Richard Ebert
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Schweine: Vielfältige Probleme in der Vermarktung

Quo vadis Vermarktung? – Gastkommentar von Thomas Otto, Schweinehalter aus Hessen

Liebe Berufskollegen,

aktuell haben wir es mit einem ruinösen Markt für Ferkelerzeuger und Schweinemäster zu tun. Bereits jetzt sind die Futterkosten so hoch, wie in dem für Schweinehalter katastrophalen Jahr 2007/2008. Aufgrund der derzeitigen Witterungslage ist keine Verbesserung des Angebotes an Getreide und damit eine Futterkostenreduzierung in Sicht.

Der Dioxinskandal vom Januar 2011 und die dadurch in Anspruch genommene Einlagerung in die private Lagerhaltung belasten zusätzlich den Markt. Das Einlagerungen in Niedrigpreisphasen und die staatlich geförderte Lagerhaltung, ausschließlich der Schlachtindustrie dienlich sind, ist bekannt und wird von einigen Marktbeteiligten recht kommentarlos hingenommen.

Die von Herrn Tönnies in seiner Bilanzpressekonferenz Anfang Februar gemachte Aussage:

"In wenigen Wochen werde die Krise auf dem Fleischmarkt nach den Funden von Dioxin im Futter von Geflügel und Schweinen überwunden sein, sagte Tönnies. «Die Produktion läuft seit zwei Wochen auf Volllast.» Die Verunreinigung des Futters sei eine «kriminelle Handlung gewesen, die man nicht verhindern kann». Den Unternehmen seien erhebliche Mehrkosten durch Lagerung und Dioxin-Tests entstanden. Auf diesen Kosten bleibe die Branche wohl sitzen."

steht in einem krassen Gegensatz zu den Tatsachen.

Sicherlich ist es so, dass auf die Schlachtunternehmen erhebliche Mehrkosten zugekommen sind, die durch Lagerung und die Dioxin-Tests entstanden. Ich bezweifle jedoch, dass durch den Dioxinskandal die Marge der Schlachtunternehmen zwischen Einkauf und Verkauf reduziert worden ist. Den Schaden tragen die Landwirte, die erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen mussten. Ausgehend von einer wöchentlichen Schlachtung von ca. 1 Mio. Mastschweinen haben die Landwirte Umsatzeinbußen von insgesamt ca. 80 bis 100 Mio. € zu verzeichnen.

Wenn der viel beschworene Markt alles regeln soll, so tut er das nur, wenn die Marktpartner auf "Augenhöhe" verhandeln können. Das ist allerdings im Moment eine Illusion. Die Konzentration auf der Abnehmerseite wird zu ähnlichen Verhältnissen wie in Dänemark oder der Geflügelbranche führen. Der Landwirt wird zum Angestellten im eigenen Stall (eventuell auch nur Angestellter).

Es findet keine faire Preisfindung mehr statt. Die großen Marktteilnehmer auf der Abnehmerseite drohen nicht nur mit Hauspreisen, sondern setzen diese auch radikal durch. Wenn wir als Landwirte bestehen und nicht von der Industrie geschluckt werden wollen, müssen wir von der Ablieferungsmentalität verabschieden und unsere Produkte aktiv vermarkten. Dies ist eine große Herausforderung! Leider werden die Märkte nicht nur von Angebot und Nachfrage beeinflusst, sondern auch Gerüchte und Spekulationen sind maßgeblich an der Preisfindung beteiligt.

