Milch: Der Milchmarkt fährt gerade voll vor die Wand
Ende des Preisabsturzes ist nicht in Sicht
Schwäbische Zeitung, Tettnang / hil (08.01.09) - "Der Milchmarkt fährt gerade vor die Wand", so der Tannauer Milchwirt Klaus Gebhard. Nur kurz dauerte nach dem Milchstreik die Entspannung am Markt. Nachdem der Agrarausschuss des Bundesrats im Oktober die Forderungen des Bundesverbands Deutscher Milchviehalter abblockte, schnellten die Preise nach unten.
Die Molkereien zahlen derzeit zwischen 23 und 34 Cent pro Liter. "Ein absoluter Tiefstand", erklärt Gebhard. Und: "Die Entwicklung ist noch nicht am Ende." Der Grund für die ungehinderte Talfahrt ist, dass auch der Weltmarkt derzeit einbricht. Lag der Rohstoffwert von Milch Ende der 1990er noch bei etwa 30 Cent pro Kilo, ist er jetzt auf 17 Cent gesunken.
Gebhard ist sich sicher: "Ein Systemwechsel ist notwendig." Denn die Milchbauern seien als Erzeuger nicht am Marktgeschehen beteiligt. So wisse er etwa, wenn er die Milch liefere, noch nicht, wie viel er dafür bekomme. Die Molkereien zahlen immer erst im Folgemonat.
Mengensteuerung fehlt
Der Knackpunkt, so der Tannauer Milchwirt, liege in der fehlenden Mengensteuerung und der Abhängigkeit der Bauern von den Molkereien. Die Forderungen des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BdM) sei unter anderem gewesen, freiwilligen Lieferverzicht ausüben zu können. Die derzeitigen Mechanismen führten dazu, dass auf jeden Fall die maximal erlaubte Menge produziert würde.
"Der Milchmarkt ist durch das Überangebot ein Angebotsmarkt geworden", erklärt Gebhard. Die EU hat die Milchquote erhöht, was noch mehr Milch in ohnehin schon übervollen Tanks bedeute, Hersteller von Nahrungsmitteln hätten ihre Rezepturen geändert, kämen mit weniger Milch aus.
Gebhard: "Zugleich wird der Export von Milch gefördert, weil etwa hochrationalisierte, große Betriebe bei dem Preis nicht mehr kostendeckend arbeiten können." Konsequenz: "Die angespannten Märkte vor Ort werden damit zusätzlich belastet." In Entwicklungsländern schlage das voll durch. Dort seien Mini-Betriebe nicht selten, wo ein Bauer vielleicht zwei Kühe habe: "Die Menschen auf dem Land leiden nicht Hunger, weil Nahrung zu teuer wird, sondern weil sie nicht mehr von ihrer Arbeit leben können."
Nach dem Milchgipfel in den letzten Streiktagen habe eine Aufbruchstimmung geherrscht. Alle Parteien seien sich einig gewesen, ein Großteil der Verbraucher habe hinter den Zielen des BdM gestanden. Der Agrarausschuss des Bundesrates blockte ab - und signalisierte damit zugleich weiterhin hohe Milchmengen. Die Händler verstanden, die Preise fielen erneut. Stattdessen gab es neue Subventionen. Gebhard: "Und das, obwohl die Lösung des BdM viel mehr eingespart hätte. Wir haben die Verantwortung an die Politik abgegeben. Und die Bauern zahlen jetzt die Zeche." Ein Ende des Preisabsturzes sei nicht in Sicht, erklärt Gebhard: "An einer Veränderung führt letztendlich kein Weg vorbei."
(Quelle: http://www.szon.de/lokales/tettnang/stadt/200901080082.html)
Das schlimme daran ist, daß die eigene Interessenvertretung der Bauern, die beim Gipfel mit am Tisch war und die Beschlüsse mitverfasst hat einen 180 Grad Schwenk gemacht hat und nichts unversucht ließ diese Beschlüsse zu untergraben.
Es wurde von Seiten des Bauernverbandes als eine Art Stillhalteabkommen bis zur bayrischen Landtagswahl verstanden. Der Nutzen für die CSU allerdings war spärlich.
Jetzt wird versucht Seehofer, den das alles nichts mehr angeht, als Verantwortlichen hinzustellen.
Das Ansinnen von Brüssel ist klar und logisch: Milch und Milchprodukte für die EU Verbraucher so günstig wie möglich zu halten und den Markt so frei wie möglich gestalten.
Bei der Versicherungsbranche hat uns das vor ca 10 Jahren auch einen Stop der Beitragssteigerungen und dann eine Senkung gebracht.
