Milch: Bauern sollten keine Angst vor einem freien Markt haben
Die Lage der Milchbauern spitzt sich dramatisch zu
Wochenanzeiger Herford (24.06.09) - Der sinkende Milchpreis bereitet den Landwirten im Kreis Herford mehr und mehr Sorgen. „Wir Milchbauern stecken in der schlimmsten Krise der vergangenen Jahrzehnte“, erklärt der Kreisverbandsvorsitzende und Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) Wilhelm Brüggemeier in dem Informationsgespräch für Milcherzeuger. Wenn sich die Marktlage und die Rahmenbedingungen für die Milcherzeugung nicht schnell ändern, seien viele Berufskollegen ernsthaft in ihrer Existenz bedroht. Bei einem Preisniveau von rund 20 Cent pro Liter könne niemand mehr kostendeckend erzeugen, so der Vorsitzende am Dienstagabend in Schweicheln.
Grund für die Preismisere am Milchmarkt ist eine gesunkene Nachfrage. Der Absatzrückgang sei zum einen durch Kaufzurückhaltung der Verbraucher nach dem Preisanstieg im Sommer 2007 sowie dem Einbruch im Industriegeschäft verursacht, berichtet Brüggemeier. Zum anderen habe die Wirtschaftskrise dazu geführt, dass der globale Verbrauch stark abgenommen habe. Besonders in Ländern, in denen ein starker Verbrauchszuwachs verzeichnet werden konnte, wie z.B. in China, ist der Verzehr an höherwertigen Nahrungsmitteln wie Milch und Milchprodukten zurückgegangen. „Ebenso sind die Milchexporte nach Osteuropa zum Erliegen gekommen“, führt Brüggemeier aus. „Rubel und Zloty stehen im Vergleich zum Euro so schlecht, dass die deutschen Preise in Polen und Russland unbezahlbar sind.“ Eine weitere Ursache sei der Ersatz von Milch in der industriellen Verarbeitung wie bei Speiseeis, Brotaufstrichen oder den Käse-Imitaten (sogenannter Analogkäse). Außerdem habe die Politik durch die zusätzliche Freigabe von Milchlieferrechten auf europäischer Ebene ein völlig falsches Signal gesetzt.
Als skandalös bewerteten die Diskussionsteilnehmer die verheerenden Preisabschlüsse des Lebensmitteleinzelhandels und die Niedrigstangebote in den Verkaufsregalen. Marktbeherrschende Einzelhandelskonzerne nutzen ihre Verhandlungsmacht aus und verschlimmern die Situation der Bauern. „Wir appellieren an die Verantwortlichen, endlich die Abwärts-Preisspirale zu stoppen und nicht länger Arbeitsplätze auf den Höfen und in der Verarbeitung zu vernichten“, unterstreicht Brüggemeier. Ein wertvolles Nahrungsmittel wie die Milch dürfe nicht als Lockangebot verramscht werden. Es stünden die Qualität sowie die langfristige Verfügbarkeit der Nahrungsmittel auf dem Spiel. So steige bei einem Zusammenbruch der heimischen Milcherzeuger-Strukturen die Abhängigkeit vom Ausland, was das Preisniveau für die Verbraucher ansteigen lassen dürfte. „Danke, Lidl, Aldi und Co. – jetzt reicht’s! Die deutschen Bauern.“ - lautet daher der Appell der Landwirte an die Politik, Handelsketten und Verarbeiter der Ernährungsindustrie. Unter diesem Motto führten und führen Landwirte bundesweit Aktionen und Proteste wie in Berlin, Frankfurt oder Luxemburg durch.
Hinsichtlich des Auslaufens der Milchquote im Jahr 2015 sprach sich der Vorsitzende in der Sitzung für keine weitere Mengensteuerung aus. „Die Quote hat nie funktioniert und wird es auch weiterhin nicht können.“ Mit diesen Worten möchte Brüggemeier den Milchviehhaltern die Angst vor dem freien Markt nehmen. „Die Quote hat sich in den 25 Jahren weder positiv auf die Preisentwicklung und der Gewinnsituation unserer Höfe, noch mäßigend auf den Strukturwandel ausgewirkt“, ergänzt der Vorsitzende. „Trotz Quote haben wir keinen höheren Milchpreis.“ Zudem ist er überzeugt, dass sich eine Mengenbegrenzung über das Jahr 2015 hinaus nicht zugunsten der Landwirte entwickeln werde.
Die Milcherzeuger machten am Dienstagabend deutlich, dass die Schmerzgrenze der Milchbauern schon lange mehr als überschritten sei. Deshalb müssten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden. Die klaren Forderungen nach Kostenentlastung, Erhöhung der Wertschöpfung sowie die gezielte Absatzförderung müssten umgehend umgesetzt werden. Auch die Forderungen von Liquiditätshilfen wurde diskutiert. Brüggemeier fasste die Forderungen des Bauernverbandes zusammen:
- A wie den Absatz fördern und Märkte beleben! Es gilt Zusammenschlüsse von Molkereien zu fördern, Exporterstattungen mengenmäßig und preislich auszuweiten sowie Verarbeitungsbeihilfen zu zahlen. Zudem fordert der Berufsstand die eindeutige Kennzeichnung von Imitationen!
- B wie Belastungen und Kosten senken! Die Steuer auf Agrardiesel muss weiter sinken. Der Bauernverband fordert eine Senkung auf das Niveau des Steuersatzes in Frankreich (0,6 Cent/Liter).
- C wie Cash und Liquidität in den Betrieben sichern! Der Berufsstand fordert zum Beispiel die Möglichkeit der steuerfreien Rücklagenbildung, die Reduzierung von Steuervorauszahlungen und Stundungen.
(Quelle: http://www.wochenanzeiger-herford.de/Die-Lage-der-Milchbauern-spitzt-sich-dramatisch-zu-75868.html)
Hinweis: Möglicherweise werden künftig Milch Futures an der Eurex Terminbörse in Frankfurt gehandelt. Diese startet am 20.07.09 den Terminhandel auf Schweine, Ferkel und Kartoffeln.