeder Landwirt anhand seines Gewinnes vor Privatentnahme und seine geleisteten Arbeitsstunden mal seinen tatsächlichen Stundenlohn ermitteln würde, wären viele überrascht, dass ihr Stundlohn noch unter denen von Friseueren liegt. Im Osten werden Stundenlöhne zwischen 6 bis 8 Euro gezahlt, dazu kommen noch die Sozialabgaben.

Zitat:Was mich nur immer wieder befremdet ist allerdings die Tatsache, dass die Pachtpreise nicht sinken sondern Jahr für Jahr steigen!!!!!!!!

Insofern kann es nicht so dramatisch sein. Und übrigens. Auch Kuhbetriebe beteiligen sich an den haussierenden Preisen. Wie gesagt, alles schwer nachzuvollziehen.

Der Boden ist ein knappes Gut. Er ist nicht vermehrbar, im Gegenteil er nimmt durch ständige Baumaßnahmen weiter ab. Gut wirtschaftende Betriebe erzielen solche Gewinne, dass sie in der Lage sind, die steigenden Pachten zu bezahlen. Bei Kuhbetrieben ist dass auch nicht anders. Da gibt es welche mit max 3% Kälberverlusten, eine Repro-Rate von 20-Prozent und einer Herdenleistung von 13.000 Litern/Kuh, denen es zudem möglich ist überschüssige Färsen zu verkaufen, die die Milch eben zu 28 cent/kg produzieren können. Andere widerrum kommen selbst mit 36 cent/kg nicht über die Runden. Diese werden dann aber auch nicht beim Pachtpreispoker mitmachen können.

Solange durch die wachsende Weltbevölkerung der Bedarf an Nahrungsmittel weiter wächst, solange steigen auch die Pachtpreise. Darum stellt der Erwerb von Boden für viele außerlandwirtschaftliche Investoren eine lohnende Investition dar.

MfG
Geno-Bauer

wollewatz
Mitglied seit
12 Jahre 6 Monate

@ bbw [#2]

Meine Erklärung für diese auf den ersten Blick unlogische Entwicklung ist, dass in Zeiten in denen die Preise fallen und sich die Wirtschaftlichkeit vieler Betriebszweige verschlechtert die Landwirte dazu neigen die Flucht nach vorne anzutreten. Ein Betrieb, der in den letzten Jahren stark investiert hat und seine Leistungen gesteigert hat, kann nicht einfach so das Ruder rumwerfen, sondern er wird seinen Kurs halten und gerade jetzt seine Kapazitäten noch erweitern. Ein Beispiel dafür sind viele Sauenhalter, die zu der Zeit als Ferkel total billig waren die Entscheidung getroffen haben, einen Maststall zu bauen (wurde ja auch vielfach so beraten). Genauso kenne ich Milchviehhalter, die durch ihre Misere auf dem Milchmarkt auf die Idee gekommen sind in Biogas zu investieren. Besonders angeregt werden solche Entscheidungen immer dann, wenn die nächste Generation auf den Betrieb kommt und neues Betriebseinkommen generiert werden soll.

Auf jeden Fall haben alle diese Betriebe eins gemeinsam: sie brauchen Land! Und daher steigt natürlich auch der Pachtpreis, denn Kaufen kommt ja meistens in der Situation nicht in Frage, weil man sich dadurch die Kreditfähigkeit blockiert.

Was die Pachtpreise außerdem treibt, ist die höhere Mobilität in der Landwirtschaft. Auch wenn Transporte von Betriebsmitteln, Getreide und Gülle natürlich nicht billig sind, sind sie aber doch immer besser möglich geworden. Wer hat denn früher darüber nachgedacht in 30km Entfernung Land zu pachten? Heute ist so etwas machbar und erhöht natürlich die Konkurrenz um die Flächen, weil Pächter, die man früher nicht auf dem Plan gehabt hatte, plötzlich am Pachtmarkt auftreten.

Gruß,
wollewatz.

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