Der Verbraucher ist das oberste Ziel der EU Regierung was ja auch nicht falsch ist. Nur diesmal erwischt es eben uns Bauern.
Hier die Bauern an die Leine zu nehmen ist auch viel einfacher als die großen Energiemonopolisten. Im Energiemarkt wird eher mit Samthandschuhen agiert.
Es ist nur schändlich, daß der Bauernverband beim Thema Milch nicht für seine Mitglieder einsteht. 35.000 Milcherzeuger haben sich mit ihrer Unterschrift für eine flexible Mengensteuerung eingesetzt.
Würden Sonnleitner u. Co. diese Interessen vertreten, wäre ein BdM überflüssig. Stattdessen wird gekuscht und der Kampf für eine flexible Mengensteuerung von vornherein als verloren angesehen.
Beim Thema Milch wird soviel Energie innerhalb der Bauernschaft unnötig verschlissen, die für gemeinsame Ziele dringend nötig wäre.
Mfg
@ Bauer Bernie [#2]
Stattdessen wird gekuscht und der Kampf für eine flexible Mengensteuerung von vornherein als verloren angesehen.
Könnten Sie mir bitte kurz erklären, was mit einer flexiblen Mengensteuerung im positiven Sinn gemeint / gewollt ist ?
@ Richard Ebert [#3]
Eine flexible Mengensteuerung sollte folgende Kriterien erfüllen:
- Geltungsbereich komplette EU
- Grundlage die derzeitige Quote
- Möglichkeit je nach Aufnahmefähigkeit d. Marktes zeitnah Referenzmenge um z.B. 2 % zu erhöhen, bzw. zu verringern.
Die Autoindustrie macht es uns doch derzeit vor, wie man reagieren soll, wenn der Markt voll ist.
Nur die Bauern sollen einen übervollen, nicht mehr aufnahmefähigen Markt nochmals mit 2,5 % mehr Rohstoff zuschütten.
Gewollt ist somit ein funktionierender Markt, der den Erzeugern ein auskömmliches Einkommen bringen soll und der keinerlei Subventionen wie Michfondsgelder benötigt.
Die andere Variante, nämlich die Abschaffung der Quote und die komplette Freigabe des Marktes wird den Staat und damit den Steuerzahler auf lange Sicht mehr kosten.
Gründe:
- o.g. Subventionen zum Bau großer Ställe
- massive finanzielle Unterstützung der Rindviehhalter in Bergregionen wie Allgäu, Schwarzwald, Mittelgebirgslagen.
- Aufgabe der Milchviehhaltung in diesen Regionen.
- Arbeitsplätze gehen dort verloren
- Attraktivität der Urlaubsregionen sinkt
- Ökologisches Gleichgewicht gerät in Gefahr wenn Bergwiesen nicht mehr beweidet werden.
Da Brüssel nicht ohne weiteres zusehen wird wie Erzeuger das Angebot selbst steuern und somit Billigpreise verhindern können, haben die Milcherzeuger einen steinigen Weg vor sich.
Was ganz freie Märkte anrichten können, dürfen wir momentan tagtäglich miterleben.
Übrigens: Die Bereitschaft beim Milchstreik mitzumachen sank mit steigender Betriebsgrösse.
Da ich einen großen Lohnunternehmer in Schleswig-Holstein sehr gut kenne fragte ich ihn nach dem Grund. Seine Antwort war, einige seiner Kunden mit großen Kuhherden könnten es sich nicht leisten hier mitzumachen. Die mittleren Betriebe seinen finanziell deutlich gesünder.
Mfg
BB
@ Bauer Bernie [#4]
Danke für die anschaulichen Beispiele.
Leider entnehme ich dieser auch, dass bei Abschaffung der derzeitigen Subventionen andere Subventionen ausgebaut oder neu angeboten werden müssen.
Alles zusammen wird einen weiteren Subventions-Wettbewerb in Europa oder weltweit auslösen oder verstärken.
Nicht dass mich jemand falsch versteht, ich gönne jedem sein Einkommen, gleich woher. Die Folge der Subventionen (Banken, Automobilbau, Krankenkassen, Landwirtschaft, Tabakanbau und weitere 100 Branchen) wird in einigen Jahren zu spüren sein in nicht mehr finanzierbaren Staatsschulden und/oder einer rasant steigenden Inflationsrate und damit der Entwertung von Anleihen, Sparbriefen, Bankeinlagen und aller unserer Renten.
Schöne Grüsse, Richard Ebert