Zucker: Beste Rübenernte aller Zeiten / Exporte aus Deutschland
Beste Zuckerrübenernte aller Zeiten
Giessener Allgemeine Zeitung / kai, Florstadt (05.02.10) - Balsam für die Zuckerrübenanbauer: Ihre 2009er Ernte ist die beste in der 130-jährigen Tradition des Zuckerrübenanbaus in der Wetterau.
Im streng geregelten Zuckermarkt stellt diese Freude die Verarbeiter vor eine Herausforderung: Wohin mit dem Zucker? Denn aus der EU darf der süße Rohstoff nicht exportiert werden, obwohl die Weltmarktpreise längst höher sind, als die in und von der EU festgeschriebenen. Für dieses Dilemma werden nun Lösungen gesucht, die am Freitag während des 10. Wetterauer Zuckerrübentages den rund 250 Landwirten, die nach Florstadt gekommen waren, präsentiert wurden. Außerdem gab es für die Praktiker Tipps und Rat, wie der Rübenanbau in der nächsten Saison ablaufen wird, welches Saatgut das optimale für die Wetterau ist und wie der Partner Südzucker aufgestellt ist.
Was die Landwirte besonders oft in den Beiträgen der Referenten zu hören bekamen: Lob. Zum einen für den Einsatz in der bisher längsten Zuckerrübenkampagne vom 9. September bis 29. Dezember, in der ohne Murren auch am weiten Weihnachtstag die Rüben verladen und zur Fabrik transportiert wurden. Zum zweiten für ihre gute Ernte: Durchschnittlich 12,1 Tonnen Zucker je Hektar konnten aus den Wetterauer Rüben gewonnen werden. Der Rekord-Ertrag setzt sich aus einer hohen Erntemenge (74 Tonnen je Hektar) und einem überdurchschnittlichen Zuckergehalt von 18,2 Prozent zusammen. »Das ist europäisches Spitzenniveau«, sagte der Vorsitzende der Wetterauer Zuckerrübenanbauer, Herwig Marloff (Reichelsheim).
Die vor zwei Jahren begonnene Zuckermarktneuordnung brachte der Wetterauer Landwirtschaft eine Zäsur: Rund 300 Landwirte gaben den Zuckerrübenanbau auf, die Anbaufläche schrumpfte um 2000 Hektar. Das bewog Landrat Joachim Arnold zu einem Vergleich: »Das ist eine Fläche so groß wie Bad Vilbel.« Die Fabrik in Groß-Gerau schloss, die Rüben werden seither nach Wabern (Schwalm-Eder-Kreis) und Offstein (Rheinland-Pfalz) gekarrt. Die Ernte-, Verlade- und Abfuhrgemeinschaften wurden umorganisiert, der Zuckerpreis ans Weltmarktniveau angepasst, also um 36 Prozent gesenkt - und auch die Südzucker fuhr weniger Unternehmensertrag ein. Diese Zeiten sind nun überwunden. Manfred Kröhl (Südzucker Gebietsdirektion West) berichtete von einem gestiegenen operativen Ergebnis - das aber immer noch um mehr als 100 Millionen Euro unter dem von vor der Zuckermarktreform liegt. Die Umstrukturierung habe gegriffen, Südzucker sei für die Zukunft gewappnet. Bedauerlich sei, dass durch die Zuckermarktordnung Wertschöpfung aus dem ländlichen Raum genommen wurde.
»In der Kampagne 2009 hat sich die Zuckerrübe nicht marktkonform verhalten«, sagte Kröhl. Die europäischen Landwirte dürften nur 80 Prozent des EU-Zuckerverbrauchs produzieren, der Rest muss importiert werden. So hat es die Welthandelsorganisation festgelegt.
Bereits als die Rüben noch wuchsen, erkannten die Experten, dass eine sehr gute Ernte zu erwarten sei und begannen auszuloten, wie damit umgegangen wird. Die Idee: Zucker exportieren. Noch Anfang Januar lehnte das die EU ab. Ende Januar kam die Zusage, dass doch Zucker ausgeführt werden darf. Zu EU-typischen starren Regelungen: Je Verarbeiter dürften 500 000 Tonnen exportiert werden. Dafür werden Lizenzen vergeben, die 30 Tage gelten. »Das ist ein logistisches Problem«, erklärte Dr. Thomas Kirchberg vom Südzucker-Vorstand. Abnehmer müssten gefunden werden. Es gebe nur ein Schiff, das losen Zucker verladen kann, der auf See in Säcke abgefüllt wird. Sei das belegt, müsse ab Lager in Hamburg oder Rotterdam abgesackt werden, was kaum binnen 30 Tagen zu bewältigen sei. Folge für die Wetterauer Landwirte: Weil exportiert werden kann, können sie 2010 wieder in etwa die gleiche Menge Rüben anbauen wie im Vorjahr. Wäre es anders gelaufen, müssten die Landwirte ihre 2009 zuviel eingefahrene Menge auf 2010 anrechnen lassen und weniger Rüben aussäen. »Die Zuckerrübe steht im Vergleich der Wirtschaftlichkeit unangefochten an der Spitze«, sagte Marloff. Die Wetterau sei ein idealer Standort für nachhaltigen Rübenanbau und müsse seinen Stellenwert behalten. Unterstützung gab’s von Landrat Arnold, er könne zwar wenig an den EU-Rahmenbedingungen ändern, befürworte den Zuckerrübenanbau für die energetische Nutzung in Biogasanlagen. Die Diskussion »Teller oder Tank« werde oft polemisch geführt. »Die Wetterau bietet alles - Teller und Tank«, betonte Arnold.
Marloff sieht den Zuckerrübenanbau, bis die aktuelle Marktregelung 2014 ausläuft, in ruhigem Fahrwasser. »Wir brauchen nach 2014 einen Außenschutz und eine Quotenregelung«, forderte Manfred Menz, der Geschäftsführer der Wetterauer Zuckerrübenanbauer. Die Landwirte müssten schon jetzt beginnen, dafür zu kämpfen.