Milch: Preise auf tiefstem Niveau seit 20 Jahren
Milcherzeugerpreise 2009 auf 20-Jahres-Tief - Vorjahresniveau um fast 10 Cent unterschritten
Agrarheute.com / AgE, Berlin (22.12.09) - Für Deutschlands Milcherzeuger findet in diesen Tagen ein Jahr mit Negativrekorden bei den Erlösen seinen Abschluss. Das ausgehende Jahrzehnt endet mit dem schlechtesten Milchpreis für die deutschen Erzeuger in den vergangenen 20 Jahren.
Wie der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes (MIV), Eckhard Heuser erklärte, endet das ausgehende Jahrzehnt mit dem schlechtesten Milchpreis für die deutschen Erzeuger in den vergangenen 20 Jahren. Die Zentrale Milchmarkt Berichterstattung (ZMB) rechne mit einem Jahresdurchschnittspreis von etwa 24,3 Cent pro Kilo für das Kalenderjahr 2009, nach 33,8 Cent pro Kilo im Vorjahr und 33,5 Cent pro Kilo im Jahr 2007.
Dementsprechend habe sich das bäuerliche Einkommen der Milcherzeuger trotz der entkoppelten Milchprämien aus Brüssel verringert. Auch die Molkereien hätten unter schlechten Umsätzen gelitten. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes seien im In- und Ausland 17 Prozent weniger umgesetzt worden. Damit liege die deutsche Molkereiwirtschaft allerdings im allgemeinen Trend der Umsatzentwicklung der Ernährungswirtschaft. Als Gründe für den Preis- und Umsatzverfall sieht Heuser zunächst einmal die allgemeine Banken- und Wirtschaftskrise. Gerade im Ausland hätten sich die Nachfrager stark zurückgehalten.
Aussichten zur Marktlage
"Die Hochpreisphase 2007 und 2008 führte darüber hinaus zu weniger Einsatz von Milcherzeugnissen in den Rezepturen der Lebensmittelindustrie; Pflanzenfett ersetzte Butterfett, Sojaeiweiß drang in die Zutatenliste von Lebensmitteln", bilanzierte der MIV-Hauptgeschäftsführer.
Für 2010 erwartet er bessere Erzeugerpreise und gesteht gleichzeitig zu: "Eine leichte Prognose, wenn man vom historischen Tiefststand aus prognostiziert." Die höheren Weltmarktpreise würden zusätzlich den europäischen Milchpreis stützen, auch wenn die EU-Kommission in der Zwischenzeit die Exporterstattungen auf Null gesetzt habe. Der Weltmarkt müsse ein neues Gleichgewicht finden ohne die Stützung der Preise durch Brüssel.
Viele Milcherzeuger warten ab
Agrarpolitisch waren laut Heuser die Weichen schon 2008 gestellt. "Die Health-Check-Beschlüsse aus Brüssel werden 2009 bis 2013 umgesetzt. Die Milchquote wird generell erhöht, Italien bekommt einen Sonderzuschlag und die Fettgehaltskorrektur wird minimiert", resümiert der MIV-Hauptgeschäftsführer. Das habe dazu geführt, dass die Europäische Union ihre Milchquote nicht mehr erfülle; auch Deutschland drohe derzeit zumindest keine Superabgabe infolge einer Überlieferung.
Brüssel habe bereits seit dem Winter 2008/09 die Milchmärkte gestützt, zunächst mit Beihilfen zur privaten Lagerhaltung von Butter, dann mit der Wiedereinführung der Ausfuhrerstattungen sowie umfangreichen staatlichen Ankäufen über Monate hinweg in allen milchstarken Mitgliedstaaten. "Alle Maßnahmen haben geholfen, den Milchpreis auf unterem Niveau zu stabilisieren und ab Spätsommer steigen zu lassen", so der MIV-Experte. Nach den vorläufigen Zahlen der statistischen Ämter habe der niedrige Milchpreis trotzdem nicht den Strukturwandel beschleunigt. Viele Milcherzeuger warteten ab und hofften auf bessere Preise.
Umfangreiche Auslagerungen ab Mai
Mit Blick auf die Rahmenbedingungen für 2010 geht Heuser davon aus, dass die Weltwirtschaftskrise ihren Schrecken verliert und die Kreditklemme sich auflöst. Zu den Aussichten für den Milchmarkt meint er: "Die Quotenerhöhungen wirken nur in wenigen Mitgliedstaaten. Beispielsweise liegt Frankreich um 8 Prozent unter der eigenen Quotenlinie." Bestände in privater Hand seien knapp, in öffentlicher Hand allerdings reichlich vorhanden. "Ab Mai 2010 soll umfangreich ausgelagert werden. Dieser Beschluss der EU-Kommission verwundert doch sehr, weil er getroffen wurde unabhängig vom erwarteten Marktgeschehen im Mai 2010", unterstreicht Heuser mit Blick auf die Ankündigung der Kommission, Mittel aus öffentlichen Beständen für die Bedürftigenhilfe freizugeben.
Vorgesehen ist die Abgabe von zusammen 1,5 Millionen Tonnen Getreide, 35.000 Tonnen Zucker, 65.000 Tonnen Milchpulver und 51.000 Tonnen Butter aus öffentlichen Vorräten. Der MIV-Hauptgeschäftsführer forderte vor dem Hintergrund zurückliegender Milchlieferstreiks und der Debatte um Analogkäse, es müsse alles vermieden werden, was zur Verunsicherung der Verbraucher beitrage.
Nachfragezuwachs über Produktionssteigerung
Die letzten Preiserhöhungen im Bereich der "weißen Linie" tragen Heuser zufolge seit diesem Monat zu einer Verbesserung der Umsätze der Molkereien bei. Auch bei Massenprodukten wie Butter und Milchpulver seien die Notierungen deutlich besser als im Vorjahr. "Die ‛Weihnachtsmilchmengen’ sind verplant, die Intervention muss nicht genutzt werden. Das sind keine schlechten Vorzeichen für den Jahreswechsel", resümierte Heuser. Die Milchpreise 2010 würden besser ausfallen als in diesem Jahr. Neuseeland habe gerade sein Produktionshoch überschritten. Damit liege die Zunahme der Weltnachfrage über dem Zuwachs der Weltmilchproduktion, also eine Zeit zum Abbau von Beständen in Europa.
Bislang akzeptiere der Weltmarkt die europäischen Preise allerdings nicht. Die Bäume wachsen denn auch Heuser zufolge nicht in den Himmel, weder bei den Umsätzen und Erträgen der Molkereien noch bei den Milchpreisen. "Erreichen letztere wieder ein vernünftiges Niveau, stimuliert dies die Produktion; nicht so sehr in Deutschland, mehr in Frankreich, Osteuropa oder Irland", so der MIV-Fachmann. Wenn Brüssel nicht vernünftig mit den Beständen umgehe, sei auch ein öffentlicher Ankauf nicht ausgeschlossen.