Milch: Europas Erzeuger und Verarbeiter sitzen in einem Boot
Milchmarkt in Europa: Milcherzeuger und Verarbeiter sitzen in einem Boot
Von Karl Schweinberger
Agrarheute.com, München (23.04.10) - Die Politik zieht sich immer mehr aus dem Milchmarkt zurück. Agrarjournalist Karl Schweinberger kommentiert dazu die unterschiedlichen Standpunkte und Erfahrungen anderer Länder.
Mengensteuernde Eingriffe auf EU-Ebene haben an Wirkung eingebüßt. Allerdings ist unbestritten, dass die Intervention von Butter und Magermilchpulver im letzten Jahr zu neuen Ehren kam und ein weiteres Absacken der Milchpreise verhindert hat.
Inzwischen hat sich die weltweite Nachfrage wieder erholt und die Auszahlungspreise haben wieder angezogen. Von Seiten der EU bedarf es nun viel Fingerspitzengefühl, diese Interventionsbestände ohne große Störungen wieder im Markt unterzubringen.
Kooperationen zur Verbesserung der Marktstellung
Für künftige Marktgleichgewichte werden die am Markt Beteiligten wohl selbst sorgen müssen. Denn gezielte Preis- und Mengenabsprachen sind nach deutschem und EU-Wettbewerbsrecht verboten, stellte das Kartellamt in seinem Bericht fest. Selbst einheitliche Lieferverträge mit "allgemeinverbindlichen Preisindexierungen" seien Preisabsprachen. Die EU-Kommission hatte sich schon vorher gegen jegliche Produktionsdrosselungen ausgesprochen. Das Kartellamt weist auf die Möglichkeiten von Kooperationen und Angebotsbündelungen hin, um die Marktstellung der Milcherzeuger zu verbessern. Preisempfehlungen, also keine Preisabsprachen, seien dabei durchaus zulässig. Über die Wirkung solcher unverbindlicher Preisempfehlungen zu diskutieren, erübrigt sich.
Schweizer Branchenlösung kommt nicht in Gang
Auf dem internationalen Kongress der Agrarjournalisten in Belgien wurde bei Gesprächen mit ausländischen Kollegen mehr als deutlich, wie unterschiedlich die Standpunkte und Erfahrungen in diesem Bereich sind. Die Branchenlösung Milch in der Schweiz kommt nicht richtig in die Gänge, die Markteinflüsse sind stärker als vermeintliche Instrumente zur Regelung eines Marktgleichgewichtes. In Belgien, Holland und Dänemark konzentriert man sich mit aller Macht auf das Besetzen von Exportmärkten, da der europäische Binnenmarkt weitgehend gesättigt ist. Die Franzosen wollen mit allgemeinverbindlichen Vertragsgestaltungen den gordischen Knoten durchschlagen. Selbst aus Kanada ist zu hören, dass die knallharten administrativen Eingriffe in den Milchmarkt nicht WTO-konform und damit nicht zukunftsträchtig seien. Es wird bereits das australische Modell - Quotenausstieg mit Anpassungshilfen – zur Sprache gebracht.
Milchpolitik formiert sich neu
Was ist daraus abzuleiten? Die Milchpolitik in Europa formiert sich derzeit neu. Eingriffe in den Markt sind am Auslaufen. Intervention und Exporterstattungen werden weiterhin als Sicherheitsnetz bei extremen Marktsituationen sinnvoll sein. Trotzdem werden auf Grund der weltweit anziehenden Nachfrage die Auswirkungen auf den Milchmarkt durchaus positiv eingeschätzt. Die Milchbauern brauchen dazu leistungsfähige Molkereien, die den hochwertigen Rohstoff Milch zu ebenfalls hochwertigen Produkten verarbeiten und vermarkten.
Produktion und Marketing am Markt ausrichten
Damit die Lieferanten ihren gerechten oder fairen Anteil davon bekommen, ist ein Hauptaugenmerk auf die Vertragsbeziehungen zwischen Erzeugern und Verarbeitern zu richten. In Deutschland wird vielfach unterschätzt, dass knapp die Hälfte der Milchprodukte exportiert werden müssen. Das erfordert am Markt ausgerichtete Produktions- und Marketingstrategien. Das Sinnbild vom Sitzen im gleichen Boot ist hier angebracht, ein Denken nur in begrenzten Regionen und Märkten nicht hilfreich. Hilfreich ist dagegen in Bayern die Aufnahme der MEG Milch-Board Günzburg in die Bayern MeG. Nur so lassen sich die tiefen Gräben unter den Milchbauern wieder zuschütten.