paul
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Weizen: Börsenbewertung sehr unterschiedlich

Weizen ist eine Handelsware die ohne große Probleme weltweit transportiert werden kann. Also müsste sich auch weltweit die Preisbildung ähnlich entwickeln, bzw. immer wieder zügig zumindest an den Börsen angleichen.
Vergleicht man die tatsächliche Entwicklung an den unterschiedlichen Börsen, dann hat es in den letzten Monaten doch erhebliche Unterschiede in der Bewertung ergeben.

Beispiel: Bewertung Märzweizen 2011
Anfang August 2010 lag der €/Dollarkurs bei etwa 1,30 ,heute auch etwa 1,30 also + /- 0.
Anf.August bewertete Chicago den Märzweizen mit 770 $, heute auch 770 $ also auch +/- 0.
Anf.August bewertete Paris (Matif) den Märzweizen mit etwa 210 €, heute mit 254 €, also +44 € = +22!! %.

Da stellt sich die Frage: Gab es in den letzten Monaten eine Angleichung der Bewertung oder gibt es in nächster Zeit eine Korrektur an einer der Börsen.?

Gruß Paul

Geschrieben von paul am
Bre
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@ Paul #1

Die Erklärung des höheren Anstiegs der Pariser Weizenkurse im Vergleich zu den CME-Kursen dürfte in den veränderten Warenströmen dieses Getreidewirtschaftsjahres sowie in den unterschiedlich knappen Überhangbeständen zwischen EU und USA am Ende des Jahres bestehen.

Der weitgehende Ausfall der Exporte (ca 30 Mio t) aus dem Schwarzmeergebiet (Exportstopp Russland, Kontingente in Ukraine) hat dazu geführt, daß die klassischen Importländer an der nordafrikanischen Küste und aus dem Nahen Osten (ca. 45 Mio t) sich umorientiert haben. Die transportkostengünstigen Exportmöglichkeiten aus Frankreich und Nordeutschland (bisher ca 16 Mio t) waren der nächstliegende Adressat. Dazu kam zur Wettbewerbsunterstützung der nicht zu starke Euro-Kurs, der EU-Ware gegenüber US-Ware relativ wettbewerbsfähiger machte. Da aber die EU-Ernte trotz hoher Anfangsbestände von 42 Mio t der drängenden Nachfrage nicht in vollem Umfange nachkommen kann (man spricht bereits von einem Ausverkauf des EU-Raumes), ergeben sich bereits jetzt rechnerische Endbestände für die EU von 21 Mio t, noch weniger als im Hochpreisjahr 2007/08 mit 25 Mio t. Der aktuell schwache Eurokurs treibt die Exportnachfrage weiter voran und es ist gerade die Halbzeit vorbei.

Daraus könnte eine Marktkonstellation entstehen, daß im Falle einer verzögerten Ernte und/oder einer nochmaligen schwachen Ernte 2011 die EU-27 über keine ausreichenden Pufferungsreserven mehr verfügt. Die letztjährige Ernte betrug gerade 280 Mio t und war damit deckungsgleich mit dem lfd Verbrauch. Für eine preisneutrale Versorgungssicherung braucht man ein Verhältnis von Endbestand zum Verbrauch (stock to use ratio) in der EU-27 von etwa 12 % also ca 33 Mio t. Es wird also noch kritischer für die EU-Versorgung zu "normalen" Preisen. Entsprechend ist der Preisanstieg an der Pariser Börse in den letzten Monaten stärker ausgefallen als an der CME.

Die USA verfügen über ein reichliches Polster an Weizen. Deren Problem ist die mangelnde Wettbewerbwerbsfähigkeit, wenn der Weizenexport über den relativ "hohen" Dollarkurs in ein transportfernes Importgebiet wie Mittelmeerraum nicht mithalten kann. Die US Marktkommentare sprechen Bände, wenn mal wieder ein Verkaufstender an den USA vorbeigegangen ist.

Diese Marktkonstellation dürfte noch eine Weile anhalten, bis zunehmend mehr Klarheit über den möglichen Ausgang der kommenden Ernte entsteht. Es wäre noch über unterschiedliche Qualitäten zu reden, die aber in der aktuellen Marktsituation nicht die Bedeutung wie zu "normalen" Zeiten haben.

MFG
Bre

paul
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12 Jahre 6 Monate

@ Bre [#2]

Die Begründungen sind für das Handeln der Börsenteilnehmer phsychologisch verständlich, ändern aber nichts am Stand der weltweit zur Verfügung stehenden Gesamtreserve. Wie gesagt, der Dollar ist nicht besser bewertet als Anfang August, und die Transportkosten von USA zum Mittelmeerraum rechtfertigen sicherlich keine Preisdifferenz von 44 €/to zugunsten Europas.
Heute wieder an der Matif +/- 0, in Chicago - 1,5 %.(759$)
Das riecht für die nächsten Tage nach einer starken Korrektur an der Matif.