Wenn wir aktive Vermarktung betreiben wollen, müssen wir einiges ändern, um als gleichwertige Marktpartner anerkannt zu werden. Dazu muss einem großen Nachfrager, ein großer Anbieter gegenüberstehen. Hierbei helfen nicht Erzeugergemeinschaften, die 200.000 - 300.000 Mastschweine vermarkten, sondern Gemeinschaften, welcher Rechtsform auch immer, die mindestens 20% des Schlachtschweineaufkommens in ganz Deutschland hinter sich wissen. Erst wenn die Schlachtindustrie sich in eine gemeinsame Strategie für höhere Erzeugerpreise einbeziehen lässt und sich nicht als Preisdrücker des Lebensmitteleinzelhandels versteht, ist eine den Produktionskosten angemessene Preisfindung möglich. Es geht bei dieser Preisfindung um einen angemessenen Basispreis, der Spielraum für "sonstige" Auf- und Abschläge soll erhalten bleiben und genügend Eigenständigkeit des Einzelnen wahren.

Dazu kommen die vielfältigen Probleme der Mastschweinevermarktung. Schwankende Ausschlachtungsergebnisse, merkwürdige Unregelmäßigkeiten bei den FOM- und auch Auto-FOM-Werten, werfen zu mindestens Zweifel an der Erfassung dieser Werte auf. Die "neutrale" Klassifizierung, die von uns Landwirten mit bezahlt wird, scheint ihren Anforderungen nicht gerecht zu werden. Ich werbe dafür, dass die Landwirte "freie" Klassifizierer auf die Schlachthöfe schicken können und dass diese Personen freien Zugang zu allen Wiegeeinrichtungen und Klassifizierungsgeräten erhalten, schließlich hat ja keiner etwas zu verbergen.

Ein weiterer diskussionswürdiger Punkt, sind die Vorkosten. Die Kosten für den Transport sind gerechtfertigt, aber wie sieht es mit den Erfassungskosten oder Schlachthofkosten aus, was hat der Lieferant damit zu tun? Unterschiede von 1,50 - 5,00 € pro Tier, die zur Diskussion stehen, ergeben bei 50 Millionen vermarkteten Tieren einen hohen Betrag, der an der Landwirt vorbei geschleust wird.

Zu hoffen ist, dass die Schlachtindustrie erkennt, dass sie mit der Landwirtschaft einen starken Partner an der Seite hat, der gleichzeitig fair behandelt werden will. Es darf nicht sein, dass der derzeitig ruinöse Markt allein auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen wird.

---

Thomas Otto aus Wabern (Hessen) bewirtschaftet mit seiner Familie einen Schweinemastbetrieb. Mit zwei weiteren Partnern betreibt Herr Otto Sauenhaltung.

(Quelle: http://www.schweine.net/quo_vadis_vermarktung__gastkommentar_von_thomas_ot.html )

Bild entfernt.

Seitwärtstrend am Schweinemarkt bei steigenden Kosten, vor allem für Futter.

Geschrieben von Richard Ebert am
papuawenzel
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Ein sehr guter Bericht zur Lage/Situation. Ich hatte immer gedacht/geglaubt, dass die ISN hier eine Aufgabe für sich sehen würde. Bin aber leider total enttäuscht, wie fast alle Schweinehalter.

Bei der ISN scheint es wie in der Politik: Man übernimmt mit den allerbesten Vorsätzen ein Mandat. Ist man erst in der Mühle drin, zeigen die alten Hasen, was vom Vorhaben umgesetzt werden kann-Nichts! Hier tanzt alles nach unserer Pfeife, Basta.

Was ist eigentlich aus den "Abtrünnigen" der ISN geworden ?

Richard Ebert
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@ papuawenzel [#2]

Was ist eigentlich aus den "Abtrünnigen" der ISN geworden ?

Eine Minderheit der "Abtrünnigen" ist in die Gremien gewählt worden und auch die anderen haben sich wieder voll der ISN angeschlossen.

Man möge mich korrigieren, wenn ich nicht alles korrekt geschrieben habe.

Die vielen Klagen wegen anhaltender Verluste der Mäster werden auch in diesem Jahr nichts bringen - viel höher werden die Preise nicht mehr steigen - und schon wieder ist ein Jahr vorbei, in dem sich an der Situation nichts verbessert hat.

Schöne Grüsse, Richard Ebert

Bild entfernt.

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