Gruß Paul

Bre
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12 Jahre 2 Monate

@ Paul #3

Ein Kommentar:

EU Wheat-Export Slump Signals Tightening Supplies, Analysts Say

A two-week slowdown in European Union wheat exports indicates that grain from the 27-nation bloc is becoming less competitive in world markets as tightening supplies raise local prices, analysts said.

The EU licensed 72,000 metric tons of soft wheat for export in the latest week, figures showed on Jan. 6, the least since January 2008. That was a 62 percent plunge from the prior week, when licenses slid 41 percent. Export licenses in all of December were less than the record 1.03 million tons for a single week in September.

Wheat more than doubled in the past 12 months in Paris trading, exceeding the 36 percent increase in Chicago prices. March-delivery wheat closed at the equivalent of $323.88 a ton on NYSE Liffe in the French capital on Jan. 7, compared with $285.59 recently for the grain on the Chicago Board of Trade.

“It’s price-rationing,” Alexandre Marie, a wheat analyst at Bourges, France-based farm adviser Offre et Demande Agricole, said of the slowdown via phone on Jan. 7. “We don’t have a lot of wheat left, we have problems supplying the European market, so we have to slow down exports.”

Egypt, the world’s largest wheat importer, opted for U.S. and Argentine grain at a tender on Dec. 28 after buying from France twice earlier in the month. Paris-traded wheat climbed 6.1 percent between the latest purchase and the prior tender on Dec. 15, more than the 4.4 percent gain in Chicago.

Shrinking Surplus

Comparative prices “have been clearly indicating to major purchasers of European wheat that they should start looking elsewhere,” Alex Bos, an analyst at Macquarie Bank in London, said via phone on Jan. 7.

France may start to run down its shippable surplus of wheat by the end of March, crops office FranceAgriMer said last month. French soft-wheat exports outside the EU will rise to a record 11.6 million tons in the current 2010-2011 crop year from 9.8 million tons in the prior period, it said.

The country is forecast to be the world’s second-largest wheat exporter in the crop year behind the U.S., according to the International Grains Council and FranceAgriMer. France stands to benefit after drought destroyed part of Russia’s crop and floods in Canada and Australia hurt local production.

Above-average rain during last year’s harvest in Germany, normally a supplier of milling-grade wheat within Europe, lowered part of the local crop to feed quality.

Wheat Inventories

“Europe needs to begin rationing wheat-export demand or risk an extremely tight balance sheet at the end of the marketing year,” Macquarie’s Bos said.

Wheat stockpiles in France, the EU’s largest grower of the grain, are forecast by FranceAgriMer at 2.15 million tons when the crop year ends this June. That would be a decline of 37 percent from a year earlier.

EU soft-wheat export licenses in the crop year, which started July 1, totaled 11.2 million tons as of the latest week, up 26 percent from a year earlier. While exports won’t grind to a halt, France should focus on traditional customers such as Algeria, according to Marie at Offre et Demande.

“We’re only halfway through the marketing year, and in the global context there’s a string of disasters, except for France and the U.S.,” he said. “France has given all it’s got. Its exports need to slow down. The U.S. will have to relieve it.”

bloomberg

P.S.: Heute erwartet man vom USDA-Report einige richtungsweisende Signale

MFG
Bre

paul
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Trotz besserem Eurokurs, die differenzierte Entwicklung setzt sich weiter fort.

Gruß Paul

peterg
Mitglied seit
12 Jahre 6 Monate

@ paul [#5]

Unabhängig von anderen Aspekten, auf die Bre schon eingegangen ist:

Ist Chicago-Weichweizen mit dem Paris-Weizen qualitativ vergleichbar ?

Oder sollte man besser mit dem proteinreicheren Kansas Hartweizen vergleichen.

Dann sieht die Sache so aus:

Bre
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@ Paul

Eurokursschwankungen in "kleinem" Umfange spielen für die Preisfindung nur eine begleitende unterstützende Funktion, maßgeblich sind die relativen Knappverhältnisse in der jeweiligen Region, genauer gesagt das Verhältnis der Endbestände zum Verbrauch ("stock to use ratio").

Der räumliche Ausgleich zwischen Über- und Zuschußregionen kann zwar grundsätzlich über die relativ preisgünstigen Überseetransportkosten (siehe Freight rates US Gulf - Rotterdam) ausgeglichen werden, ist aber auch nicht allein entscheidend, sondern nur ein weiteres Rädchen im gesamten Preisbildungsmechanismus.

Im übrigen kommt es nicht auf die globalen Vorräte insgesamt an, sondern auf die sog. "mobilen" Vorräte der traditionellen Exportländer, also diejenigen, die im Bedarfsfalle in der Lage sind, Ware auch zu den Importstaaten in Bewegung zu bringen. In diesem Jahr reduziert sich die Zahl dieser Länder erheblich (Totalausfall Russland, kontingentiert Ukraine, eingeschränkt und vorläufig behindert Australien und Argentinien)und konzentriert sich zurzeit schwerpunktmäßig auf Nordamerika und Europa.

Überzeugendes Beispiel ist der weltweite Weizenvorrat mit rd. 175 Mio t, davon allein in China mit 60 Mio t. China wird nicht ein Gramm dieser Reserven auf den Markt bringen, im Gegenteil, angesichts der aktuell aufkommenden trockenheitsbedingten chinesischen Versorgungsprobleme noch auf dem Weltmarkt zukaufen. Von den weltweit etwa 100 Mio t mobilen Reserven liegen allein in den USA rd 40 %, Europa trägt mit knapp 25 % dazu bei. Während der Versorgungsgrad bei Weizen in den USA mit 70 % Stock to use ratio mehr als üppig ausfällt, beträgt der Versorgungsmaßstab in der EU-27 gerade mal 10,6 %. Bei uns wird's eng, in den USA - noch - nicht.

Qualitätsunterschiede spielen in jüngster Zeit eine wieder wachsende Rolle, seit Australien - als einer von zwei Anschlußversorgern für das 2. Halbjahr - rd. die Hälfte seiner Weizenernte auf Futterweizenniveau hat degradieren müssen. In Verbindung mit den reduzierten argentinischen Weizenexporten, zuletzt durch Hafenarbeiterstreiks behindert, wird die weltweite Versorgungslage bei Qualitätsweizen immer enger.

Wenn man weniger auf die Preisrelationen der vorderen als der hinteren Termine zwischen Chicago und Paris schaut, wird man eine zunehmende Annäherung erkennen, wobei die schwächeren Euronext-Kurse sich deutlich befestigen.

Aus aktuellem Anlaß der politischen Turbulenzen im Mittelmeerraum sowie des Frosteinbruchs in den USA mit befürchteten Auswinterungsschäden in wenig schneebedeckten Weizenanbaugebieten, kommt noch einmal Bewegung in die Kursentwicklungen der Amerikaner und die Europäer werden auf dem Fuße folgen, denn schließlich sind die USA Marktführer.

MFG
Bre

Gast

Hallo Ihr,
ich habe mich soeben hier angemeldet weil ich gesehen habe das Ihr ziemlich gut bescheid wisst was die Agrarpreise angeht!
Ich schreiben gerade meine Technikerarbeit über Getreideeinlagerung... nun bräuchte ich nach irgendwie die Preisentwicklung von Weizen und Raps, der letzten 4-5 Jahre. Wenn mir einer sagen könnte wo ich das finde ...das wäre echt super...
LG Kajana

MZI
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Charts oder Zahlen?

MZI

Gast

wäre beides net schlecht :)

peterg
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Hier !
http://www.chartbuch.de/

Preis-Leistungsverhältnis sehr gut

MZI
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12 Jahre 6 Monate

Im Chartbuch sind aber meines Wissen keine Zeitreihen zum downloaden.

Hier schon:
http://www.hgca.com

Unter: Market Data Center

mfg
MZI

Bre
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@Kajana

Erzeugerpreise für Weizen im Verkauf ländergewogener Durchschnitt auf Bundesebene in €/t o. MWST

Jahr Jan Febr Mar Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez 2005 94,35 94,78 95,35 95,58 96,00 96,74 93,78 89,66 90,07 90,82 92,74 94,54 2006 95,94 97,17 98,65 102,79 108,04 110,09 105,20 105,64 114,85 126,33 134,01 135,28 2007 138,23 137,95 137,94 139,15 141,76 144,46 155,89 186,75 222,58 225,66 216,11 221,95 2008 231,48 237,96 242,52 226,11 201,50 189,62 182,59 161,11 151,67 136,60 129,55 115,28 2009 120,32 126,09 119,62 114,85 123,25 123,52 116,69 102,76 99,15 101,25 105,17 107,54 2010 108,57 108,39 106,49 108,86 113,48 118,25

Quelle: Agrarwirtschaft mehr. Jahrgänge
Für Raps habe ich keine vergleichbare Statistik.
MFG Bre

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